KI setzt fast jeden dritten Job im Schweizer Arbeitsmarkt unter Druck

Mehr als 857’000 Schweizer Jobs mit einer Lohnsumme von mehr als 80 Milliarden Franken sind stark durch Künstliche Intelligenz betroffen. Die neue Analyse der Denkfabrik einstAIn zeigt: Die KI-Revolution trifft zuerst das Büro – und fordert eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive.

Über 857’000 Schweizer Jobs sind von KI stark betroffen. Quelle: zvg

Von drei Millionen untersuchten Stellen weisen 28 Prozent der Profile eine hohe KI-Exposition auf – das entspricht mehr als 857’000 Jobs mit einer Lohnsumme von mehr als 80 Milliarden Franken. Das zeigt eine neue Analyse der Denkfabrik einstAIn, getragen von Angestellte Schweiz und Kuble – House of Intelligence. Für den Schweizer Arbeitsmarkt bedeutet das: KI verändert nicht zuerst die Fabrikhalle, sondern das Büro.

Administration und Finanzen im Schweizer Arbeitsmarkt am stärksten betroffen

Im Berufsfeld Administration und Verwaltung entfallen gemäss der Analyse fast alle untersuchten Berufe auf die Kategorie mit hoher KI-Exposition. Im Bereich Finanzen und Recht sind es 72 Prozent. Demgegenüber weisen Handwerk und Bau praktisch keine KI-Exposition auf, während Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufe ebenfalls geringer betroffen sind. Erste Studien aus der Schweiz zeigen zudem, dass in Berufsgruppen mit hohem KI-Einfluss die Zahl der Jobsuchenden stärker steige, im Vergleich zu jenen, die nicht davon betroffen sind. Das Fazit der Analyse lautet: Überall, wo ein Bildschirm leuchtet, verändert KI die Arbeit.

Exposition bedeutet nicht Stellenabbau

Die Analyse zeigt, in welchen Berufen KI Aufgaben übernehmen oder beschleunigen kann. Ob KI zu Wachstum oder Stellenabbau führt, hänge entscheidend von der Nachfrage und den strategischen Entscheidungen von Unternehmen und Politik ab. In Branchen mit wachsender Nachfrage könne höhere Produktivität zusätzliche Wertschöpfung ermöglichen. In Bereichen mit stabiler Nachfrage könne dieselbe Entwicklung zu einem geringeren Personalbedarf führen. Die entscheidende Frage laute deshalb nicht: «Wird mein Job verschwinden?» – sondern: «Wie verändert sich meine Arbeit?»

Patrick Chuard-Keller, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, hält fest: «Dass viele Berufe stark von KI betroffen sind, bedeutet nicht automatisch Stellenabbau. Für die Unternehmen steht im Vordergrund, wie sie dieses Potenzial für Wachstum und neue Tätigkeiten nutzen können.»

Der Engpass ist nicht die Technologie

Die grösste Herausforderung für den Schweizer Arbeitsmarkt liege nicht in der Technologie selbst, sondern in der Geschwindigkeit, mit der Unternehmen, Bildungssystem und Arbeitskräfte neue Kompetenzen aufbauen. «Die Anpassung und Lernfähigkeit müssen schneller sein als die Verdrängung», heisst es in der Mitteilung. Wer KI lediglich zur Kostensenkung nutze, erziele kurzfristige Effizienzgewinne. Wer KI nutze, um neue Dienstleistungen, Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, schaffe zusätzliche Wertschöpfung und neue Beschäftigungsmöglichkeiten.

Roger Oberholzer, Partner und Academy-Lead bei Kuble – House of Intelligence, bringt es auf den Punkt: «Die Mitte des Schweizer Arbeitsmarkts muss sich am schnellsten neu erfinden. In unseren Weiterbildungen sehen wir täglich, wie mit KI Innovationspotenzial freigesetzt werden kann, wenn Unternehmen sie nicht nur als Sparübung verstehen, sondern als Möglichkeit für neue Dienstleistungen und Produkte.»

KI wird zur demografischen Notwendigkeit

Die Schweiz steht gleichzeitig vor einer historischen demografischen Herausforderung. Zwischen 2023 und 2029 erreichen – oder haben erreicht – rund 788’000 Personen das Pensionsalter. Im gleichen Zeitraum treten nur rund 640’000 junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein. Damit droht eine Lücke von rund 148’000 Arbeitskräften. Höhere Produktivität sei deshalb nicht nur eine Chance, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die Schweiz ihren Wohlstand und ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern könne.

Alexander Bélaz, Präsident von Angestellte Schweiz, betont: «Angestellte dürfen in der KI-Transformation und der Umschulung nicht allein gelassen werden. Produktivitätsgewinne aus KI müssen auch dort ankommen, wo Arbeit neu organisiert wird.»

Die Schweiz braucht eine KI-Qualifizierungsoffensive

Die Technologie sei vorhanden. Entscheidend werde sein, wie schnell Millionen von Arbeitsstunden in Büros, Verwaltungen und Dienstleistungsberufen nicht nur produktiver, sondern wertschöpfender gestaltet werden könnten. Die Analyse zeige darum eine klare Priorität: Die Schweiz brauche eine breit angelegte KI-Qualifizierungsoffensive. Ob aus den mehr als 80 Milliarden Franken Lohnsumme im Einflussbereich von KI mehr Wohlstand oder mehr Verunsicherung entstehe, entscheide sich nicht in den Algorithmen, sondern in den Entscheidungen von Unternehmen, Politik und Bildung.

Dominik Blunschy, Nationalrat und Advisor Digital Business & Innovation bei ti&m, unterstreicht: «Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt nicht irgendwann, sondern bereits heute. Entscheidend ist, dass wir diesen Wandel nicht als reine Sparübung verstehen, sondern als Chance für mehr Produktivität, Innovation und Wertschöpfung.»

Das Dashboard zur KI-Exposition von 86 Schweizer Berufsgruppen ist öffentlich zugänglich: https://jobs.einstain.ch/

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