«Politiker haben eine unrealistische Vorstellung vom Wettbewerb»
Pierre Lamunière über Edipresse und die wachsende Konkurrenz aus Frankreich
Pierre Lamunière über Edipresse und die wachsende Konkurrenz aus FrankreichVon Anita Vaucher Edipresse Schweiz warnt Gesetzgeber und Wettbewerbskommission vor zu starken Einschränkungen im Medienmarkt. Müsste Verleger Pierre Lamunière heute sein Unternehmen verkaufen, würde es deshalb in ausländische Hände fallen, ist er überzeugt.
Vergangenen November hat Edipresse Suisse seine Direktion neu organisiert und die Zahl ihrer Mitglieder von drei auf zehn erhöht. Zudem wurde die Gewaltentrennung zwischen Direktion und Redaktion vollzogen. Welche Idee steckt hinter diesen Massnahmen?
Pierre Lamunière: Wir wollten die Organisation dynamisieren und dem journalistischen Bereich mehr Gewicht verleihen. Die Chefredaktoren haben nun mehr Zeit für ihre journalistische Arbeit.
Sie haben sich aus dem operationellen Bereich zurückgezogen, um sich auf die Strategie des Unternehmens zu konzentrieren. Wo setzen Sie Prioritäten?
Lamunière: Ich definiere die Unternehmensstrategie, ich formuliere die Zielsetzungen und vertrete auf höchster Ebene das Unternehmen nach aussen. In einem gewissen Sinne bin ich auch der «Gardien éthique» des Unternehmens.
Wie lange bleibt Edipresse noch ein Familienunternehmen?
Lamunière: Ich hoffe, noch ziemlich lange, denn ich habe immerhin noch zehn Jahre aktives Berufsleben vor mir. Ich glaube jedoch nicht, dass Edipresse für immer in den Händen der gleichen Familie bleiben wird. Das Gleiche gilt übrigens auch für Tamedia und Ringier.
Edipresse ist ins Visier der Wettbewerbskommission geraten. Der Markt in der Westschweiz ist gesättigt, und Edipresse wächst nur noch im Ausland. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um Edipresse Schweiz jetzt zu verkaufen?
Lamunière: Wir sind als Schweizer Unternehmen in diesem Land sehr stark verwurzelt. Überdies machen wir das, was wir tun, mit Begeisterung. Ich habe schon verschiedentlich gesagt und ich betone nochmals, dass ich nichts gegen Konkurrenz im Markt habe. Es ist einfach lächerlich, uns diesen Stempel des übermächtigen Konzerns aufdrücken zu wollen. Von 16 Tageszeitungen in der Westschweiz kontrollieren wir nur gerade deren drei. Dabei wird oft vergessen, dass wir ab und zu auch Zeitungen verkauft haben. Politiker haben oft eine total unrealistische Vorstellung vom Wettbewerb. Sie würden vermutlich gerne ein Modell à la Service public vorziehen, wie es die SRG verkörpert. Der einzige Grund, Edipresse Suisse zu verkaufen, wäre dann gegeben, wenn man versuchte, uns mit fragwürdigen Gesetzen die Hände zu binden.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Verleger?
Lamunière: Als Verleger möchte ich mich an den demokratischen Prozessen in diesem Land beteiligen und die Gesellschaft mitgestalten können. Edipresse besitzt nicht zuletzt deshalb eine sehr starke Position, weil wir immer wieder neue Titel lanciert haben. Ohne unsere Innovationen und Investitionen würde sich die Westschweizer Zeitungslandschaft heute als eine Summe regionaler Monopole präsentieren, – genauso, wie sie überall in der Deutschschweiz existieren, sieht man einmal vom Raum Zürich ab.
Bundesrat Moritz Leuenberger hat kürzlich den Eintritt ausländischer Konkurrenz in den Westschweizer Markt begrüsst.
Lamunière: Gerade, weil wir auch noch andere Überlegungen anstellen als rein wirtschaftliche, wirft man uns «Dominanz» vor. Das ist absurd und äusserst schwerwiegend. Vor allem im Zusammenhang mit der von Bundesrat Moritz Leuenberger in Le Temps geäusserten Erklärung, wonach er es lieber sähe, wenn ausländische Investoren vermehrt in der Schweiz investierten, als wenn einheimische Verleger ihre Position stärken können.
Französische Verleger zeigen Interesse am Westschweizer Markt. Noch ein Argument, Edipresse Schweiz jetzt zu verkaufen?
Lamunière: Es geht nicht nur darum, dass französische Verleger sich für uns interessieren. Auch Tamedia oder Ringier könnten eines Tages zum Verkauf stehen. Und nach den heute geltenden Gesetzen müssten diese auch ins Ausland verkauft werden. Diese politische Sichtweise ist sehr einseitig. Die Wettbewerbskommission entscheidet leider nicht nach allgemein gültigen Marktkriterien, sondern legt diese von Fall zu Fall immer wieder neu fest.
Hersant hat bis jetzt in der Westschweiz mit Erfolg akquiriert. Hat Edipresse diesen Markt vernachlässigt?
Lamunière: Wir haben dieses Segment in der Vergangenheit etwas vernachlässigt. Ich denke vor allem an die Zeitung La Côte, die wir gerne übernommen hätten. Wenn Verleger Corbaz zum Verkauf bereit ist, werden wir gerne eine entsprechende Offerte unterbreiten.
Hersant kündigt für die Region Genf eine Gratiszeitung und für La Côte eine Erhöhung der Auflage an. Eine Kriegserklärung an Edipresse?
Lamunière: Es handelt sich um eine natürliche Konkurrenz, wie sie in vielen Märkten herrscht. Hersant hat für die Schweiz vermutlich die gleiche Vision wie für Frankreich. Dort weisen die Gratiszeitungen ohne redaktionellen Inhalt einen beachtlichen Erfolg im Kleinanzeigenmarkt auf. Hersant ist derzeit im Vorteil gegenüber Schweizer Verlegern, weil wir nach geltendem französischem Recht keine Möglichkeit haben, in Frankreich zu investieren.
Wie beurteilen Sie die Berichterstattung um Botschafter Thomas Borer aus dem Haus Ringier?
Lamunière: Ich hätte aus berufsethischen Gründen die Veröffentlichung des Artikels im SonntagsBlick untersagt. Das Leben innerhalb der eigenen vier Wände ist strikte Privatsache.
Dann hätten Sie also in diesem Fall den Artikel über den Kopf des Chefredaktors hinweg aus dem Blatt gekippt?
Lamunière: Das ist natürlich eine sehr heikle Gratwanderung in der Aufgabenteilung von Verleger und Chefredaktion. Aber in diesem Fall geht es um die Ethik des Unternehmens und die redaktionelle Linie der Zeitung. Meiner Meinung nach ist es Aufgabe des Verlegers, diese Linie festzulegen.
Vergangenen November hat Edipresse Suisse seine Direktion neu organisiert und die Zahl ihrer Mitglieder von drei auf zehn erhöht. Zudem wurde die Gewaltentrennung zwischen Direktion und Redaktion vollzogen. Welche Idee steckt hinter diesen Massnahmen?
Pierre Lamunière: Wir wollten die Organisation dynamisieren und dem journalistischen Bereich mehr Gewicht verleihen. Die Chefredaktoren haben nun mehr Zeit für ihre journalistische Arbeit.
Sie haben sich aus dem operationellen Bereich zurückgezogen, um sich auf die Strategie des Unternehmens zu konzentrieren. Wo setzen Sie Prioritäten?
Lamunière: Ich definiere die Unternehmensstrategie, ich formuliere die Zielsetzungen und vertrete auf höchster Ebene das Unternehmen nach aussen. In einem gewissen Sinne bin ich auch der «Gardien éthique» des Unternehmens.
Wie lange bleibt Edipresse noch ein Familienunternehmen?
Lamunière: Ich hoffe, noch ziemlich lange, denn ich habe immerhin noch zehn Jahre aktives Berufsleben vor mir. Ich glaube jedoch nicht, dass Edipresse für immer in den Händen der gleichen Familie bleiben wird. Das Gleiche gilt übrigens auch für Tamedia und Ringier.
Edipresse ist ins Visier der Wettbewerbskommission geraten. Der Markt in der Westschweiz ist gesättigt, und Edipresse wächst nur noch im Ausland. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um Edipresse Schweiz jetzt zu verkaufen?
Lamunière: Wir sind als Schweizer Unternehmen in diesem Land sehr stark verwurzelt. Überdies machen wir das, was wir tun, mit Begeisterung. Ich habe schon verschiedentlich gesagt und ich betone nochmals, dass ich nichts gegen Konkurrenz im Markt habe. Es ist einfach lächerlich, uns diesen Stempel des übermächtigen Konzerns aufdrücken zu wollen. Von 16 Tageszeitungen in der Westschweiz kontrollieren wir nur gerade deren drei. Dabei wird oft vergessen, dass wir ab und zu auch Zeitungen verkauft haben. Politiker haben oft eine total unrealistische Vorstellung vom Wettbewerb. Sie würden vermutlich gerne ein Modell à la Service public vorziehen, wie es die SRG verkörpert. Der einzige Grund, Edipresse Suisse zu verkaufen, wäre dann gegeben, wenn man versuchte, uns mit fragwürdigen Gesetzen die Hände zu binden.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Verleger?
Lamunière: Als Verleger möchte ich mich an den demokratischen Prozessen in diesem Land beteiligen und die Gesellschaft mitgestalten können. Edipresse besitzt nicht zuletzt deshalb eine sehr starke Position, weil wir immer wieder neue Titel lanciert haben. Ohne unsere Innovationen und Investitionen würde sich die Westschweizer Zeitungslandschaft heute als eine Summe regionaler Monopole präsentieren, – genauso, wie sie überall in der Deutschschweiz existieren, sieht man einmal vom Raum Zürich ab.
Bundesrat Moritz Leuenberger hat kürzlich den Eintritt ausländischer Konkurrenz in den Westschweizer Markt begrüsst.
Lamunière: Gerade, weil wir auch noch andere Überlegungen anstellen als rein wirtschaftliche, wirft man uns «Dominanz» vor. Das ist absurd und äusserst schwerwiegend. Vor allem im Zusammenhang mit der von Bundesrat Moritz Leuenberger in Le Temps geäusserten Erklärung, wonach er es lieber sähe, wenn ausländische Investoren vermehrt in der Schweiz investierten, als wenn einheimische Verleger ihre Position stärken können.
Französische Verleger zeigen Interesse am Westschweizer Markt. Noch ein Argument, Edipresse Schweiz jetzt zu verkaufen?
Lamunière: Es geht nicht nur darum, dass französische Verleger sich für uns interessieren. Auch Tamedia oder Ringier könnten eines Tages zum Verkauf stehen. Und nach den heute geltenden Gesetzen müssten diese auch ins Ausland verkauft werden. Diese politische Sichtweise ist sehr einseitig. Die Wettbewerbskommission entscheidet leider nicht nach allgemein gültigen Marktkriterien, sondern legt diese von Fall zu Fall immer wieder neu fest.
Hersant hat bis jetzt in der Westschweiz mit Erfolg akquiriert. Hat Edipresse diesen Markt vernachlässigt?
Lamunière: Wir haben dieses Segment in der Vergangenheit etwas vernachlässigt. Ich denke vor allem an die Zeitung La Côte, die wir gerne übernommen hätten. Wenn Verleger Corbaz zum Verkauf bereit ist, werden wir gerne eine entsprechende Offerte unterbreiten.
Hersant kündigt für die Region Genf eine Gratiszeitung und für La Côte eine Erhöhung der Auflage an. Eine Kriegserklärung an Edipresse?
Lamunière: Es handelt sich um eine natürliche Konkurrenz, wie sie in vielen Märkten herrscht. Hersant hat für die Schweiz vermutlich die gleiche Vision wie für Frankreich. Dort weisen die Gratiszeitungen ohne redaktionellen Inhalt einen beachtlichen Erfolg im Kleinanzeigenmarkt auf. Hersant ist derzeit im Vorteil gegenüber Schweizer Verlegern, weil wir nach geltendem französischem Recht keine Möglichkeit haben, in Frankreich zu investieren.
Wie beurteilen Sie die Berichterstattung um Botschafter Thomas Borer aus dem Haus Ringier?
Lamunière: Ich hätte aus berufsethischen Gründen die Veröffentlichung des Artikels im SonntagsBlick untersagt. Das Leben innerhalb der eigenen vier Wände ist strikte Privatsache.
Dann hätten Sie also in diesem Fall den Artikel über den Kopf des Chefredaktors hinweg aus dem Blatt gekippt?
Lamunière: Das ist natürlich eine sehr heikle Gratwanderung in der Aufgabenteilung von Verleger und Chefredaktion. Aber in diesem Fall geht es um die Ethik des Unternehmens und die redaktionelle Linie der Zeitung. Meiner Meinung nach ist es Aufgabe des Verlegers, diese Linie festzulegen.
