Roger Schawinskis Gedächtnislücke

Gastkommentar Wie sich der Ex-«Money 24»-Initiant nachträglich als Internet-Skeptiker profiliert, findet Raymond Lüdi verwegen.

Gastkommentar Wie sich der Ex-«Money 24»-Initiant nachträglich als Internet-Skeptiker profiliert, findet Raymond Lüdi verwegen.Schon wieder ist ein neues Buch von Roger Schawinski erschienen. Das Thema: Die geplatzte New-Economy-Blase. Dabei will er nach eigenen Aussagen mehr über die Hintergründe des Hypes und die Gründe für dessen Scheitern wissen. Nur fragt dies einer, der es selbst schon wissen müsste.Zwar bezeichnet sich Schawinski anlässlich des Vorabdrucks im Tages-Anzeiger selbst als «lang gedienten Internet-Skeptiker», doch scheint er vergessen zu haben, dass er noch im Jahr 2000 «Money 24» aus der Taufe heben wollte. Ein Multimediaprojekt, das eine Börsenhandelsplattform im Internet und einen Fernsehkanal umfassen sollte. Haupteinnahmequelle des Unternehmens
wären die Einnahmen aus dem Online-Wertpapierhandel gewesen, budgetierte 10 bis 12 Millionen Franken jährlich.
Die Fachpresse war euphorisch: «Schawinski surft auf der Multimediawelle» oder «Verlobung von Web und TV», titelten die Branchenmagazine. Die Sendekonzession für «Money 24» war bereits erteilt, der Leiter des Projekts ernannt, nur der Start verzögerte sich über Monate, bis die Sache dann gänzlich begraben wurde. Es gab bereits zu viele ähnlich gelagerte Projekte – gewollt hätte er schon, nur gereicht hat es nicht mehr.
Trotzdem sagt der Buchautor dieser Tage im Interview mit Moneycab: «Gerade weil ich nie mitgemacht habe, war es für mich etwas leichter als für andere. Ich bin ein Journalist, der unbeteiligt recherchieren konnte.» Immerhin ist er mit seiner Gedächtnislücke nicht ganz allein. Der Moneycab-Journalist hat von Schawinskis
früheren New Economy Ventures auch nie gehört. Da fällt einem das Stricken der eigenen Legende doch gleich viel leichter.
PS: Wenn Schawinski tatsächlich ein solcher Internet-Skeptiker war, diente die Lancierung von «Money 24» dann nur dazu, die Börsenfantasien für ein bevorstehendes Going Public seines Unternehmens zu beflügeln? Im Jahr 1999 war Credit Suisse mit 40 Prozent bei Schawinski eingestiegen. Der spätere Ausstieg über die Börse war für die Bank das erklärte Ziel – Schawinski hätte bestimmt nichts dagegen gehabt.
Raymond Lüdi war während sechs Jahren Chefredaktor des Media Trend Journal und ist heute freier Publizist. In den nächsten Wochen erscheint sein Buch über die Rolle der Medien beim Internet-Hype.

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