Ringier küsst den Frosch
Aufgefallen Raus aus der Schmuddelecke, rein ins (nächste) verlegerische Abenteuer: Der Zeitpunkt scheint günstig wie nie für eine gehobene Tageszeitung aus dem grössten Schweizer Medienhaus.
Kolumne Raus aus der Schmuddelecke, rein ins (nächste) verlegerische Abenteuer: Der Zeitpunkt scheint günstig wie nie für eine gehobene Tageszeitung aus dem grössten Schweizer Medienhaus.Das Projekt Neue Zeitung, worüber der Ringier-Verwaltungsrat im Lauf dieser Woche entscheidet, ist der erneute Versuch des grössten Schweizer Verlagshauses, seine Position im «gehobenen Lesersegment» zu festigen – was immer man darunter verstehen mag. Jedenfalls soll der Blick, obwohl publizistisch eher ein Kontrastprogramm zur Neuen Zeitung, als Flugzeugträger benutzt werden, was eine enorme Vertriebsleistung zu günstigen Kosten sichert, mindestens bei der Einzelverkaufsauflage. Zugleich erschliesst dieser Distributionsweg nahe liegende Leserkreise; schliesslich wissen wir seit Jahren, dass etwa jeder dritte Blick-Leser auch regelmässig zur NZZ greift. Inhaltlich soll das Blatt «den Tageszeitungsstoff von der Denkart der Wochenzeitung her vermitteln», wie mir einer der Verantwortlichen sagte.Das ist ein zeitgemässer Ansatz. Seit sie infolge Fernsehen, Radio und Onlinemedien nicht mehr als erste Breaking News vermelden können, sind die Tageszeitungen auf das angewiesen, was man «Aktualität aus der zweiten Reihe» nennen könnte: Hintergründe, Analysen, Kommentare, Standpunkte, Kolumnen, Porträts, Prognosen, Dienstleistungen, Updates. Das neue Blatt ist also gezwungen, durch die Varietät seiner journalistischen Darstellungsformen Interesse zu wecken. In dieser Disziplin ist der Projektleiter und frühere Weltwoche-Chefredaktor Rudolf Bächtold ein Champion.
Es gibt also gute Gründe für eine solche Zeitung – nur warum ausgerechnet jetzt, in der tiefsten Branchendepression seit Kriegsende? Das Ringier-Management dürfte mit dem Selbstbewusstsein des Starken die Frage gerade umgekehrt stellen: Warum nicht jetzt? Verglichen mit anderen ist die Verlagsgruppe in einem ausgezeichneten Zustand, sowohl konjunkturell wie strukturell. Der Zeitschriftensektor hat weit weniger gelitten als die extrem zyklischen A-Titel unter den Tageszeitungen, denen der eingebrochene Kaderstellenmarkt, die Werbekrise und die Börsenflaute das Anzeigengeschäft verhagelt haben.
Geschwächt und leichter angreifbar sind folglich die beiden alten Erzrivalen Tamedia und NZZ. Auch für die Zukunft scheinen die Risiken bei Ringier besser verteilt zu sein als bei anderen. Das Auslandgeschäft ist ein solider Mitträger geworden, und von den Pflegefällen, an denen es auch in diesem Hause nicht fehlt, hat keiner die Dimension eines Klumpenrisikos. Ringier profitiert heute von einem klugen Unternehmensaufbau, der die Balance zwischen den geografischen Märkten, aber auch zwischen Verlag und Druck, Print und neuen Medien nie verloren hat.
Da anständige Verlegerei nie nur ein Strategiespiel ist, sondern immer auch mit «weichen» Faktoren wie gesellschaftspolitischer (Selbst-) Verpflichtung und Reputation zu tun hat, mag zudem der alte Ringier-spezifische Ehrgeiz mitspielen, auch in der seriösen Presse ein Wörtchen mitreden zu wollen. Allerdings liegt allein schon dieser Unterscheidung (elitär = seriös, populär = unseriös) ein lehrerhaftes und abgehobenes Weltbild zu Grunde. Unideologisch definiert bedeutet Seriosität heute nichts weiter als die Erfüllung von Kundenansprüchen unter Respektierung der dem Medienwesen immanenten besonderen Randbedingungen. Diese Form von Qualität ist auf jedem Niveau möglich; das beweisen manche Ringier-Titel seit Jahren. Zudem gilt für den grössten Verlag der Schweiz in besonderem Masse das Brecht-Wort: «Es muss sich niemand schämen, nur zu unterhalten.»
Sollte der Entscheid, die Neue Zeitung betreffend, positiv ausfallen, ist dringend zu wünschen, dass dem Projekt die nötige lange Reifezeit gewährt wird. Sollte aber der Daumen des Verwaltungsrats abwärts zeigen, wärs auch nicht weiter tragisch. Denn Forschung und Entwicklung finden in diesem Geschäft nach dem Prinzip von «trial and error» statt.
Man muss eben viele Frösche küssen, um auf einen Prinzen zu treffen.
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
Es gibt also gute Gründe für eine solche Zeitung – nur warum ausgerechnet jetzt, in der tiefsten Branchendepression seit Kriegsende? Das Ringier-Management dürfte mit dem Selbstbewusstsein des Starken die Frage gerade umgekehrt stellen: Warum nicht jetzt? Verglichen mit anderen ist die Verlagsgruppe in einem ausgezeichneten Zustand, sowohl konjunkturell wie strukturell. Der Zeitschriftensektor hat weit weniger gelitten als die extrem zyklischen A-Titel unter den Tageszeitungen, denen der eingebrochene Kaderstellenmarkt, die Werbekrise und die Börsenflaute das Anzeigengeschäft verhagelt haben.
Geschwächt und leichter angreifbar sind folglich die beiden alten Erzrivalen Tamedia und NZZ. Auch für die Zukunft scheinen die Risiken bei Ringier besser verteilt zu sein als bei anderen. Das Auslandgeschäft ist ein solider Mitträger geworden, und von den Pflegefällen, an denen es auch in diesem Hause nicht fehlt, hat keiner die Dimension eines Klumpenrisikos. Ringier profitiert heute von einem klugen Unternehmensaufbau, der die Balance zwischen den geografischen Märkten, aber auch zwischen Verlag und Druck, Print und neuen Medien nie verloren hat.
Da anständige Verlegerei nie nur ein Strategiespiel ist, sondern immer auch mit «weichen» Faktoren wie gesellschaftspolitischer (Selbst-) Verpflichtung und Reputation zu tun hat, mag zudem der alte Ringier-spezifische Ehrgeiz mitspielen, auch in der seriösen Presse ein Wörtchen mitreden zu wollen. Allerdings liegt allein schon dieser Unterscheidung (elitär = seriös, populär = unseriös) ein lehrerhaftes und abgehobenes Weltbild zu Grunde. Unideologisch definiert bedeutet Seriosität heute nichts weiter als die Erfüllung von Kundenansprüchen unter Respektierung der dem Medienwesen immanenten besonderen Randbedingungen. Diese Form von Qualität ist auf jedem Niveau möglich; das beweisen manche Ringier-Titel seit Jahren. Zudem gilt für den grössten Verlag der Schweiz in besonderem Masse das Brecht-Wort: «Es muss sich niemand schämen, nur zu unterhalten.»
Sollte der Entscheid, die Neue Zeitung betreffend, positiv ausfallen, ist dringend zu wünschen, dass dem Projekt die nötige lange Reifezeit gewährt wird. Sollte aber der Daumen des Verwaltungsrats abwärts zeigen, wärs auch nicht weiter tragisch. Denn Forschung und Entwicklung finden in diesem Geschäft nach dem Prinzip von «trial and error» statt.
Man muss eben viele Frösche küssen, um auf einen Prinzen zu treffen.
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.
