Im Aargau sind föif Liebi

Alltag Seit 1. Juni berichten AZ-Medien über das Leben der Familie Hagenbuch-Tresch. Das interessiert das Publikum – und auch die Sponsoren.

Alltag Seit 1. Juni berichten AZ-Medien über das Leben der Familie Hagenbuch-Tresch. Das interessiert das Publikum – und auch die Sponsoren.Schon sitzt die nächste Familie im Glashaus, beargwöhnt von Kameras und Mikrofonen. Nicht schon wieder, möchte man in Erinnerung an die aufs vorletzte Jahrhundert getrimmten Familien ausrufen, die im vergangenen Gotthelfjahr auf dem Sahlenweidli so authentisch in die Objektive flinker Medienleute geblinzelt hatten – ganz zu schweigen von Big Brother und Co.Doch diesmal soll alles etwas anders werden. Zwar geht es auch hier um Geld und Geist: um die Interessen und Produkte von Sponsoren einerseits und andererseits um die multimediale Begleitung des real existierenden Familienalltags auf dem Bauernhof im Freiamt, im aargauischen Rottenschwil, also um Freuden und Sorgen der Familie von Landwirt und Gemeindeammann Franz Hagenbuch-Tresch (44), seiner Frau Esther (45) und den drei Söhnen Sebastian (16), Niklaus (15) und Simon (12).
15 Monate Vorbereitungszeit
Doch im Unterschied zu den sattsam bekannten Realityformaten setzen die Macher des Projektes mit dem nüchternen Titel «Alltag» auf Unspektakuläres: «Wir wollen nicht inszenieren, sondern den Alltag abbilden», sagt Jörg Meier, der geistige Vater des Projektes. Meier hat für dieses auf den ersten Blick schlichte Anliegen 15 Monate Vorbereitung benötigt, eine eigene siebenköpfige Redaktion auf die Beine gestellt, der er als publizistischer Leiter vorsteht, und dafür Medienschaffende aus Print, TV, Internet und Radio von verschiedenen Medien der AZ-Medien-Gruppe zusammengezogen. «Es gibt auch noch andere Arten des Journalismus», sagt Meier, der aus einer 15-jährigen Vergangenheit im Lokal- und Regionaljournalismus schöpft und darauf brennt, über eine längere Zeitdauer an einem einzigen Thema dranbleiben zu können.
Seit dem Ersten dieses Monats sind die Hagenbuchs nun für die kommenden neun Monate fester Bestandteil in den Rubriken der Aargauer Zeitung, von Radio Argovia, Tele M1, der Aargauer Woche sowie des SonntagsBlicks, für den die «Alltag»-Redaktion selber textet. Auf der eigenen Website www.alltag.ch sind zusätzlich täglich aufdatierte News, Medienberichte, Hintergrund- und Serviceinformationen abrufbar. Immerhin wären 59 Aargauer Familien bereit gewesen, diesen multimedialen Striptease über sich ergehen zu lassen. Allein drei kamen in die von «Quer»-Ex-Moderator Röbi Koller moderierte Endausscheidung, wobei die Bauernfamilie Hagenbuch schiesslich den Stich machte – sehr zur Zufriedenheit des Aargauer Bauernverbandes, der auf seiner Homepage Wahlempfehlungen für die Sache des Bauernstandes abgegeben hatte.
Doch ist das schon alles? «Wir nehmen in Kauf, dass das Ganze unspektakulär wird», gibt Jörg Meier zu. Das publizistische Konzept von «Alltag», das es so in der Schweiz noch nicht gegeben hat, geht über die Langzeitstudie des Aargauer Familienalltags hinaus. Denn dieser Alltag generiert Hunderte von Geschichten und Nebenthemen fast automatisch.
Das Identifikationspotenzial für das Publikum ist gross: Was der Familie Hagenbuch widerfährt, damit beschäftigen sich andere Familien auch: Reifenwechsel, Steuererklärung, Ferienpläne, Berufswahl, Sprachaufenthalt, Garten bestellen, Eltern, die älter werden, und so fort. «Das Potenzial ist riesig», sagt Meier. Die entsprechenden Serviceartikel und Beiträge schreiben sich da beinahe schon von selbst.
Von der «Alltag»-Idee haben sich auch acht Firmen überzeugen lassen, welche das Projekt unterstützen und es als eine Art neuer Werbeplattform nutzen – wobei Meier lieber von Partnern spricht als von Sponsoren. So fahren die Hagenbuchs zum Beispiel einen VW Sharan des Automobilimporteurs Amag, den sie nach erfolgreichem Durchstehen der neun Monate behalten dürfen. «Wir erwarten eine entsprechende Präsenz des Autos in den Beiträgen, wenn es Sinn macht, und die Möglichkeit, bei Mobilitätsthemen, die im Alltag auftauchen, fachliche Hilfe zu leisten», sagt Dino Graf, Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei Amag.
Auch für die SBB bietet «Alltag» eine willkommene Möglichkeit, im Herbst den eher dünnen Reiseverkehr in den Süden anzukurbeln. «Wir wollen mit unserer Aktion klar mehr Verkehr generieren», sagt SBB-Pressesprecher Roland Binz. Unter dem Titel «Raus aus dem Alltag» bietet das Transportunternehmen Halbtax-Abonnenten für 35 Franken Tickets ins Tessin an. Bezogen werden können die Fahrkarten auch in den Filialen des Modehauses Charles Vögele, eines weiteren «Alltag»-Partners, was diesem wiederum einen Auftritt im Projekt erlaubt. «Für uns war entscheidend, dass das Projekt Familien anspricht, das ist unsere klassische Zielgruppe», sagt Renzo Radice, Leiter der Unternehmenskommunikation der Charles-Vögele-Gruppe. Dem Unternehmen geht es darum, neue Formen der Kommunikation zu testen, wobei der multimediale Charakter des Projektes ideal sei.
Auch die Aargauer Axpo-Tochter AEW Energie AG ist beteiligt und will mit der Familie ein Energietagebuch führen, das am Ende umfassend über den Energieverbrauch der Hagenbuchs Auskunft gibt. «Das Projekt bietet viele Möglichkeiten. Wir könnten uns auch vorstellen, Kinder ins Unterwerk einzuladen und ihnen zu zeigen, wie Strom funktioniert», sagt die AEW-Medienverantwortliche Elke Piller. Schliesslich sieht auch Pro Senectute eine willkommene Gelegenheit, die Anliegen der älteren Generation zu thematisieren.
Die Macher von «Alltag» waren vorgängig 80 potenzielle Partner angegangen. Seit dem Start nähmen die Anfragen von interessierten Firmen zu, erklärt Jörg Meier. «Wir wollen die Anzahl Partner aber im Rahmen halten», sagt er. Wie viel der Anteil der Sponsoren am Budget des Projektes ausmacht, will Meier nicht beziffern. Doch man sei zufrieden, wenn am Ende die Investitionen wieder zurückkämen und man kostendeckend habe arbeiten können. Wenn die Sache ein Erfolg wird und wenn die Familie Hagenbuch den neunmonatigen multimedialen Stress durchsteht und dabei gesund bleibt, dann könnte sich Meier eine Fortsetzung durchaus vorstellen. «Vielleicht gibts dann eine zweite Runde, vielleicht mit einem KMU.»
Ungewöhnlich gewöhnlich: Bauernfamilie Hagenbuch-Treschpräsentiert sich in Aargauer Medien und im SonntagsBlick.
Werbeplattform mit ZukunftspotenzialMit der multimedialen Langzeitbegleitung der Familie Hagenbuch während neun Monaten hat die AZ-Medien-Gruppe – vorausgesetzt, das Experiment gelingt – eine Art neuer Werbeplattform geschaffen. Diese
erlaubt es Unternehmen, die als Sponsoren auftreten, über die Beiläufigkeit von Alltagsereignissen und –problemen der Familie ihre Produkte und Dienstleistungen in den Medien der AZ-Gruppe zu thematisieren. Von Schleichwerbung will man in Baden nicht sprechen, denn die Werbeinhalte seien klar deklariert, heisst es. Das Konzept ist in dieser Art im deutschsprachigen Raum neu und könnte Schule machen. Nach dem Start haben sich bereits weitere Firmen für eine Partnerschaft interessiert. (rw)
René Worni

More articles on the topic