Mach den Machiavelli!

Editorial Oliver Classen über das Profil und die Aufgaben des neuen Chefredaktors der Weltwoche.

Oliver Classen über das Profil und die Aufgaben des neuen Chefredaktors der Weltwoche.
Dass die Schweiz über keine Bodenschätze verfügt, ist hinlänglich bekannt. Dass es unserem Printland auch an redaktionellen Personalressourcen mangelt, ist hingegen neu. Oder warum sonst hat der Jean Frey Verlag (JF) für den Topjob auf seinem publizistischen Flaggschiff in die Mottenkiste statt – wie beim zu Recht umstrittenen Köppel – nach den Sternen gegriffen?Diese Wahl einzig einer Studienfreundschaft zuzuschreiben, wie es die Konkurrenz tut, greift indes zu kurz. Denn «Jobzapper» (Der Bund) Jürg Wildberger ist nicht nur ein alter Weggefährte von JF-CEO Filippo Leutenegger, sondern personifiziert vor allem die zunehmende Austauschbarkeit der Medien. Dabei bräuchte der immer losere Verbund mehr oder minder edler Federn namens Weltwoche dringend eine Führungsfigur, die nicht nur integrierend und inspirierend wirkt, sondern dem Kronjuwel des Schweizer Journalismus auch sein traditionelles liberales Profil zurückgibt.
Selbst wenn «Wilpi» die dazu nötige intellektuelle Statur haben sollte: Was er Anfang September zunächst benötigt, ist machiavellistisches Durchsetzungsvermögen. Gemäss dem Staatsphilosophen muss ein neuer Fürst seine Grausamkeit gleich zu Anfang unter Beweis stellen. Entsprechend können wir dem dritten Chefredaktor seit der Magazinisierung 2002 nur raten: Entmachten Sie die SVP-Fraktion, sofort und nachhaltig. Sonst geht es Ihnen wie Ihrem Vorgänger, der zwischen Leutenegger und Somm zerrieben wurde. Und der Marke Weltwoche noch schlechter, bei diesem dauernden Kommen und Gehen.
Und begehen Sie bitte nicht den gleichen Fehler wie 1995 als Facts-Chef. Damals verhängten Sie ein absolutes Rauchverbot in der Redaktion, was etliche Kündigungsdrohungen und tagelange Verhandlungen nach sich zog. Diese endeten mit der Einrichtung einer Raucherecke in der Kantine. Von da an dauerte es dem Vernehmen nach jedoch nicht lange, bis die Tabak-Rädelsführer auch wieder vor ihren Bildschirmen qualmten.
> Oliver Classen, Redaktor

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