Manifest der Open-Source-Medien

Journalismus Blogging und Online Reporting untergraben das Informationsmonopol von «Big Media».

Journalismus Blogging und Online Reporting untergraben das Informationsmonopol von «Big Media».
Nach der Software- und Musikindustrie demokratisiert das Internet nun den Journalismus. Wer die aktuelle Berichterstattung über Medien Revue passieren lässt, stösst auf immer mehr Exempel jenes Web-basierten «grassroots journalism», dessen Programmschrift hier anzuzeigen ist. Die Karriere des legendären Dan Rather etwa fand kürzlich ein abruptes Ende, als ein paar Blogger dem CBS-Anchorman im Internet nachwiesen, dass einer seiner Berichte über George W. Bush auf falschen Fakten beruhte.Auch in der Alten Welt erfreuen sich Idee und Praxis des «Journalismus von unten» exponentiell steigender Beliebtheit und – daraus folgend – wachsender Wirkungsmacht. So hat Le Monde dieser Tage zwar seinen Chefredaktor verloren, zugleich aber ein Weblog-Ranking eingeführt (www.lemonde.fr/blogs), dessen Top Five künftig unter dem Markendach von Frankreichs Vorzeigezeitung publizieren dürfen – unentgeltlich, versteht sich. Gratis und brandneu ist auch der deutschsprachige News-Dienst der Online-Enzyklopädie Wikipedia (de.wikinews.org), wo jedermann «Reporterlis» spielen kann und soll.
Ergänzung oder Konkurrenz?Laut dem (etablierten!) US-Magazin Newsweek funktioniert dieses offene Info-Forum «wie eine Ameisenkolonie, wo die kollektive Intelligenz des Ganzen die Einzelbeiträge ergänzt und letztlich verdrängt». Dieser Beschreibung würde Dan Gillmor wohl beipflichten. Nicht umsonst stellt der bekannte kalifornische Kolumnist seiner Analyse eines Phänomens, welches er lange schon mitgestaltet (weblog.siliconvalley.com), das basisdemokratische Motto «If you don’t like the news … go out and make
some of your own» voran.
Auch sonst entbehrt Gillmors kenntnisreiche Darstellung der publizistischen Open-Source-Bewegung nicht eines gewissen Aktivistenpathos. Was dank der Differenziertheit des essayistischen Manifests allerdings kaum stört. Als offizielle Geburtsstunde der Bottom-up-News werden darin wenig überraschend die Augenzeugenberichte von der 9/11-Katastrophe bemüht, als sich die grossen TV-Stationen und Zeitungen erstmals auf private Internetquellen stützten und beriefen. Seitdem sei umstritten, ob die neuen «Civic Media» die herkömmlichen «Big (Business) Media» nur ergänzen oder irgendwann ganz ersetzen können. Letzteres hält der bekennende Zeitungsmann auf Grund eines strukturellen Glaubwürdigkeitsmankos des Internets «für gelinde gesagt unwahrscheinlich».
Wider die Medien-ArroganzWeit wichtiger als die anekdotengespickte Chronologie dessen, was Gillmor «eine Selbstermächtigung des Publikums» nennt, sind indes die daraus resultierenden kulturellen, ökonomischen und politischen Konsequenzen. Die für ihn und seinen Berufsstand zentralste lautet: Leser/Zuschauer/Hörer wissen grundsätzlich immer mehr als der Journalist. Wer diese Prämisse akzeptiere, sei immun gegen Arroganz. Genau die aber habe professionelle Medienmacher ignorant gegenüber den wahren Bedürfnissen und Fähigkeiten der Endkunden werden lassen.
So weit, so einleuchtend. Eine Frage jedoch bleibt: Wenn Zeitungen gemeinhin als Sekundenzeiger der Geschichte gelten, was sind dann erst Weblogs, Newsgroups oder Chatrooms? Vermutlich zugleich Symbol und Symptom für eine weitere Beschleunigung und Banalisierung des Journalismus. Kein Wunder, schmeckt manches Weblog wie eine Big-Brother-inspirierte Buchstabensuppe. Wie am Kiosk oder auf der Fernbedienung gilt eben auch im virtuellen Raum: Nicht alles ist Qualität, aber Qualität ist alles.
> We the media. Grassroots journalism by the
people, for the people von Dan Gillmor. O’Reilly Media, Sebastopol 2004. 299 Seiten, Fr. 39.90.
Oliver Classen

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