Who cares?

Kommentar Die hausgemachte Krise des Medienjournalismus ist laut Oliver Classen (auch) eine Gefahr für unsere Informationsgesellschaft.

Kommentar Die hausgemachte Krise des Medienjournalismus ist laut Oliver Classen (auch) eine Gefahr für unsere Informationsgesellschaft.Die Kollegenschelte war überfällig. Und dass sie von der «Alten Tante» kam, nur konsequent. Schliesslich hat deren Chefredaktor kürzlich erst (WW 39/02) erklärt, dass die NZZ ihre wöchentliche Medienbeilage – «im Gegensatz zu anderen Blättern» – nicht als Trendrubrik der Neunzigerjahre, sondern als beständige Branchenbegleitung verstehe und behandle.Das freut wohl insbesondere den zuständigen NZZ-Ressortchef, der vom Hochsitz seiner anachronistischen Jobsicherheit aus nun noch gelassener beobachten und genüsslicher die Leviten lesen kann. Letzteres tat er Ende Januar, als er «die Medienjournalisten»
in corpore verdächtigte, durch ihren Hang zur Nabelschau und «die Verbreitung brancheninterner Halbwahrheiten» massgeblich zur eigenen Schwächung beizutragen.
Keine Frage: Die Schweizer Medienseiten und -dienste liefern Belege zuhauf für diese Eitelkeits- und Boulevardisierungsthese. So hat allein letzte Woche – der Tages-Anzeiger zum x-ten Mal «interne Denkverbote» bei der Weltwoche angeprangert, – die Mittelland-Zeitung schon länger bekannte und fürs MZ-Publikum zudem unerhebliche Rechtehandel-Details um den Tamedia-«Express» als Primeur verkauft,
– die Weltwoche mit dem Briefwechsel Schawinski/Wigdorovits einen ebenso unwichtigen wie unappetitlichen Hahnenkampf inszeniert,
– und der Klein-Report schliesslich gar die Scheidung des Chefredaktorenpaars Löpfe für aufmacherwürdig befunden.
Vier Beispiele, eine Frage: Who cares? Eine breitere Öffentlichkeit gewiss nicht. Und die Gerüchteküchen der Verlage und Redaktionen brodeln auch ohne solch mediale Zufeuerung.
Statt branchenspezifische Untugenden wie Promi-Kult, Sensationalismus und ideologische Ressentiments zu durchleuchten, verfällt der Medienjournalismus ihnen selber. Der gestiegene Arbeitsmarkt- und Profilierungsdruck erklärt und entschuldigt diese bedauerliche Entwicklung allenfalls teilweise.
Tragisch ist die Selbstdesavouierung der Beobachter zweiter Ordnung und die (auch) darauf zurückzuführende Auflösung vieler Medienressorts indes für unsere Mediengesellschaft. Mit deren Komplexität nimmt auch ihr Bedarf nach Transparenz und Selbstreflexion zu. Dass aktualitätsgebundene und zudem über die gesamte Zeitung verstreute Mediengeschichten diesen Orientierungsbedarf decken können, darf – wiederum mit der NZZ – bezweifelt werden.
> Oliver Classen, Redaktor

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