Tote TV-Hose

Aufgefallen Was heute im Fernsehen läuft, taugt nicht mal mehr als Hintergrundrauschen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Kontrastprogrammen.

Kolumne Was heute im Fernsehen läuft, taugt nicht mal mehr als Hintergrundrauschen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Kontrastprogrammen.Macht Ihnen Fernsehen noch Spass? Wann haben Sie zuletzt mit einem Freund, einer Kollegin über ein TV-Stück vom letzten Abend gesprochen, gar gestritten? Schon eine Weile her? Mir geht es genau- so. Ich schalte den Kasten zurzeit nur noch an, wenn ich dafür bezahlt werde und eine Fernsehkritik gewünscht ist.Schon der strikt formatierte Sendeablauf macht den Blick in eine Programmzeitung überflüssig und sorgt dafür, dass Überraschungen von vorneherein ausgeschlossen sind. Von morgens (der täglichen «Kochshow» oder dem «Volle Kanne-Service» um 7.55 Uhr) über die schwer verdaulichen Mittags-Talkshows und den diversen Straf-, Familien- und Jugendgerichten geht es im immer gleichen Trott in den Abend hinein. Auf triste B-Krimis und die Selbstdarstellung kaputter Typen in «Reality»-Formaten folgt dann weiterer Serienschrott, Volksmusik und ab und zu mal Fussball.
Nur Masochisten ertragen das «Comedy»-Elend am Wochenende oder schalten sich in eins der politischen Palaver-Programme ein, in denen seit Jahren schon dieselben Figuren dasselbe sagen, während sich die Gastgeber darum bemühen, die Wiederkehr des Immergleichen als unerhört kühnen Gedanken aufzuschminken. Harald Schmidt ist gegangen, Anke Engelke wurde auf dem falschen Platz verschlissen – nein, es ruht kein Segen mehr auf der Mattscheibe, und Trost ist kaum zu finden.
Natürlich gibt es in dieser Programmödnis gelegentlich einen gut gemachten Fernsehfilm, einen spannenden «Tatort» und die eine oder andere informative Dokumentation. Doch das sind Inseln, im öffentlich-rechtlichen Sumpf genauso wie in der Flut von Kommerzkanälen. Das grosse mediale Lagerfeuer ist ganz und gar erloschen; nun blasen Windmacher die Asche durchs Gelände und zerren immer aufs Neue tote Hunde vor die Kamera, weil sich damit offenkundig noch Geld verdienen lässt.
Bei den Privatsendern deprimiert vor allem die komplette Einfallslosigkeit, die einen an der oft zitierten Kreativität des Marktes gehörig zweifeln lässt. Die vollendeteTV-Ökonomisierung scheint die Fantasie vielmehr zu fesseln. Nur weil ein bestimmtes Milieu immer noch «Big Brother» verfolgt, produzieren sowohl RTL als auch Pro 7-Sat 1 unablässig neue Varianten dieses Schemas. Obwohl die Quoten sinken und die Leute solchen Stuss nicht mal mehr als Hintergrundrauschen haben wollen, wird er ins Programm gehievt und das Rest-Renommee weiter ruiniert.
Bei den öffentlichrechtlichen Sendern sieht es kaum besser aus: Anstatt auf Kontrast zu setzen, nähert man sich der Konkurrenz kontinuierlich an. Was machen eigentlich die Auslandskorrespondenten von ARD und ZDF den ganzen Tag? Es gibt davon ein paar Dutzend, aber was sie an Hintergründigem und Erklärendem über unsere Welt, die wahrhaftig gerade aus den Fugen geht, in den Hauptprogrammen abliefern, ist mehr als dürftig.
Statt mit Produktionen zu überzeugen, schwadronieren die ARD- und ZDF-Häuptlinge von ihrem besonderen Programmauftrag. In ihrem durch Politik und Recht geschützten Biotop legt ihnen niemand das Handwerk. Im Gegenteil: In Deutschland haben die Ministerpräsidenten gerade wieder eine neue Lachnummer in der Endlos-Revue «Kampf um die Rundfunk-Gebühren» abgezogen. Anstatt die Strukturen wirksam zu verändern, fiel nach monatelangem Theaterdonner die Erhöhung nur ein paar Cent niedriger aus als gefordert.
Und alles bleibt, wie es ist. So schafft sich ein Medium selber ab und macht sich überflüssig. Wenn der Kasten vielerorts dennoch läuft, dann ist das bloss ein später Reflex auf eine Erinnerung an Zeiten, in denen es dort noch was zu sehen gab.
> Heribert Seifert ist Medien-
und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.

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