«Wir müssen den Status Quo in Frage stellen»

Mit ihrer Firma Women of Agency (Woa) unterstützt die ehemalige Anwältin und HR-Direktorin Wies Bratby Frauen dabei, ihre Karriere in die Hand zu nehmen und zeigt, welche Chancen sich dazu bieten. m&k hat die Niederländerin zum Interview getroffen.

Bilder: Benno Krähahn
Wies Bratby. Bilder: Benno Krähahn

m&k In der Medizin wird heute zunehmend bekannt, dass viele Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern. Und auch von der Menopause wissen wir, dass sie viele Frauen beeinträchtigt. Wie reagieren Unternehmen auf diese Erkenntnisse?

Wies Bratby: Frauen haben sich immer an eine von Männern erschaffene Welt angeglichen. Neben den Bürotemperaturen, die sich am männlichen Stoffwechsel orientieren, ist auch das Verhalten im Arbeitsumfeld nach Vorbild des Mannes geprägt: wie man handeln soll, welche Dinge man besser nicht ansprechen soll. Das ändert sich gerade: Gespräche rund um Frauenbeschwerden wie Periode oder Menopause sind nicht mehr Tabu. Manche Unternehmen regeln offen, wie man mit genderspezifischen Herausforderungen umgeht. Das alles ist aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein, denn die grundlegenden Strukturen sind immer noch für Männer gemacht.

Woran machen Sie das fest?

Beginnen wir beim Arbeitstag, der um neun Uhr beginnt und bis in den Abend hinein dauert. Das setzt voraus, dass jemand anderes die Kinder von der Schule abholt. Verhalten wird ebenfalls je nach Geschlecht bewertet: Ein direktes und selbstsicheres Auftreten wird bei einer Frau oft als aggressiv bewertet, wohingegen ein Mann Führungsqualitäten zeigt. Frauen müssen daher konstant darauf achten, wie sie wahrgenommen werden, während Männer das nie tun. Dann gibt es die Kompetenzfrage: Männer gelten solange als kompetent, bis sich das Gegenteil herausstellt, Frauen müssen ihre Kompetenz ständig beweisen. Sie müssen daher zweimal so gut sein nur um halb so gut wahrgenommen zu werden. Beförderungen sind ausserdem meist denjenigen vorbehalten, die keine Karriereauszeit nehmen, um Kinder oder pflegebedürftige Eltern zu versorgen. Führungspräsenz meint eben immer noch, sich wie ein Mann im Anzug zu verhalten. Was sich jetzt aber ändert ist, dass Frauen das nicht mehr hinnehmen.

Wie sieht der Weg dazu aus?

Anstatt um Erlaubnis zu bitten wie früher, kreieren sie eigene Rollen und verhandeln Bedingungen, die zu ihrem Leben passen. Sie wollen sich nicht länger verbiegen, um in ein System zu passen, das nicht für sie gemacht ist.

Nehmen wir das Beispiel von Gehaltsverhandlungen – Ihr Fachgebiet. Empfiehlt es sich, wie Männer, selbstbewusst zu fordern, oder gibt es einen weiblichen Weg?

Ich finde nicht, dass Frauen männliche Verhaltensweisen annehmen müs- sen. Dagegen sollten sie verinnerlichen, dass Verhandlungen auf Regeln basieren. Das lernen sie – anders als Jungs – nicht schon von klein auf. Jungs werden früh ermutigt, zu sagen, was sie wollen. Daher wissen sie, wie es um ihren eigenen Marktwert steht und fordern ihr Wunschgehalt, anstatt bei der erstbesten Offerte einzuschlagen. Mädchen wiederum erfahren, dass sie zuerst an andere denken und eine Wohlfühlatmosphäre schaffen sollen. Wenn Frauen aber anfangen über ihre Bedingungen zu sprechen, verdoppeln sie ihre Gehälter annähernd. Frauen, die das nicht tun, büssen hunderttausende Euro oder Franken während ihres Berufslebens ein. Letztlich müssen sie fürs Verhandeln nicht in eine andere Rolle schlüpfen, sondern das Spiel spielen. Die wichtigste Spielregel lautet: Ein angemessenes Gehalt einzufordern, ist nicht aggressiv, sondern richtig. Schliesslich helfen sie als Mitarbeiterinnen dem Arbeitgeber dabei, voranzukommen und erfolgreich zu sein. Das müssen Frauen be- greifen, anstatt Verhandlungen als Konflikt oder sogar als Krieg zu begreifen.

Wie können Unternehmen Frauen dabei unterstützen?

Unternehmen müssen Frauen besser fördern, anstatt sie wie bisher nur stärker zu beanspruchen. Sie sollten in Frauen investieren und transparente Gehaltsstrukturen schaffen. Während ihrer Lebenszyklen wie Mutterschaft oder Menopause brauchen sie Unterstützung. Das empfiehlt auch der aktuelle McKinsey-Report «Women at Work». Doch bisher passiert noch viel zu wenig.

Wie können Mitarbeitende, weibliche und männliche gleichermassen, die Geschäftswelt verändern, damit Frauen in ihre Kraft kommen?

Männer könnten damit beginnen, ihre Macht zu nutzen, um Frauen zu fördern. Männliche Chefs und Kollegen müssen dafür sorgen, dass auch ihre weiblichen Konterparts fair bezahlt werden. Auch müssen sie aufhören, Kolleginnen auszubremsen mit Sätzen wie: «Sie ist noch nicht bereit». Mentorenprogramme können zusätzlich zur Chancengleichheit beitragen. Frauen sollten aber nicht darauf warten, gerettet zu werden. Besser ist es, eigene strategische Beziehungen aufzubauen. Wer sich wertvoll macht, kann nicht übergangen werden. Erfolgreiche Frauen sind letztlich diejenigen, die erkennen, dass man wirklich etwas verändern kann, wenn man Einfluss hat. Das hat nichts damit zu tun, nett nachzufragen.

«Alles ist verhandelbar – das ist eine Botschaft, die Jungs schon von klein auf vermittelt bekommen. Dasmüssen wir bei Mädchen nachholen.»

Frauen sollten sich also trauen, auch mal ärgerlich zu reagieren, wenn ihre Forderungen nicht gehört werden?

Wenn Frauen ärgerlich reagieren, gilt das oft als unprofessionell. Ein aufgebrachter Mann gilt dagegen als engagiert. Emotionen sollten aber ganz nüchtern als Daten betrachtet werden, als Anhaltspunkte, um zu erforschen, was da gerade falsch läuft. Wenn eine Frau also bei einer Beförderung ständig übergangen wird, oder ihre Ideen von männlichen Kollegen gestohlen werden, ist Ärger eine angemessene Reaktion. Dieses Gefühl sollten sie auch nicht unterdrücken – sondern als Motor nutzen. Eine meiner Klientinnen wurde jahrelang von ihrem Chef am Aufstieg gehindert, weil sie ihm als Arbeitsbiene sehr wertvoll war und er sie nicht verlieren wollte. Dann lernte sie, ihren Frust über diese Situation nicht länger zu unterdrücken, und nutzte ihre Ärger-Energie, sich mit höheren Vorgesetzten zu verbinden. Die Folge: Sie erhielt eine wirklich tolle neue Position in der Firma, zusammen mit einer mehr als 30-prozentigen Gehaltserhöhung. Dieser Karrieresprung katapultierte sie auf gleiche Ebene mit ihrem früheren Chef. Der Fall zeigt, wie Unzufriedenheit strategisch eingesetzt werden kann.

«Ein direktes und selbstsicheres Auftreten wird bei einer Frau oft als aggressiv bewertet, wohingegen ein Mann Führungs- qualitäten zeigt.»

Was wäre, wenn Frauen endlich ihre volle Kraft ausleben könnten – wie würden sich die Unternehmen verändern?

Untersuchungen zeigen, dass Frauen im Durchschnitt tendenziell besser entwickelte Kommunikationsfähigkeiten haben. In einer Studie wurden die Reaktionen von Babys auf menschliche Gesichter untersucht: Mädchen konnten etwa ab vier Monaten, Gesichter besser lesen als Jungen. Sie haben also wachere Antennen, um Situationen und Menschen zu interpretieren. Das liegt daran, dass Frauen schon in der Steinzeit dazu erzogen wurden, zusammenzuarbeiten, während die Männer draussen Büffel jagten. Seit jeher wurde die Bedeutung von Kommunikation und Zusammenarbeit allerdings heruntergespielt, obwohl es sich um strategische Führungsqualitäten handelt. Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Frauen verbindende Kommunikationsskills haben, oder dass Männer sie nicht haben können. Und es bedeutet definitiv auch nicht, dass dies die einzigen Fähigkeiten sind, die Frauen mitbringen. Unter meinen Kundinnen befinden sich Partnerinnen von Anwaltskanzleien und Beratungsfirmen, Leiterinnen von Programmen und akademischen Einrichtungen, Technikexpertinnen und Personalchefinnen – sie kommen aus allen Bereichen und besetzen Positionen auf verschiedenen Ebenen. Alle haben Erfolg, weil sie ausserordentlich gut sind, angefangen vom technischen Fachwissen über strategisches Denken bis hin zu kommunikativen Qualitäten. Brauchen wir angesichts Künstlicher Intelligenz eine emotionalere und empathischere Führungskultur?

Wenn wir behaupten, Frauen sind allesamt empathische Führungskräfte, stecken wir sie wieder in eine Schublade. Es scheint dann auch so, als wären Frauen in Unternehmen vor allem nur wegen dieser Eigenschaft wertvoll. Frauen haben aber schon immer strategischen Wert, technisches Fachwissen, Innovation und natürlich auch emotionale Intelligenz eingebracht. Unternehmen und Führungskräfte erkennen nun endlich, dass einfühlsame Führung insgesamt zu besseren Ergebnissen führt. Weil Künstliche Intelligenz heutzutage immer mehr Routineaufgaben übernimmt, werden die Fähigkeiten, die als einzigartig menschlich angesehen werden können, wichtiger und wertvoller: Menschen lesen, Beziehungen aufbauen, komplexe Dynamiken zwischen Menschen am Arbeitsplatz navigieren, Umgebungen schaffen, in denen wir gerne arbeiten wollen.

Wollen Frauen im Berufsleben eigentlich andere Dinge erreichen?

Sie wollen letztlich dasselbe wie Männer: eine sinnvolle Arbeit, die sie erfüllt, faire Bezahlung, Respekt und Karrierechancen – wie jeder Mensch wollen sie vorankommen. Der einzige Unterschied ist, dass wir Frauen darauf konditioniert wurden, uns dafür zu entschuldigen. Wenn ich meine Kundinnen frage, was sie gerne möchten, schieben sie ihren Antworten häufig hinterher: «Nur, wenn es nicht zu viel verlangt ist», oder «Ich weiss, dass ich nicht alles haben kann». Meine Antwort darauf ist: «Es ist nicht zu viel verlangt, eine Position zu wollen, in der man seine Talente einsetzen kann, die angemessen bezahlt wird und Flexibilität bietet.» Nennt man das Ansprüche haben? Genau! Dafür muss sich niemand entschuldigen.

Was müssen Frauen lernen, um sich im Ellbogengemenge wohlzufühlen?

Das Ziel, sich wohlfühlen, ist falsch. Tatsächlich würde ich sagen, dass Frauen sich damit wohlfühlen müssen, sich unwohl zu fühlen. Um mehr Sichtbarkeit zu erlangen müssen sie für sich selbst verhandeln und bei Gehaltsverhandlungen mehr verlangen. Bisher lassen Frauen viel Geld liegen, weil sie sich so unwohl beim Verhandeln fühlen, so dass sie es erst gar nicht versuchen. Die Hilfsmittel sind klar: Zunächst den eigenen Marktwert kennen. Dabei geht es nicht darum, was man der eigenen Meinung nach verdienen sollte, sondern darum, was der Markt tatsächlich zahlt. Die meis-ten unterschätzen, wie viel Zeit und Mühe es kostet, sich ein wirklich gutes, solides Bild zu machen. Dann ist es wichtig, sich ein Maximum und ein Minimum zu setzen, sowie eine klare Verhandlungsstrategie. Viele Frauen arbeiten nicht mit einem Plan, weil sie Verhandlungen scheuen. Daher gehen sie oft unvorbereitet in die Diskussion und denken sich: Mal sehen, was ich rausholen kann. Häufig nehmen sie dann das erste Angebot an, weil sie so dankbar sind, dass jemand «Ja» zu ihnen gesagt hat. Das kostet sie sehr viel Geld. Deshalb bringe ich meinen Kunden bei, immer zu verhandeln – und zwar alles: das Grundgehalt, die Beteiligung, die Flexibilität und den Einstellungsbonus.

«Viele Frauen arbeiten nicht mit einem Plan, weil sie Verhandlungen scheuen, das kostet sie sehr viel Geld.»

Dann würden sich Frauen gleich wertig fühlen?

Die Verhandlung der Arbeitsbedingungen sind der Ausgangspunkt von allem. Viele Frauen haben das Gefühl, dass sie einfach alles akzeptieren müssen, was ihnen das Unternehmen bietet. Ich zeige meinen Kunden in ihren Verhandlungen, dass in der Regel viel mehr drin ist. Wenn sie also mehrmals pro Woche von zu Hause aus arbeiten möchten, ist das in den meisten Fällen möglich. Das sollten sie nicht erst dann fragen, wenn sie bereits im Unternehmen arbeiten, sondern vorab aushandeln. Das Glei- che gilt, wenn sie beispielsweise Flexibilität benötigen, um ihre Kinder von der Schule abzuholen. Das sollten sie in die Rolle selbst einbauen, also im Grunde genommen in die Gestaltung der Stelle. Alles ist verhandelbar – das ist eine Botschaft, die die Jungs schon von klein auf vermittelt bekommen haben. Das müssen wir nachholen.

Was brauchen Frauen am Arbeitsplatz?

Unternehmen müssen Verantwortung tragen. Das fängt bei flexiblen Arbeitsregelungen an, die als Standard etabliert werden, und geht bis hin zur Unterstützung bei der Kinderbetreuung und bei Beschwerden in den Wechseljahren – ohne dass sie die Karriere behindern. Es gibt zwar einige Unternehmen, die solche familienfreundlichen Richtlinien auf dem Papier haben, Frauen dann aber dafür abstrafen. Zum Beispiel, wenn Vorgesetzte annehmen, dass eine Frau nach sechs Monaten Mutterschaftsurlaub an Schwung verloren hat. Das passiert oft. Eine Unternehmenskultur, die Frauen nicht verlieren will, muss jedoch echte Sicherheit und Wertschätzung bieten.

Könnten Sie uns abschliessend Ihren wichtigsten Tipp geben?

Frauen sollten aufhören nach Regeln zu spielen, die sie in ihrem Wachstum bremsen, und stattdessen alle ihre Fähigkeiten nutzen, um an ihrer Karriere zu arbeiten. Die Frage, die sich jede Frau stellen soll, lautet: Wie kann ich das Beste aus meiner Ausbildung und all den Jahren, die ich in Unternehmen verbracht habe, für mich herausholen? Zusammengefasst: Frauen sollten an ihrer Karriere arbeiten, anstatt nur in ihr zu arbeiten. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Geschäftswelt ändern wird, wenn genug Frauen sich weigern, weniger zu ak- zeptieren als sie wert sind.

Wies Bratby mit Chefredaktorin Anna Kohler.
Wies Bratby mit Chefredaktorin Anna Kohler.

More articles on the topic