Überall ist Täuschung

Kolumne Nachahmung ist in der Natur fürs Überleben unverzichtbar, doch taugt Fälschung als ökonomisches Erfolgsmodell, fragt sich Jürgen Häusler.

Kolumne Nachahmung ist in der Natur fürs Überleben unverzichtbar, doch taugt Fälschung als ökonomisches Erfolgsmodell?
So sieht es jedenfalls Peter von Matt in
seiner «Theorie und Praxis der Hinterlist»: «Die Schöpfung lügt. Wohin
man blickt, ist Täuschung.» Und dies schon immer: «Jahrmillionen vor
dem ersten Menschen gab es auf dem Blauen Planeten schon die
praktizierte Falschheit in allen denkbaren Variationen.» Dabei ist die
Täuschung selbst in der unschuldigen Natur nicht nur normal – sie ist
der Schlüssel zum Erfolg. Das Nachahmen sichert das Überleben. Blumen
ahmen Insekten nach: Die Fliegenragwurz macht dies so überzeugend für
wirkliche Fliegen, dass sie kopulieren wollen und sich an dem winzigen
Phantom abarbeiten. Dabei stossen sie mit dem Kopf an die Pollenpakete
der Blume, Pollen bleiben am Kopf haften, und die erregten Tierchen
befruchten damit beim nächsten aussichtslosen Versuch die nächste
Ophrys insectifera. Die Evolution belohnt so den Simulanten.

Sollte dies im Wirtschaftsleben unserer Tage etwa auch so sein?
Experten schätzen, dass gegen zehn Prozent des Welthandels mit
Fälschungen abgewickelt werden. Markenpiraten beherrschen zunehmend die
Regale. Sie sind dabei nicht nur in China zu Hause. Und sie fälschen
nicht nur Luxusmarken. Der meistgefälschte Konsumartikel, so nimmt man
an, ist die Rasierklinge.

Und die Fälschungen treten nicht nur weit weg auf. Auch der heimische
Mann ist hautnah betroffen, denn längst nicht jede Viagra-Verpackung
bei der Apotheke um die Ecke enthält, was sie verspricht. Es ist auch
in hiesigen Landen durchaus wahrscheinlich, dass sich hinter dem
Vertrauen erweckenden Logo des eigenen Lieblingsgefährts ein
minderwertiges Ersatzteil als potenzielles Sicherheitsrisiko verbirgt.
Der eine oder andere Flugzeugabsturz wird von Experten mit
Markenfälschungen im Ersatzteilbereich in Verbindung gebracht.

Es geht also nicht um das Ankreiden des Urlaubsspasses, den der Erwerb
einer asiatischen Rolex für den Preis eines Plastikuhrbandes noch
bringen mag. Auch dieser Spass kostet allerdings, wenn man etwas
nachdenkt, Arbeitsplätze beim Hersteller des Originals ebenso wie
Steuereinnahmen beim entsprechenden Gemeinwesen. Und es geht ja eben
viel weiter: Markenfälschungen bergen Sicherheitsrisiken im
Ersatzteilwesen, Gesundheitsrisiken im Arzneimittelsektor. Nicht nur
Rauchen tötet – dies tun im wahrsten Sinne des Wortes auch gefälschte
Arzneimittel. Dass gefälschte Markenartikel die Investitionen zum
Aufbau von Marken durch ihre Besitzer ebenso vernichten wie
millionenfach das in Marken gesetzte Vertrauen von Konsumenten
hintergehen, kann angesichts der zentralen Bedeutung von Marken in
unseren Ökonomien und Gesellschaften auch nicht einfach zähneknirschend
oder achselzuckend hingenommen werden. Es geht um
Wirtschaftskriminalität im Wert von schätzungsweise 350 Mrd. US-Dollar
jährlich.

Noch scheint kein Kraut gegen die Markenpiraten gewachsen. Wo immer der
Hase (der Echte) auftaucht, ist der Igel (der Fälscher) auch schon da.
Mangelnde technische Fälschungssicherheit beschränkt den Erfolg im
Kampf gegen die Markenfälscher ebenso wie die mangelnde breite
gesellschaftliche Verankerung des Themas. Der Kampf gegen das Falsche
muss uns alle (als Hersteller oder als Konsumenten) einschliessen.
Gemeinsam sollten wir das Original suchen und feiern. Oder ist das
Schicksal der «erregten Tierchen» bei ihren immer wieder
«aussichtslosen Versuchen» auf Dauer etwa nachahmenswert?

Jürgen Häusler ist CEO der Gruppe Interbrand Zintzmeyer und Lux sowie Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

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