René Eugster: Was können Sie uns über die Geschichte der Miami Ad School erzählen?
Pippa Seichrist: Über die Zukunft der Schule zu reden macht mehr Spass als in der Vergangenheit wühlen. Aber interessant ist vielleicht unsere Motvation, die 1993 zur Gründung der Schule geführt hat. Mein Mann Ron und ich waren beide Creative Directors und wir hatten die Idee: Lass uns doch die Schule gründen, welche wir auch selber am liebsten besucht hätten, bevor wir in die Branche eingestie¬gen sind. Wir haben dann über ganz Amerika nach einem geeigneten Ort gesucht und sind schliesslich in South Beach fündig geworden. Hier wollten wir unseren Traum realisieren. In früheren Zeiten war unser Schulhaus eine Freimaurerloge, ein jüdischer Tempel, ein Theater und eine hispanisch-evangelische Kirche. Der Ort hatte grosses Karma.
Nach welchem Konzept haben Sie dann Ihre neue Schule aufgebaut?
Die Schule ist sehr praktisch orientiert. Gleich ab dem ersten Tag gibt es bei uns Training on the Job. Alle Aufgaben sind Projekte, wie sie ein junger Student an unserer Schule auch in einer Agentur betreuen müsste. Dazu sind die Lehrer Fachleute der Branche. Wir haben eine sehr enge Beziehung zu Agenturen in der ganzen Welt. Diese unterstützen uns, indem sie unseren Studenten Praktika anbieten und auch regelmässig ihre spezialisierten Mitarbeiter als Gastdozenten an unserer Schule wirken lassen. Wir arbeiten sogar an echten Projekten bei diesen Agenturen und ihren Kunden mit. Wir haben für Wendy’s, Yahoo, The New York Times, Saturn, Dunkin Donats, Apple, Mini und zuletzt Starbucks gearbeitet. Für unsere Studenten bildet die Schule die Brücke zwischen ihrer Ausbildung und ihrem angestrebten Job. Für Agenturen sind unsere Absolventen von Beginn weg profitabel. Unsere Schulabgänger brauchen später nicht mehr viel zusätzliches Training in der Praxis. Man kann sie sofort auf ein Projekt ansetzen. Das ist eine Win-win-Situation für alle Be¬teiligten.
Welche Studenten bilden Ihre Zielgruppe?
Wir wollen Aussenseiter. Interessante Menschen mit interessanten Perspektiven. Die meisten unserer Schüler haben bereits ein College hinter sich oder hatten einen Job. Zu uns kommen ehemalige Rechtsanwälte, Taxifahrer und Lehrer. Einer war vorher sogar Pornoproduzent. Gemeinsam ist allen, dass sie auf ihrem bisherigen Weg nicht ganz glücklich waren. Sie wollten mehr ihre Kreativität ausleben. Bei uns können sie das nötige Handwerk dazu erlernen und man kann sich bei uns auch das Netzwerk aufbauen, das unabdingbar ist, um in dieser Branche erfolgreich zu sein.
Wie finden diese Leute zu Ihrer Schule?
Die meisten kommen über Mundpropaganda. Viele Profis erzählen viel Positives über die Miami Ad School. Dann machen die Interessierten ein paar Recherchen und stellen bald einmal fest, welche Preise unsere Studenten regelmässig gewinnen und in welchen Jobs die Graduates schlussendlich gelandet sind. Auf diese Weise finden Studenten aus aller Welt zu uns.
Nehmen Sie jeden, der das nötige Kleingeld mitbringt, oder gibt es eine Eintrittsprüfung?
Wir haben ein rigoroses Auswahlverfahren und Anwärter müssen uns ihre kreativen Arbeiten vorweisen. Sie müssen einen Aufsatz schreiben, aus welchem wir herauslesen wollen, wie sie denken. Ein Video muss produziert werden. Dazu verlangen wir Empfehlungsschreiben und wir führen mit allen ein Bewerbungsgespräch. Wir wollen sicherstellen, dass ein Kandidat sowohl geeignet für unsere Schule wie auch für die Branche ist. Wir stellen fest, dass den meisten bereits dieses Auswahlverfahren grossen Spass macht. Werbung ist Fun und wer keine Lust am Pitchen entwickelt, hat wahrscheinlich den falschen Beruf gewählt.
Inzwischen gibt es viele Ableger der Schule. Wieso und wo hat diese Expansion angefangen?
Gleich zu Beginn haben wir regelmässig Gastdozenten nach Miami eingeladen. Sie haben ein paar Tage unterrichtet und dazu unsere Sonne genossen. Wir konnten unseren Studenten aussergewöhnliche Per¬sönlichkeiten aus aller Welt präsentieren: einen japanischen Art Director, einen Planer aus England, ein ganzes Krea-Team aus New York, einen Game-Entwickler aus San Francisco … Mit dieser Erfahrung kam uns die Idee: Anstatt nur Vordenker zu uns nach Miami zu holen, könnten wir auch die Schüler zu diesen Kapazitäten in die Welt hinausschicken. Damit ist unser «Quarter-away-Pro¬gramm» entstanden. Dieses ermöglicht es unseren Absolventen, in Miami zu studieren und gekoppelt damit Praktika in bis zu fünf weiteren Städten zu machen, in denen wir inzwischen Niederlassungen haben. An jedem Standort werden unsere Studenten mit neuen Verfahren und Techniken konfrontiert und sie können sich auch ein wertvolles Netz mit Kontakten in der Agenturszene aufbauen. Der erste Ableger war in Minneapolis, dann kam Chicago mit einem ganzjährigen Praktikum bei Leo Burnett. Es folgten San Francisco, New York und London. Später haben wir die Praktikums-Möglichkeiten mit weite¬ren Vollzeitschulen an den jeweiligen Orten ergänzt. Damit musste das Studium nicht mehr zwingend in Miami starten. Heute haben wir acht Vollzeit-Schu¬len und bieten Praktika auch in Amsterdam, Barce¬lona, Berlin, Brüssel, Buenos Aires, Chicago, Ham¬burg, Madrid, Moskau, Miami, New York und Syd-ney an. Ich habe sicher noch ein paar vergessen.
Wann sind Sie in Deutschland gestartet?
Das war 2004. Oliver Voss, damals der top CD bei Jung von Matt und der am meisten dekorierte Kreative in Deutschland, kam zu uns als Gastdozent – genau gleich wie Sie jetzt aus der Schweiz. Es war sein zweites Gastspiel bei uns und wir wunderten uns, wieso er vor dem Eintreffen ganz offiziell um einen Termin bei Ron und mir gebeten hat. Wir haben ja mit allen unseren Dozenten während ihrer Zeit hier einen sehr engen und häufigen Kontakt. Beim Dinner klärte es sich dann auf. Oliver Voss fragte uns, ob er eine Miami Ad School in Hamburg eröffnen dürfe. Er meinte, dass Unterrichten eine der lohnendsten Dinge in seinem Leben gewesen sei. Und er war überzeugt: Deutschland benötigt eine solche Schule wie die Miami Ad School. Er machte uns mit Niklas Frings-Rupp bekannt, damals Account-Manager bei Springer & Jacoby. Zusammen beschlossen wir dann, die Schule zu gründen. In unserer Lobby in Miami haben wir Uhren mit der Zeit all jener Orte, wo es eine Ad School gibt. Jetzt zeigt auch noch eine Kuckucks-Uhr die jeweilige Zeit in Deutschland an.
Was sind Pläne für die Zukunft?
Oh Goodness, there ist so much! Im Sommer starten wir Miami Ad School Istanbul. Das wird die erste Schule für Werbung in dieser Region. Schulen in Mexico City und Mumbai sind ebenso in der Pipeline. Wir sind auch am Experimentieren, wie wir ein Online-Studium anbieten könnten. Alle unsere Standorte sind sehr gut verlinkt mit den Möglichkeiten einer Video-Konferenz und oft ha¬ben wir im Unterricht Klassen aus verschiedenen Schulen zugeschaltet. Wir entwickeln Plattformen, wo sich Schüler und Dozenten weltweit austau¬schen können. Unser Lehrplan ist online verfügbar und Dozenten können hier eigene Vorschläge einbringen. Wir planen auch eine globale Student Award Show mit Arbeiten all unserer Studenten. Diese können sich weltweit einloggen und die Ent-wicklung der besten Cases ihrer Mitschüler in Moskau, Sydney, Madrid oder San Francisco mit verfol¬gen. Jurymitglieder können Kommentare abgeben, wieso sie bestimmte Ideen ausgewählt haben und was man daran noch verbessern könnte. Wir entwickeln auch ein Online-Partner-Programm mit Universitäten. Damit können Studenten über das Netz bei uns mitmachen, während sie immer noch physisch an einer Universität die Vorlesungen be¬suchen. Nach dem Abschluss an der Uni dürfen diese Teilnehmenden dann ein Jahr lang eine Miami Ad School nach freier Wahl irgendwo in der Welt besuchen. Wir nennen dieses Programm «Jump Start», weil es den Studierenden eine gute Starthilfe bei ihrer Jobsuche bietet. Im Angebot sind auch kurze Online-Kurse für Fachleute in einer Vielzahl von Spezialgebieten. Diese Kurse kann man online, teilweise per Video und Chat verfolgen. Natürlich gibt es auch mehrere Blogs rund um unsere Schule.
Wie viele Studenten unterrichten Sie weltweit?
Wir haben über 700 Studenten auf der ganzen Welt. An unserem grössten Standort in Miami sind es 200. Hamburg hat auch bereits etwa 100. Insgesamt sind über 2000 durch unsere Institution gegangen und haben jetzt Jobs in Unternehmen rund um den Globus. Aus der Schweiz weiss ich von 22 Besuchern, 13 kamen aus Österreich und 126 aus Deutschland.
Bin ich der einzige Lehrer aus der Schweiz?
Of course you are.
Letzte Frage: Wie streng schätzen Sie das Studium an der Miami Ad School ein?
Unsere Studenten sitzen über 12 Stunden pro Woche im Unterricht. Daneben verbringen sie aber mindestens doppelt so viel Zeit auf ihren Projekten. Es heisst deshalb hier: Miami-Ad-School-Studenten kann man am Beach daran erkennen, dass sie meistens überhaupt keine Sonnenbräune haben.
Ein Schweizer in Miami
Im Frühling dieses Jahres wirkte René Eugster von der Agentur am Flughafen eine Woche lang als Gastdozent in Miami. Als «Industry Heroes» werden solche Kapazitäten aus der Branche im Programm der Miami Ad School angekündigt. «Da kommt man sich als Schweizer ein bisschen komisch vor. Das ist nicht unser Wortlaut», gibt sich Eugster bescheiden. Er weiss aber, dass der Job in Miami bei vielen Kollegen sehr begehrt ist. Der Agenturchef aus Altenrhein ist zum Engagement gekommen, nachdem er in der Jury beim Caples Award im letzten November die Schulleiterin Pippa Seichrist kennen lernen durfte. Diese war Delegierte im Board für die USA und bei den 80 Juroren aus aller Welt «eine sehr begehrte Gesprächspartnerin». Eugster hat sich aber nicht aktiv um eine Einladung nach Miami bemüht. Erst wieder zuhause hat er ein Mail von Pippa Seichrist vorgefunden. Diese zeigte sich beeindruckt, dass René Eugster nicht nur seit 18 Jahren eine Agentur mit heute zehn Leuten führt, sondern selber auch eine eigene Schule IQ Management Center gegründet hat und dort mit seinem Team jährlich 60 Marketingplaner und Verkaufsleiter ausbildet. Zudem hat er früher auch an der Kaderschule unterrichtet. Für Seichrist wurde der Schweizer damit zum idealen Kandidaten. Eugster musste eine Aufgabenstellung einreichen. «Weil wir in der Schweiz keine solch grossen Marken wie Coca-Cola oder Nike haben, die von den anderen Dozenten gerne als Case genommen werden, habe ich mich für die Marke Schweiz entschieden.» Zusammen mit Rafael Enzler von Schweiz Tourismus hat er sich für die Aufgabe «Mundpropaganda» entschieden. Diese sollte bei ausländischen Touristen um zehn Prozent gesteigert werden. In Miami hat Eugster zuerst eine Einführungsvorlesung von 130 Studenten gehalten. Dann wurden für den Rest der Woche in Gruppenarbeit «ganze Kampagnen aus dem Boden gestampft». pan