Liebesgrüsse der Linken

Aufgefallen Blut ist dicker als Wasser – jedenfalls in der Familie der Liberalen. Deshalb solidarisiert sich die aufmüpfige Nichte WoZ hier offiziell mit der alten Tante NZZ. Und unterbreitet ihr einige Ratschläge.

Kolumne Blut ist dicker als Wasser – jedenfalls in der Familie der Liberalen. Deshalb solidarisiert sich die aufmüpfige Nichte WoZ hier offiziell mit der alten Tante NZZ. Und unterbreitet ihr einige Ratschläge.Liebe Tante, in Zeiten der Not sollte die Familie zusammenstehen. Sicher, in der Vergangenheit gab es zwischen WoZ und NZZ oft Missverständnisse. (Die elende Politik!) Aber schliesslich kracht es in jeder guten Familie. Wichtig ist: Wenns ums Ganze geht, hält man zusammen. Die neuesten Nachrichten über dich bereiten uns jedenfalls Sorgen: 50 Millionen Jahresverlust, 100 Millionen Abschreibungen, Gerüchte über Machtkämpfe und Amputationen.Wir kennen diese Probleme gut. WoZ und NZZ verbinden nicht nur gemeinsame Leidenschaften für Stil, Seriosität und zuweilen abenteuerliche politische Botschaften. Zu wirklich nahen Verwandten macht uns indes die gemeinsame Identität als kompromisslos liberale Blätter. Unser gemeinsames Ziel heisst Freiheit. Nicht nur als Ideal, sondern als tägliche Praxis.
Während die WoZ ein chefreiches Modell gewählt hat – 55 Häuptlinge und 0 Indianer –, bevorzugt die NZZ allerdings die Variante eines weisen, milden und tatenlosen Häuptlings. Dadurch sind die Ressorts fast autonom: Die NZZ ist ein Labyrinth aus Labyrinthen mit hundert kleinen Fürstenhöfen, Nischen und einsam nomadisierenden Trappern in der grossen Bleiprärie.
Diese erstaunliche Freiheit für (nach wie vor) erstaunlich viele Mitarbeiter zeitigt freilich manchmal ärgerliche Resultate: Ignoranz, Arroganz, Schachtelsätze. (Achtung: Freiheit ist nur dann Freiheit, wenn sie auch missbraucht werden kann.) Aber auch Brillanz ist jederzeit möglich. In der NZZ gibt es viele Stimmen, viele Stile, viele Standpunkte. Sie ist nicht nur das Blatt der Liberalen, sondern auch ein liberales Blatt.
Nun ist diese Freiheit ernsthaft bedroht: Der Name des modernen Gesslers lautet Geldmangel. Gemunkelt wird von einer zweiten Entlassungswelle, der Entmachtung Hugo Bütlers, der Straffung ganzer Ressorts. Die kalten Hände der Sanierer strecken sich nach dem Blatt, das ihre Rezepte zwar gelobt, aber nie gelebt hat.
Noch gefährlicher ist, dass der ideelle Kitt am Bröckeln ist: die liberale Tradition. Nicht nur weil die FDP verliert und sich zunehmend der SVP ausliefert. Sondern weil der Liberalismus selbst in den Neunzigerjahren zur Ideologie mutierte. Leistung und Profit sind Selbstzweck geworden, statt blosses Mittel zu sein: Um ein Unternehmen mit interessanten Leuten und Produkten zu führen – wie die NZZ. Ein ideologisiertes Umfeld aber ist Gift für eine Zeitung: Der Mangel an Neugier wirkt noch erstickender als der Mangel an Geld. Wir Linken kennen das von früher.
Aber keine Angst, liebe Tante, die Krise birgt auch enorme Chancen, sich neu zu erfinden. Dazu rät dir deine Nichte Folgendes:
1. Unter Existenzdruck lässt sich selbst aus Einzelkämpfern eine schlagkräftige Truppe schmieden: durch geteilte Angst und gemeinsam verwundeten Stolz. Dazu braucht es jedoch Gespräche über den künftigen Kurs des Blatts – in der gesamten Redaktion. Die Verteidigung der Liberalität, der Freiheit gegen die Wirtschaftsfreiheit, wäre eine echte, begeisternde Aufgabe.
2. Mit der Richtung müsste natürlich auch die Form wechseln. Ist der byzantinische bis kryptische Stil wirklich notwendig? Bis jetzt, als Zentralorgan der Wirtschaft, konnte die NZZ wie die Kremlastrologen orakeln; als Oppositionsblatt jedoch muss man sich klar ausdrücken.
3. Wenn schon Opfer, dann am richtigen Ort: Angesichts des herrschenden Notstands müsste es möglich sein, den harten Kern der Ideologen mit Stil zu verabschieden (Wirtschaftschef Gerhard Schwarz etwa könnte man zum NZZ-Ehrenverwaltungsrat ernennen). Was nicht geht: Wie im vergangenen Jahr vor allem Leute ohne Lobby und Zürichberg-Stallgeruch an die Luft zu setzen.
In diesem Sinne: Kämpfe, liebe Tante! Deine Nichte ist auf deiner Seite.
Constantin Seibt ist als Redaktor der WochenZeitung (WoZ) mit zuständig für deren Relaunch.

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