Schritte zur Normalität
Samuel Helbling über Sexinserate im NZZ-Ticket
Samuel Helbling über Sexinserate im NZZ-TicketObwohl die nackten Tatsachen seit dem Sündenfall feststehen, kennt die menschliche Geschichte befristete Rückfälle ins Paradies der Zwanglosigkeit. Das kollektive Schamempfinden ist mitnichten zeitlos. Jede Gesellschaft sucht nach ihrem seelischen Gleichgewicht, nach einer Balance zwischen Prüderie und Libertinage, zwischen Sittenstrenge und Offenherzigkeit. «Make love not war», lautete der Schlachtruf der 68er, die mit der sozialrevolutionären Kraft der Sexualität Politik machen wollten. Wer sich durch gesteigerte Lust den triebfeindlichen Zwängen des kapitalistischen Systems widersetze, baue an einer freien, antiautoritären Gesellschaft, so die Flower-Power-Apologeten. Und weil das Private politisch gedeutet wurde, gehörte es fortan an die Öffentlichkeit. Ironie der Geschichte ist, dass gerade diese Haltung das Terrain für die totale Veröffentlichung von Erotik und Sexualität bereitete. Da mochte die Linke die Instrumentalisierung der Sexualität zur Herrschaftssicherung noch so sehr beklagen. Eine Sexwelle nach der anderen rollt seitdem über die Gesellschaft hinweg.
Wie sehr sich die öffentlichen Formen der Scham im Lauf der Geschichte wandeln, zeigt die aktuelle Debatte um Sexinserate in den Zeitungen. EVP-Nationalrat Heiner Studer will gar mit einem parlamentarischen Vorstoss einen Kreuzzug gegen Sexanzeigen in den Schweizer Tageszeitungen lancieren. Fast zeitgleich sind im Ticket, dem wöchentlichen Ausgehmagazin der NZZ, zum ersten Mal Sexinserate erschienen.
Ein Schritt Richtung Normalität, auch wenn der «Alten Tante» die Häme bürgerlicher Konkurrenzblätter sicher war (z.B. MittellandZeitung am 25. Januar). Der mündige Bürger, den die NZZ so gerne beschwört, dürfte mit dem neuen Marktplatzangebot indes umzugehen wissen. Und auch für die Erotikindustrie soll gelten, was für andere Branchen gilt: Was legal erhältlich ist, soll auch beworben werden dürfen.
> Samuel Helbling, Chefredaktor
Wie sehr sich die öffentlichen Formen der Scham im Lauf der Geschichte wandeln, zeigt die aktuelle Debatte um Sexinserate in den Zeitungen. EVP-Nationalrat Heiner Studer will gar mit einem parlamentarischen Vorstoss einen Kreuzzug gegen Sexanzeigen in den Schweizer Tageszeitungen lancieren. Fast zeitgleich sind im Ticket, dem wöchentlichen Ausgehmagazin der NZZ, zum ersten Mal Sexinserate erschienen.
Ein Schritt Richtung Normalität, auch wenn der «Alten Tante» die Häme bürgerlicher Konkurrenzblätter sicher war (z.B. MittellandZeitung am 25. Januar). Der mündige Bürger, den die NZZ so gerne beschwört, dürfte mit dem neuen Marktplatzangebot indes umzugehen wissen. Und auch für die Erotikindustrie soll gelten, was für andere Branchen gilt: Was legal erhältlich ist, soll auch beworben werden dürfen.
> Samuel Helbling, Chefredaktor
