Spät berufen

Kathy Horisberger sieht es als ein gutes Zeichen der Zeit, dass sie als erste Frau die Chefredaktion der grössten Zeitung der Schweiz übernehmen kann.

Kathy Horisberger sieht es als ein gutes Zeichen der Zeit, dass sie als erste Frau die Chefredaktion der grössten Zeitung der Schweiz übernehmen kann.Eigentlich hätte sie nun ihren Alltag immer mehr geniessen können. Die drei Kinder sind praktisch aus dem Haus und der 80-Prozent-Job als stellvertretende Chefredaktorin gerade richtig. Doch dann kündigte vor gut einem Monat Chefredaktor Dominic Geisseler und die Presseleitung bot Horisberger den Job an. Nach Gesprächen mit dem Kommunikationschef und Hansueli Loosli, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von Coop Schweiz, war der Fall für Horisberger klar: «Hier kannst du als Frau nicht kneifen!» Denn in der 102-jährigen Geschichte der Coop Presse hatte noch nie eine Frau der Redaktion vorgestanden.Die «überwältigenden Reaktionen» von Kolleginnen und Kollegen bestätigten sie in ihrem Entscheid, die Freude war gerade bei den Frauen gross, da Chefredaktorinnen in der Medienlandschaft immer noch eine Seltenheit sind. Kathy Horisberger ist wohl auch eine Ausnahmeerscheinung: Die 52-Jährige ist erst mit 38 Jahren in den Journalismus eingestiegen und wurde nun zur Chefredaktorin berufen. «Es hat gut getan, zu sehen, dass es heute möglich ist, eine Familie zu haben und doch Karriere zu machen. Das macht Mut.»
Als die Baselbieterin nach der Matura Journalistin werden wollte, gab es noch keine geregelten Ausbildungen wie heute. Primarlehrerin war ihre Alternative. Später zog sie mit ihrem Mann für fünf Jahre in die USA. Der Physiker machte in Stanford sein Doktorat. Für sie war es der Moment für die Familienpause: Sie brachte Zwillinge zur Welt und war damit «voll ausgelastet». Das dritte Kind wurde in Genf geboren. Nach zehn Jahren landete die Familie wieder in der Deutschschweiz, in Baden. Horisberger: «Ich hatte schon Angst, dass ich meinen einstigen Berufswunsch begraben müsste» – da öffnete sich eine Türe beim damaligen Aargauer Volksblatt.
Nach einem Jahr als freie Mitarbeiterin bekam sie eine 40-Prozent-Stelle auf der Lokalredaktion. 1995 stiess sie auf ein Inserat für eine 50-Prozent-Stelle als Reisejournalistin bei der Coop-Zeitung und kriegte die Stelle. Fünf Jahre lang konnte Horisberger ihre Leidenschaften – Weltenbummeln, Schreiben und Familie – unter einen Hut bringen. Dann wurde sie stellvertretende Chefredaktorin und arbeitete 80 Prozent.
«Familien- und Partnerschaftsthemen» werden künftig laut Horisberger eine wichtigere Rolle im Blatt spielen. Frauen zwischen 40 und 60 machen nämlich den grössten Leseranteil der Zeitung aus, total erreicht sie 70 Prozent aller Deutschschweizerinnen. Im Visier sind aber auch Jüngere in einem «sehr breiten Leserspektrum».
Die 15-köpfige Redaktion der Coop-Zeitung versucht jede Woche «eine Wundertüte» zu füllen, die von der Wissenschaft über Kultur bis Sport und Politik Geschichten «auf leicht verständlichem Niveau» enthält. Als Pflichtstoff für den Herausgeber sowie «offensichtlich gutes Marketinginstrument» gibt es den konzentrierten Coop-Teil in der Heftmitte. «Sonst sind wir journalistisch sehr frei», freut sich die Frau, die selbst inskünftig wohl weniger frei haben wird.
Kathy Horisberger will Familien- und Partnerschaftsthemen künftig mehr Platz einräumen.
Andreas Panzeri

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