Nichts für Weicheier

Oliver Classen über Chancen und Risiken eines zweiten Boulevardblatts.

Oliver Classen über Chancen und Risiken eines zweiten Boulevardblatts.Die Spekulationen um eine – im politisch-qualitativen Doppelsinn – «rechte» Blick-Alternative sind fast so alt wie Frank A. Meyers Erfindung des emanzipierten Boulevards. Allein Ex-Chefredaktor Peter Uebersax, der die Auflage mit viel Blut und Busen auf knapp 400000 Exemplare peitschte, wurde nach seinem Abgang 1986 zwei Mal angefragt, ob er dafür zur Verfügung stünde: erst vom mächtigen Verleger der Haider-nahen Kronenzeitung, dann von Christoph Blocher himself.Dass diese Angriffspläne begraben wurden, hatte Ringier den daraus resultierenden Kriegskosten und der damals noch ungebremsten Fahrt seines Zeitungs-Flaggschiffs zu verdanken. Heute indes dümpelt der Blick bekanntlich bei einer Auflage von 275000 Exemplaren, Tendenz bei gleichem Kurs mittelfristig wohl weiter fallend – trotz Tabloid und Terror. Und: Seit dem politischen Rechtsruck schwächelt das einstige Stammtischorgan auch publizistisch deutlicher denn je.
Der Zeitpunkt für jenes «rüde und respektlose Megafon für Volkes Stimme», das Uebersax kürzlich in der Weltwoche forderte, scheint also günstig. Doch Obacht: Weder die 120000 abhanden gekommenen Blick-Käufer noch jene mutmasslichen weiteren 100000, die das manierlich gewordene Massenblatt bei einem Alternativangebot links liegen lassen würden, garantieren einen Erfolg. Dazu bedürfte es neben journalistischer Verve vor allem überparteilicher Glaubwürdigkeit, auch zum Abbau allfälliger Berührungsängste im «verweichlichten» Schweizer Anzeigenmarkt.
Ein finanzieller Kraftakt SVP-naher Kreise scheint daher wenig ratsam und wahrscheinlich, auch weil Ringier seinem Blick in einem Abwehrreflex (und wider FAMs Doktrin) wieder mehr Radikalität und Volksnähe verordnen könnte. «Wir sind keine Weicheier», lässt Chefredaktor Werner De Schepper über die hauseigene Schweizer Illustrierte schon mal prophylaktisch ausrichten. Das dürfte und müsste auf seine etwaigen künftigen Kontrahenten (respektive deren Geldgeber) allerdings ebenso zutreffen.
> Oliver Classen, Redaktor

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