Wer fragt, gewinnt
Oliver Classen über Lesermeinungen als revolutionäre Relaunch-Basis.
Oliver Classen über Lesermeinungen als revolutionäre Relaunch-Basis.Peter Hartmeier ist lange schon bekennender Tagesspiegel-Fan. Bei jeder Gelegenheit rühmt der Chefredaktor das Berliner Bildungsbürgerblatt als «formal wie inhaltlich vorbildlich» für seinen Tages-Anzeiger. In Sachen Marktforschung indes ist der Tagesspiegel leider (noch) kein Leitbild. Sonst hätte aus den halbherzigen Tagi-Retuschen ein echter und vor allem publikumsnaher Relaunch werden können.Das Zauberwort heisst Leserbefragung. Traumhafte 15000 Rückmeldungen erhielt die Berliner Hauptstadtzeitung auf ihre avantgardistische, 22 Einzelpunkte umfassende Aufforderung «Sagen Sie uns die Meinung». Und das bei einer Auflage von derzeit knapp 150000 Exemplaren. Sprich: Jeder zehnte Abonnent oder Käufer gab bereitwillig und detailliert Auskunft über «seine» Zeitung – die reale wie die ideale.
Letzere nun im Rahmen des geplanten Relaunchs aus dieser Meinungssuppe herauszudestillieren, ist zwar keine einfache Aufgabe, und
sie lässt sich auch nicht nach den Kriterien modernen Managements effizient erledigen. Dennoch ist sie einiges vielversprechender und spannender als das marktübliche Verfahren der redaktionellen Selbstbefragung respektive -beweihräucherung. Zudem intensiviert dieses
Pilot-Experiment die gerade für Traditionstageszeitungen existenzielle Leserblattbindung.
Was die grösste Abo-Zeitung der Schweiz sträflich vernachlässigt, erhebt die Konkurrenz neuerdings zum Programm. «400000 Chefredaktoren» würden bei der Reanimation der Basler Zeitung mitwirken, frohlockt deren neuer Schriftleiter Ivo Bachmann in der aktuellen Hauspostille. Wobei diese Ziffer freilich nicht auf Umfrageergebnissen, sondern vorderhand noch auf reinem, aber inspiriertem Wunschdenken beruht.
Fazit: Bei der Neuerfindung von Presseprodukten dürfte künftig – frei nach Brecht – folgende Alternative gelten: Wer seinem (Zeitungs)Volk nicht genau aufs Maul schaut, fliegt über kurz oder lang auf selbiges.
Oliver Classen, Redaktor
Letzere nun im Rahmen des geplanten Relaunchs aus dieser Meinungssuppe herauszudestillieren, ist zwar keine einfache Aufgabe, und
sie lässt sich auch nicht nach den Kriterien modernen Managements effizient erledigen. Dennoch ist sie einiges vielversprechender und spannender als das marktübliche Verfahren der redaktionellen Selbstbefragung respektive -beweihräucherung. Zudem intensiviert dieses
Pilot-Experiment die gerade für Traditionstageszeitungen existenzielle Leserblattbindung.
Was die grösste Abo-Zeitung der Schweiz sträflich vernachlässigt, erhebt die Konkurrenz neuerdings zum Programm. «400000 Chefredaktoren» würden bei der Reanimation der Basler Zeitung mitwirken, frohlockt deren neuer Schriftleiter Ivo Bachmann in der aktuellen Hauspostille. Wobei diese Ziffer freilich nicht auf Umfrageergebnissen, sondern vorderhand noch auf reinem, aber inspiriertem Wunschdenken beruht.
Fazit: Bei der Neuerfindung von Presseprodukten dürfte künftig – frei nach Brecht – folgende Alternative gelten: Wer seinem (Zeitungs)Volk nicht genau aufs Maul schaut, fliegt über kurz oder lang auf selbiges.
Oliver Classen, Redaktor
