Showdown im Bundeshaus
Aufgefallen Christoph Blocher, der Lieblingsfeind der politisch korrekten Einheitsmedien, wird Justizminister. Eine Chance für die Journaille, ihren linksliberalen Blocher-Reflex (selbst)kritisch zu überdenken. Und für die Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Kolumne Christoph Blocher, der Lieblingsfeind der politisch korrekten Einheitsmedien, wird Justizminister. Eine Chance für die Journaille, ihren linksliberalen Blocher-Reflex (selbst)kritisch zu überdenken. Und für die Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden.Während vieler Jahre haben sie gegen ihn angeschrieben, und nun ist Christoph Blocher doch Bundesrat geworden. In Zukunft werden sie ihm wohl jenes Minimum an Respekt entbieten müssen, das seinem hohen Amt zukommt. Das tut der politisch frommen Journalistenseele weh – so weh, dass sie den ungeliebten Magistraten weiterhin mit Argwohn und Häme auf Vorrat begleiten wird.Was dabei herauskommt, war schon am Tag nach der Wahl im Schweizer Staatsfernsehen zu sehen. Da präsentiert der zum Minister gewählte Unternehmer einen gut vorbereiteten Nachfolgeplan für seinen Chemie-Konzern – und macht eine 34-jährige Frau, die seine Tochter ist, zu dessen Chefin. Gefragt wurde der als reaktionär und patriarchalisch verschrieene Rechtsaussen indes nach theoretisch möglichen Interessenkollisionen, nicht aber nach dem auf der Hand liegenden Kontrast zur allgemein beklagten Frauendiskriminierung. In der Ausgabe von «10 vor 10» wurde abermals mit bebender Empörung die Demontage der Damen Metzler und Beerli betrauert. Dass da aber ausgerechnet einer wie Blocher eine Frau in die Spitzenposition gehievt hat, wurde nicht kommentiert. Es hätte ja positiv ausfallen können/müssen. Und das scheint weiterhin verboten.
Diese neueste Blüte des journalistischen Blocher-Reflexes erinnert an den alten Furgler-Witz. Kurt Furgler beschliesst, über das Wasser zu laufen und lässt dazu Kameraleute und Reporter einladen. Er betritt die Aare und erreicht trockenen Fusses das andere Ufer. Die Schlagzeile tags darauf unter dem Foto lautet: «Blick beweist: Furgler kann nicht einmal schwimmen!»
Presse- wie Fernsehleute werden bekanntlich im Rudel sozialisiert; deshalb sind sie es gewohnt, Leitwölfen zu folgen, die manchmal auch «publizistische Leiter» heissen. Und weil fast alle Journalisten (pardon: JournalistInnen) fast dasselbe studiert haben, weil sie fast alle in Lofts in Zürich-West wohnen, weil sie (mit 13 oder 14 x 9000 plus Geschäftswagen) demnächst wieder den Streik für Minimallöhne ausrufen werden – kurzum: Da sie fast alle mit der gleichen Nadel gestrickt sind, haben sie auch fast alle den gleichen spiessigen, sozial abgesicherten Reihenhaus-Sozialismus verinnerlicht, den der wackere Robert Nef zu Recht einem allgegenwärtigen «gouvernemental-medial-edukativen Komplex» zuordnet.
Eric Hoesli, Chefredaktor von Le Temps, hat vor zwei Jahren anhand von Befragungen nachgewiesen, dass Schweizer Journalisten viel weiter links stehen als ihre Leserschaft. Nun verlangt ja niemand, selbige sollten den Lesern nach dem Mund reden. Es würde reichen, wenn sie ihre beruflichen Obliegenheiten wenigstens temporär von der eigenen ideologischen Imprägnierung trennen würden.
Blocher und die Presse – das war immer schon ein symptomatisches, spannendes und bisweilen auch spassiges Duell. Und wird es wohl bis auf weiteres bleiben. Wäre Blocher nicht völlig beratungsresistent, hätte er in all seinen Interviews gelegentlich wenigstens so getan, als nähme er die Journaille ernst. Aber ich habe keine Blocher-Antwort gelesen, gehört oder gesehen, in dem nicht die-ser unterschwellig spöttische Ton spürbar war: «Frag nur, du Würstchen, du hast ja sowieso keine Ahnung…»
Leider hatte er damit allzu häufig Recht: Immer wieder verriet die Qualität der Fragen, dass die politisch korrekte, also halblinke Gesinnung zumeist gefestigter ist als das Fach- und Hintergrundwissen. Auch war und ist die Bereitschaft, vorgestanzte Denk- und Schreibschablonen anzuwenden grösser als die Lust an der unvoreingenommenen (Selbst)- Reflexion. Diese ist aber unabdingbar, um die im neuen Jahr zu klärenden Fragen sachkundig stellen und kommentieren zu können. Stellt Blocher einen Mediensprecher an und wenn ja, dann wen? Und was tut er mit den Heerscharen von «Fassadenreinigern» (blocherisch für PR-Berater) in seinem weit verzweigten Justiz- und Polizeidepartement? Mit anderen Worten: Wird er stärker sein als der Apparat und den Versuchungen der Classe politique längerfristig widerstehen? Affaire à suivre…
> Karl Lüönd ist Publizist, Buchautor und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
Diese neueste Blüte des journalistischen Blocher-Reflexes erinnert an den alten Furgler-Witz. Kurt Furgler beschliesst, über das Wasser zu laufen und lässt dazu Kameraleute und Reporter einladen. Er betritt die Aare und erreicht trockenen Fusses das andere Ufer. Die Schlagzeile tags darauf unter dem Foto lautet: «Blick beweist: Furgler kann nicht einmal schwimmen!»
Presse- wie Fernsehleute werden bekanntlich im Rudel sozialisiert; deshalb sind sie es gewohnt, Leitwölfen zu folgen, die manchmal auch «publizistische Leiter» heissen. Und weil fast alle Journalisten (pardon: JournalistInnen) fast dasselbe studiert haben, weil sie fast alle in Lofts in Zürich-West wohnen, weil sie (mit 13 oder 14 x 9000 plus Geschäftswagen) demnächst wieder den Streik für Minimallöhne ausrufen werden – kurzum: Da sie fast alle mit der gleichen Nadel gestrickt sind, haben sie auch fast alle den gleichen spiessigen, sozial abgesicherten Reihenhaus-Sozialismus verinnerlicht, den der wackere Robert Nef zu Recht einem allgegenwärtigen «gouvernemental-medial-edukativen Komplex» zuordnet.
Eric Hoesli, Chefredaktor von Le Temps, hat vor zwei Jahren anhand von Befragungen nachgewiesen, dass Schweizer Journalisten viel weiter links stehen als ihre Leserschaft. Nun verlangt ja niemand, selbige sollten den Lesern nach dem Mund reden. Es würde reichen, wenn sie ihre beruflichen Obliegenheiten wenigstens temporär von der eigenen ideologischen Imprägnierung trennen würden.
Blocher und die Presse – das war immer schon ein symptomatisches, spannendes und bisweilen auch spassiges Duell. Und wird es wohl bis auf weiteres bleiben. Wäre Blocher nicht völlig beratungsresistent, hätte er in all seinen Interviews gelegentlich wenigstens so getan, als nähme er die Journaille ernst. Aber ich habe keine Blocher-Antwort gelesen, gehört oder gesehen, in dem nicht die-ser unterschwellig spöttische Ton spürbar war: «Frag nur, du Würstchen, du hast ja sowieso keine Ahnung…»
Leider hatte er damit allzu häufig Recht: Immer wieder verriet die Qualität der Fragen, dass die politisch korrekte, also halblinke Gesinnung zumeist gefestigter ist als das Fach- und Hintergrundwissen. Auch war und ist die Bereitschaft, vorgestanzte Denk- und Schreibschablonen anzuwenden grösser als die Lust an der unvoreingenommenen (Selbst)- Reflexion. Diese ist aber unabdingbar, um die im neuen Jahr zu klärenden Fragen sachkundig stellen und kommentieren zu können. Stellt Blocher einen Mediensprecher an und wenn ja, dann wen? Und was tut er mit den Heerscharen von «Fassadenreinigern» (blocherisch für PR-Berater) in seinem weit verzweigten Justiz- und Polizeidepartement? Mit anderen Worten: Wird er stärker sein als der Apparat und den Versuchungen der Classe politique längerfristig widerstehen? Affaire à suivre…
> Karl Lüönd ist Publizist, Buchautor und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
