Nächstes Mal bitte ohne
Kolumne Wenn schon, denn schon: Lieber handfeste Skandale anstatt zu Affären hochstilisierte Badehosen-Storys, schreibt Jürg Altwegg.
Kolumne Wenn schon, denn schon: Lieber handfeste Skandale anstatt zu Affären hochstilisierte Badehosen-Storys.Die französische «Clearstream»- und Chirac-Affäre braucht den Vergleich mit dem Watergate-Skandal, über den einst der amerikanische Präsident Nixon stürzte und der zwei Journalisten zu weltweiten Helden machte, nicht mehr zu scheuen. Aber auch im Vergleich zum Karikaturen-Streit, zu Berlusconi und zur Bespitzelung von Journalisten durch den deutschen Geheimdienst BND sind unsere Medienskandale meist von biederer Beschaulichkeit. Letztes Beispiel: Während eine englische Boulevardzeitung die deutsche Kanzlerin auf durch und durch geschmacklose Weise beim Umziehen und mit nacktem Hintern zeigte, erregte der Blick die Öffentlichkeit mit gestohlenen, aber durch und durch züchtigen Fotos von Bundesrat Leuenberger am Strand.Mit der sturen Verfolgung des Verrats von irgendwelchen Bunkern nimmt es die Militärjustiz inzwischen ein bisschen lockerer. Die Fax-Affäre ist offenbar doch nicht ganz so heiss und brisant. Die einzige Tote in einem hiesigen Medienskandal war eh dem Tode geweiht. Im Falle des Zürcher Herzchirurgen, der seiner Patientin – «wissentlich», wie die NZZ am Sonntag behauptete – ein Organ mit falscher Blutgruppe einpflanzte, hat das Bundesgericht soeben ein schnelles Urteil gefällt: Der NZZ wird Quellenschutz gewährt. Der einsame Höhepunkt unserer Medienaffären – mit Schmuddelsex, Schweigegeld und Rücktritt – bleibt die Borer-Affäre.
Aber die ist inzwischen fast so vergessen und verdrängt worden wie der ebenfalls von den Medien erwirkte Rücktritt seines Nachfolgers in Washington, Carlo Jagmetti. Die Publikation seines geheimen Berichts an den Bundesrat mitten in der Vergangenheitskrise war von öffentlichem Interesse. «Eine Art Zensur» hat der Internationale Gerichtshof für Menschenrechte die Bestrafung des verantwortlichen Journalisten genannt. Ein anderer Aspekt ist die dramatische, überspitzte Inszenierung durch die SonntagsZeitung mit der Rücktrittsforderung. Zehn Jahre liegt das zurück, das Klima war hitzig – hoffentlich würde heute die Regierung etwas länger einer Rücktrittsforderung widerstehen. Jedenfalls haben inzwischen auch die Politiker einiges im Umgang mit den Medien gelernt.
Aus der «Badehosen-Affäre» hat Moritz Leuenberger einen maximalen Profit zu ziehen verstanden. Er steht nicht nur körperlich gut da – sein Verzicht, Klage gegen den Blick einzureichen, lässt ihn als tolerant und nicht rachsüchtig erscheinen. Dass er einen Prozess gewonnen hätte, steht ausser Zweifel – aber wozu auch? In einem schönen Begleitbericht hat die NZZ am Sonntag über die Politiker und Staatsmänner geschrieben, die sich gerne beim Baden zeigen – von Mao bis Villepin. Ein Prozess hätte Leuenbergers Image geschadet – indem er die schmeichelhaften gestohlenen Bilder nicht für die Publikation freigab, muss er nicht einmal die Verantwortung für sie übernehmen.
Das Widerlichste an der «Badehosen-Affäre» ist ihre Banalität. Moritz in Form und in den Ferien. Zu solchen Bildern haben fast alle freiwillig Hand geboten. Verwerflich sind nur die Methoden: Der private Paparazzo wurde nicht nur bezahlt – man garantierte ihm auch die Anonymität. Was Strassburg wohl dazu sagen würde?
Von einem «Tabubruch» schrieb Le Temps – eher schleichend werden die Grenzen verwischt. Mehrere Zeitungen behaupteten, eine derartige Verletzung der Privatsphäre eines Politikers habe es bislang nicht gegeben – Borer haben sie offensichtlich vergessen und verdrängt. Tatsächlich hätte nur eine Klage Leuenbergers dieser Affäre einen Hauch von Subversivität und dem Blick eine Prise Legitimität vermitteln können. Doch die Bilder sind es nicht wert, dass ihretwegen gegen die guten publizistischen Sitten verstossen wird. Dass windige Informanten und Hobbyknipser mit dem Handy für die skrupellose Ausbeutung anderer Hotelgäste einen Anteil an die Reisekosten bekommen und man den Feiglingen auch noch Quellenschutz garantiert. Auf diese Instrumente sollten auch brave Boulevardmedien wie der Blick nur zurückgreifen, wenn es um Freiheit und Aufklärung geht. Oder darum, einen handfesten Skandal vom Zaune zu reissen. Irgendwie war die englische Boulevardzeitung weniger scheinheilig, als sie Angies Hintern entblösste. So hätten wir, ehrlich gesagt, unseren Moritz auch lieber gesehen. Immerhin verstehen wir seither die Probleme des Blicks ein bisschen besser.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Aber die ist inzwischen fast so vergessen und verdrängt worden wie der ebenfalls von den Medien erwirkte Rücktritt seines Nachfolgers in Washington, Carlo Jagmetti. Die Publikation seines geheimen Berichts an den Bundesrat mitten in der Vergangenheitskrise war von öffentlichem Interesse. «Eine Art Zensur» hat der Internationale Gerichtshof für Menschenrechte die Bestrafung des verantwortlichen Journalisten genannt. Ein anderer Aspekt ist die dramatische, überspitzte Inszenierung durch die SonntagsZeitung mit der Rücktrittsforderung. Zehn Jahre liegt das zurück, das Klima war hitzig – hoffentlich würde heute die Regierung etwas länger einer Rücktrittsforderung widerstehen. Jedenfalls haben inzwischen auch die Politiker einiges im Umgang mit den Medien gelernt.
Aus der «Badehosen-Affäre» hat Moritz Leuenberger einen maximalen Profit zu ziehen verstanden. Er steht nicht nur körperlich gut da – sein Verzicht, Klage gegen den Blick einzureichen, lässt ihn als tolerant und nicht rachsüchtig erscheinen. Dass er einen Prozess gewonnen hätte, steht ausser Zweifel – aber wozu auch? In einem schönen Begleitbericht hat die NZZ am Sonntag über die Politiker und Staatsmänner geschrieben, die sich gerne beim Baden zeigen – von Mao bis Villepin. Ein Prozess hätte Leuenbergers Image geschadet – indem er die schmeichelhaften gestohlenen Bilder nicht für die Publikation freigab, muss er nicht einmal die Verantwortung für sie übernehmen.
Das Widerlichste an der «Badehosen-Affäre» ist ihre Banalität. Moritz in Form und in den Ferien. Zu solchen Bildern haben fast alle freiwillig Hand geboten. Verwerflich sind nur die Methoden: Der private Paparazzo wurde nicht nur bezahlt – man garantierte ihm auch die Anonymität. Was Strassburg wohl dazu sagen würde?
Von einem «Tabubruch» schrieb Le Temps – eher schleichend werden die Grenzen verwischt. Mehrere Zeitungen behaupteten, eine derartige Verletzung der Privatsphäre eines Politikers habe es bislang nicht gegeben – Borer haben sie offensichtlich vergessen und verdrängt. Tatsächlich hätte nur eine Klage Leuenbergers dieser Affäre einen Hauch von Subversivität und dem Blick eine Prise Legitimität vermitteln können. Doch die Bilder sind es nicht wert, dass ihretwegen gegen die guten publizistischen Sitten verstossen wird. Dass windige Informanten und Hobbyknipser mit dem Handy für die skrupellose Ausbeutung anderer Hotelgäste einen Anteil an die Reisekosten bekommen und man den Feiglingen auch noch Quellenschutz garantiert. Auf diese Instrumente sollten auch brave Boulevardmedien wie der Blick nur zurückgreifen, wenn es um Freiheit und Aufklärung geht. Oder darum, einen handfesten Skandal vom Zaune zu reissen. Irgendwie war die englische Boulevardzeitung weniger scheinheilig, als sie Angies Hintern entblösste. So hätten wir, ehrlich gesagt, unseren Moritz auch lieber gesehen. Immerhin verstehen wir seither die Probleme des Blicks ein bisschen besser.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
