Lehrreiche Provinz

Aufgefallen Abseits der Medienmetropolen gehören Zeitungen noch zurpolitisch-persönlichen Grundversorgung. Ein Betriebsausflug ins Kernland der Schweizer Pressekultur.

Kolumne Abseits der Medienmetropolen gehören Zeitungen noch zurpolitisch-persönlichen Grundversorgung. Ein Betriebsausflug ins Kernland der Schweizer Pressekultur.
Wer heute Medien vermarktet, bewegt sich in gesättigten, ja überbesetzten Märkten. Ihre Kunden sind wie Leute, die schon dreimal an diesem Tag gegessen haben und schon wieder ans Büffet geführt werden. Also nehmen sie halt noch einen Happen, aus Höflichkeit.Die nötige Reizsteigerung ist kostspielig und kommt manchmal etwas künstlich heraus. Ringier hat angeblich sechs Millionen in Sie & Er investiert, um am Sonntag mit einem Magazin bei den Anzeigenkunden besser aufgestellt zu sein. (Das Ergebnis ist schön und, hoffentlich, von Dauer.) Am anderen Ende, bei den Lokal- und Regionalmedien, würden solche Projektbudgets die halbe Jahresrechnung ausmachen.
Neulich war ich an der Generalversammlung des Willisauer Boten. Es war ein lauer Frühlingsabend – und dennoch kamen über 200 Genossenschafter in den stickigen Saal, da sie sich um das Schicksal ihrer Zeitung kümmern wollten. Man scheint den Willisauer Boten zu lieben im Luzerner Hinterland, wo man ihn nur beim Kosenamen «de Böttu» nennt.
Das Blatt expandierte in Richtung Wiggertal, was Investitionen brauchte, also ist die Rechnung nur knapp ausgeglichen. Der Verlagsleiter referiert über Markenbildung. Der frühere Geschäftsführer motzt ein bisschen und warnt, aber das regt niemanden wirklich auf. Hier kennt man sich eben. Einhellig wird ein neuer Präsident gewählt, ein lokaler Unternehmer. Sein Vorgänger war Generalagent einer Versicherung und hatte das Unternehmen 17 Jahre geführt.
Die Botschaft dieses Abends lautet: In Willisau und Schötz ist die Zeitungswelt noch in Ordnung. Hier wissen sie, wofür man das Blatt, das zweimal wöchentlich erscheint, braucht. Es ist Teil der örtlichen Infrastruktur, wie das Wasser- und das Elektrizitätswerk. Die Zeiten des (katholisch-konservativen) Parteiblatts sind längst vorbei. «De Böttu» profiliert sich als offene Plattform – übrigens mit etwa sieben Redaktionsstellen, und die Leute, die sie besetzen, haben schon wiederholt Journalistenpreise fürs Lokale gewonnen. Die Kapitalgeber in Willisau glauben an die Mission ihrer Zeitung: Sie wollen sie, und sie brauchen sie so, wie sie ist. Dafür haben sie im vergangenen Jahr eine Strukturveränderung in Kauf genommen, die auch das lokale Selbstverständnis berührt hat. Der Druck wurde aufgegeben und nach Luzern ausgelagert, unter grossen personellen Schmerzen. Im Saal sitzen auch entlassene Drucker: Hier werden unternehmerische Entscheide noch auf Augenhöhe kommuniziert und verantwortet.
Etwas besonders Bemerkenswertes wurde im Jahresbericht nicht mal besonders hervorgehoben: Die Tatsache nämlich, dass Abos und Anzeigeneinnahmen selbst im schlechten Jahr 2004 stabil geblieben sind. Der Gast aus der grossen Stadt lernt: Das lokal regionale Inserategeschäft läuft anders als in den Ballungsräumen: ruhiger und berechenbarer. In diesen Zeiten bezeichnet man es dankbar als «stabil»; in besseren Zeiten mag man es dann wieder als «träge» verspotten. Und wer sind die Inserenten? Die gewerblichen Anbieter aus dem ganzen Handelskreis, die Gemeinden und öffentlichen Körperschaften, die Vereine und Veranstalter. Auch Todesanzeigen beleben das Blatt; sie sind ein starkes Argument für das zweimalige Erscheinen pro Woche. Denn die Anzeige muss ins Blatt, bevor die Beerdigung angesetzt ist.
Zeitungen wie der «Böttu» spiegeln die föderalistische direkte Demokratie, indem sie diese laufend mit Nachrichten versorgen. Das ist Service public, aber ohne Konzessionsgebühren. Auch wenn die Jahre wieder besser werden, werden sie ihren Genossenschaftern nie eine fette Dividende ausrichten. Jeder erhielt an diesem lauen Aprilabend Tortellini, ein Cordon bleu und einen Dessert mit Kaffee. Der Anteilschein steht auf 140 Franken. So eine «Böttu»-Aktie wäre eigentlich eine hervorragende Investition …
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.

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