Selbst gestrickte Wirklichkeiten

Aufgefallen Was geschieht, wenn in der Schweiz neben dem Blick eine zweite Boulevardzeitung auf den Markt kommt? Auf jeden Fall wächst der Zwang, Geschichten als Events zu arrangieren.

Kolumne Was geschieht, wenn in der Schweiz neben dem Blick eine zweite Boulevardzeitung auf den Markt kommt? Auf jeden Fall wächst der Zwang, Geschichten als Events zu arrangieren.In der Werbewoche (WW 20/04) sind die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Wünsche im Umfeld des Jean Frey Verlages nach einer «rechten» Boulevardzeitung erörtert worden. Es lohnt, sich einmal systematisch zu fragen, mit welchen Mitteln ein solcher Zeitungsplan zum Erfolg geführt werden könnte.Die politischen Begriffe links und rechts besagen in dieser Debatte wenig. Natürlich könnte eine Schweizer Krone – um den Titel der grossen, erfolgreichen und kleinbourgeois-politischen österreichischenBoulevardzeitung aufzugreifen – ein paar Themen des Zeitgesprächs anders aufrollen als der Blick. Ein gefundenes Fressen wäre zum Beispiel Moritz Leuenbergers CO2-Abgabe. Ringiers Blick macht das in der analytischen Art, mit der schon das Steuerpaket bearbeitet wurde: «Wer besser und wer schlechter fährt.» Die Schweizer Krone würde eine Kampagne «Der Staat stiehlt kleinen Leuten eine Stunde täglich» fahren; denn natürlich dauern Anfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln meist länger als solche mit dem Auto. Schon richtig: Zwei Boulevardmedien würden sich bei manchen Themen aufschaukeln. Aber die Welt würde das nicht ändern. Die wichtigen Themen in komplizierten Industriegesellschaften sind für Emotionskommunikation zu abstrakt. Es gäbe ein bisschen mehr Gebrülle über Samuel Schmids Panzer oder den gekröpften oder nicht gekröpften Anflug über Zürich. Das wärs.
Das Hauptproblem des Boulevards ist die «zweite Welt». Medien der Emotionskommunikation müssen neben das differenzierte Hin und Her um Eigenmietwert und Zinssteuerabkommen und neben das seriöse, also langweilige Personal von Deiss bis Ledergerber eine Welt Nummero zwei stellen: Eros Ramazzotti und sein wirkliches oder erfundenes Liebesleben, Heiri Müllers gebrüllte Musik oder Boris Beckers in der Besenkammer gezeugte Tochter. Viele Figuren der zweiten Welt gibt es in der Wirklichkeit gar nicht: Verona Feldbusch ist eine reine Kunstfigur. Thomas Borer oder Oliver Kahn sind reale Figuren, die sich zur Verfremdung in der zweiten Welt hergegeben haben oder dazu gezwungen worden sind. Mit der drögen Wirklichkeit kommt der Boulevard nicht aus.
Nehmen wir ein Beispiel. Die deutsche Bild nimmt drei «Metropolmädchen», zieht sie aus, zeigt sie mit nackten Schenkeln und langen Stiefeln – und schickt sie auf einen brandenburgischen Bauernhof. Gleichzeitig werden drei Brandenburger Bauernsöhne ins Berliner Luxushotel gelotst. Das ist ein «Event». Die Geschichte, die eine Woche lang, reich bebildert, erzählt wird, ist nicht «wirklich» passiert. Sie ist arrangiert, schlicht Eventmanagement. Die «zweite Welt» wird wie ein Wandschirm vor die erste gezogen, weil diese erste zu «langweilig» ist. Eine zweite Boulevardzeitung würde einen gewaltigen Schub zur «zweiten Welt» auslösen. Aber wollen wir das?
Wir würden es wollen müssen, wenn es sich für irgendjemanden rechnet. Aber Tito Tettamanti schweigt noch. Man weiss eben nicht, ob es sich rechnet. Der Blick, der seinen Preis erhöht hat, könnte den Preis auch wieder senken. Der Focus Burdas hat den Spiegel Austs nicht weggepustet, sondern zur Modernisierung gezwungen. Wir arbeiten in einer interessanten Branche.
Peter Glotz befürchtet, dass noch weniger zählt, was wirklich geschieht.

> Peter Glotz ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und SonntagsBlick-Kolumnist.

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