Raus aus der Zitronenpresse!
Aufgefallen Recycling, Retro- und Renditedenken lassen das Fernsehen in Agonie erstarren. Kein Wunder, wenden sich immer mehr Medienkonsumenten gelangweilt vom einstigen Leitmedium ab.
Kolumne Recycling, Retro- und Renditedenken lassen das Fernsehen in Agonie erstarren. Kein Wunder, wenden sich immer mehr Medienkonsumenten gelangweilt vom einstigen Leitmedium ab.Das Fernsehen ist ein erschöpftes Medium. Was wie die rituelle Klage über die alljährliche Auszehrung des Programms in den Sommermonaten klingt, in denen dessen Macher auf die Reiselust ihrer Zuschauer mit der Reprise alter Filme reagieren, ist ein nüchterner Befund. Schliesslich ist die Langeweile, die der Bildschirm ausstrahlt, längst mehr als ein saisonales Phänomen.
Ein Indiz sind die Medienseiten der Zeitungen. Seit Monaten beschäftigen sich diese mit blossem Plunder: Die Wiederkehr der alten «Sportschau», das private und öffentliche Wirken eines Dieter Bohlen oder der Mitleid erregende Quatsch der Ostalgie-Shows wird tagelang und seitenfüllend erörtert. Je nach Höhenlage des Blattes geschieht dies entweder als simple PR fürs triviale Programmprodukt oder im Gestus des postmodernen Zeit-, Kultur- und Medienkritikers, der noch aus dem letzten Schrott der Populärkultur die Fluchtlinien gesellschaftlicher Entwicklung entziffert. Allerdings liefert auch solche Anstrengung nicht mehr als blosses Begleitgeräusch für Pseudoereignisse. Es sieht so aus, als sei über die TV-Inhalte alles gesagt, geschrieben und auf «Medientagen» diskutiert worden. Einen spannenden, kritischen Diskurs kann dieses Medium offensichtlich nicht mehr auslösen.
Nicht einmal der Einstieg von Haim Saban im deutschen Fernsehmarkt sorgte für öffentliche Aufregung. Auch auf den publizistischen Kampfkanzeln, von wo vor gar nicht langer Zeit noch rhetorisches Sperrfeuer gegen «Medien-Mogule» wie Leo Kirch oder Rupert Murdoch kam, wurde dieser Schritt nur mehr in nüchterner Protokollprosa vermeldet. Die Tatsache, dass Fernsehen ein Produkt ist, das denselben Marktgesetzen unterliegt wie ein Deodorant oder Backwaren, provoziert niemanden mehr. Kein Wunder, dass in den USA, dem Mutterland dieses Gedankens, gerade die letzten Regulierungen abgeräumt werden.
Die TV-Berichterstattung über den Irak-Krieg hat darüber hinaus vor Augen geführt, dass auch die ihr zugeschriebene Kernkompetenz visueller Information über dramatisches Zeitgeschehen eine Illusion ist. Mochten auch Tausende von Kameraaugen das Schlachtfeld beobachten, so wurde zugleich immer rätselhafter, was denn die «Wirklichkeit» dieses Krieges war. Das Versprechen, mit der eigenen Präsenz die Propagandafassaden zu durchbrechen, wurde nicht eingelöst. Das einzig Verlässliche, was die vielen Journalisten zu berichten wussten, war eine desillusionierend selbstreferenzielle Botschaft: Wir sind am Ort des Geschehens, das wir jedoch ebenso wenig verstehen wie ihr daheim.
Der Medienanalytiker Lutz Hachmeister machte unlängst darauf aufmerksam, dass auch televisionäre Unterhaltungsangebote an Attraktivität verloren haben: Man setzt in den Sendern auf ein Sicherheitsprogramm, das einmal erfolgreiche Formate und Konzepte nur routiniert variiert. Die fast restlose Ökonomisierung des Mediums hat die Innovationslust längst blockiert. Es geht nur mehr darum, Synergien zu nutzen, Marken auszubauen und dadurch die Aufmerksamkeit des Publikums ans eigene Programm beziehungsweise dessen Werbeeinblendungen zu binden.
Auch dabei sind aber Grenzen erreicht: Von der Internationalen Funkausstellung kommt die Nachricht, dass der Alptraum der Spotvermarkter bald wahr werden und der Zuschauer sich mit technischer Hilfe den Werbebotschaften endgültig entziehen wird.
Die fast vollständige Durchsetzung jener Modernisierung des Mediums, die seinen publizistischen Auftrag ganz in den Schatten seiner ökonomischen Funktion treten liess, erzwingt neues Nachdenken über Erlösmodell und inhaltliches Profil des Fernsehens. Wer sich seinen Optimismus bewahrt hat, kann darauf nur hoffen.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
Ein Indiz sind die Medienseiten der Zeitungen. Seit Monaten beschäftigen sich diese mit blossem Plunder: Die Wiederkehr der alten «Sportschau», das private und öffentliche Wirken eines Dieter Bohlen oder der Mitleid erregende Quatsch der Ostalgie-Shows wird tagelang und seitenfüllend erörtert. Je nach Höhenlage des Blattes geschieht dies entweder als simple PR fürs triviale Programmprodukt oder im Gestus des postmodernen Zeit-, Kultur- und Medienkritikers, der noch aus dem letzten Schrott der Populärkultur die Fluchtlinien gesellschaftlicher Entwicklung entziffert. Allerdings liefert auch solche Anstrengung nicht mehr als blosses Begleitgeräusch für Pseudoereignisse. Es sieht so aus, als sei über die TV-Inhalte alles gesagt, geschrieben und auf «Medientagen» diskutiert worden. Einen spannenden, kritischen Diskurs kann dieses Medium offensichtlich nicht mehr auslösen.
Nicht einmal der Einstieg von Haim Saban im deutschen Fernsehmarkt sorgte für öffentliche Aufregung. Auch auf den publizistischen Kampfkanzeln, von wo vor gar nicht langer Zeit noch rhetorisches Sperrfeuer gegen «Medien-Mogule» wie Leo Kirch oder Rupert Murdoch kam, wurde dieser Schritt nur mehr in nüchterner Protokollprosa vermeldet. Die Tatsache, dass Fernsehen ein Produkt ist, das denselben Marktgesetzen unterliegt wie ein Deodorant oder Backwaren, provoziert niemanden mehr. Kein Wunder, dass in den USA, dem Mutterland dieses Gedankens, gerade die letzten Regulierungen abgeräumt werden.
Die TV-Berichterstattung über den Irak-Krieg hat darüber hinaus vor Augen geführt, dass auch die ihr zugeschriebene Kernkompetenz visueller Information über dramatisches Zeitgeschehen eine Illusion ist. Mochten auch Tausende von Kameraaugen das Schlachtfeld beobachten, so wurde zugleich immer rätselhafter, was denn die «Wirklichkeit» dieses Krieges war. Das Versprechen, mit der eigenen Präsenz die Propagandafassaden zu durchbrechen, wurde nicht eingelöst. Das einzig Verlässliche, was die vielen Journalisten zu berichten wussten, war eine desillusionierend selbstreferenzielle Botschaft: Wir sind am Ort des Geschehens, das wir jedoch ebenso wenig verstehen wie ihr daheim.
Der Medienanalytiker Lutz Hachmeister machte unlängst darauf aufmerksam, dass auch televisionäre Unterhaltungsangebote an Attraktivität verloren haben: Man setzt in den Sendern auf ein Sicherheitsprogramm, das einmal erfolgreiche Formate und Konzepte nur routiniert variiert. Die fast restlose Ökonomisierung des Mediums hat die Innovationslust längst blockiert. Es geht nur mehr darum, Synergien zu nutzen, Marken auszubauen und dadurch die Aufmerksamkeit des Publikums ans eigene Programm beziehungsweise dessen Werbeeinblendungen zu binden.
Auch dabei sind aber Grenzen erreicht: Von der Internationalen Funkausstellung kommt die Nachricht, dass der Alptraum der Spotvermarkter bald wahr werden und der Zuschauer sich mit technischer Hilfe den Werbebotschaften endgültig entziehen wird.
Die fast vollständige Durchsetzung jener Modernisierung des Mediums, die seinen publizistischen Auftrag ganz in den Schatten seiner ökonomischen Funktion treten liess, erzwingt neues Nachdenken über Erlösmodell und inhaltliches Profil des Fernsehens. Wer sich seinen Optimismus bewahrt hat, kann darauf nur hoffen.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
