Zweierlei Testberichte

Editorial Oliver Classen über Schweizer Medienblogs, chinesische Mauern und hybride Geschäfts-)Antriebe.

Oliver Classen über Schweizer Medienblogs, chinesische Mauern und hybride
(Geschäfts-)Antriebe.Schlimm genug, dass Das Magazin seinem
Starautor Max Küng acht satte Seiten für einen (notdürftig als
umweltpolitische Reportage getarnten) Autotest zur Verfügung stellt.
Dass die Rückseite der Ausgabe, in welcher das Loblied auf den neuen
Lexus mit Hybridmotor erschien, durch eine Anzeige für eben diese
Edelkarosse geziert wurde, «schlägt dem Fass jedoch den Boden aus» –
schreibt «Madman». Und meint damit natürlich die Glaubwürdigkeit
unserer aller Samstagsschmonzette.

Madman ist Medienblogger und verfügt als solcher über
Empörungspotenziale, um die ihn abgestumpfte, professionelle
Branchenbeobachter nur beneiden können. Er glaubt noch an das, was New
Yorker Broker 1929 «Chinese wall» tauften und bis heute das Mantra des
Journalismus ist. Okay, der Kommentar auf medienspiegel.ch ist nicht
sonderlich differenziert. (Natürlich ist dieser famose Fauxpas nicht wie von Madman vermutet auf
Kalls Renditeziele, sondern auf interne Fehlkoordination
zurückzuführen.) Doch er ist ehrlich, richtig und vor allem eine Art
«Leser-Testbericht», den die Verantwortlichen verdammt ernst nehmen
sollten.

Denn so wie Küng Stimmung für sein SUV macht, machen Madman & Co.
Stimmung gegen die Verwischung redaktioneller und kommerzieller Inhalte
und Interessen. Der auf 20 Minuten spezialisierte «Pendlerblog» führt
unter dem beziehungsreichen Titel «Gelbe Seiten» sogar schon eine Liste
solcher Vergehen am mündigen Leser. Zum Grimme-Preis, den das deutsche
Vorbild bildblog.de jüngst verliehen bekam, dürfte es zwar noch lange
nicht reichen. Aber ein Anfang ist auch hier zu Lande gemacht.

Die gute Nachricht also lautet: Die Blogosphäre übernimmt zunehmend
eine ergänzende, weil emotionale Kontrollfunktion über chinesische
Mauern und andere ethische Mindeststandards. Und die schlechte:
Verharmlosend «Lifestyle-Journalismus» genannte Produkte-PR ist aus der
meinungsbildenden Presse nicht mehr wegzudenken. Dennoch: Wir bleiben
dran und sind gespannt auf die nächsten Sumpfblüten aus den
Verlagstreibhäusern.

Oliver Classen, Redaktor

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