«Krise» ist nur ein Wort
Seit Jahr und Tag macht die Medienbranche Schlagzeilen, die sie eigentlich nicht verdient. Denn es sind die grossen Meinungsführer, die Probleme haben und das pessimistische Grundrauschen einer ganzen Branche bestimmen. Dieses wird dann verstärkt durch viele gedankenlose Nachbeter, die ständig von der «Print-Krise» reden.
Wenn die Neue Zürcher Zeitung ihre Druckerei schliesst, schliesst die Öffentlichkeit auf die grosse Krise der ganzen Druckbranche. Gäbe es in der Schweiz einen Medienjournalismus, der von dem Hause, das ihn ermöglicht, wirklich unabhängig wäre, so würde zum Beispiel die Geschichte recherchiert, warum es überhaupt so weit gekommen ist. Um die Jahrhundertwende haben intelligente Technokraten aus dem Hause NZZ ein Projekt namens «Zürich Print» aufgesetzt. Beide Druckereien standen vor grossen Zusatzinvestitionen. Trotz der damaligen hohen Auflagen und Umfänge wussten die Technokraten: Ist doch eigentlich Unsinn, dass beide Unternehmen – das eine im Bubenberg, das andere in Schlieren – fast gleichzeitig dasselbe tun und zwangsläufig Überkapazitäten schaffen. Lasst uns die beiden Zeitungsdruckereien in eine gemeinsame Gesellschaft einbringen und Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe sparen!
Zudem hätte allein die Einsparung beim Papiereinkauf, jährlich wiederkehrend, Millionen gebracht. Aber Tamedia lehnte die Idee ab. Man wollte unabhängig bleiben. Ironie der Geschichte: Jetzt profitiert sie trotzdem, weil sie die NZZ drucken wird.
Da die NZZ, die Europameisterin im Aufdecken von Hintergründen von Hawaii bis Aserbaidschan, bis jetzt nicht in der Lage war, ihren Mitarbeitern, Lesern und Aktionären solche und andere Grundlagen ihres Radikalentscheids in Sachen Schlieren zu kommunizieren, können die Polemiker im Prinzip jeden Unsinn erzählen, der gerade zu ihrer Agenda passt.
Und einmal mehr bestätigt sich: Im Verlagswesen besorgt dir immer die Konkurrenz die PR, und dies mit ausgesuchter Häme. Nur mal kurz gefragt: Werden wir noch den Tag erleben, an dem der Tages- Anzeiger und die SonntagsZeitung mit der gleichen Offenheit über Vorgänge und Unternehmerentscheide im eigenen Haus berichten wie über die Druckerei- und Redaktionsprobleme der lokalen Konkurrenz? Auch der Schliessungsentscheid für Ziegler Druck hätte einigen Stoff geboten!
Manchmal hilft es, die Dinge nicht nur von Zürich aus zu betrachten. Das Kontrastprogramm zu Schlieren wird derzeit in Visp aufgeführt. Dort lässt der innovative KMU-Verlag Mengis die erste digitale Zeitungsdruckmaschine der Welt installieren. Der Walliser Bote (Auflage 22 000) wird ab Juli auf dieser neuen Maschine gedruckt. Der CEO des Familienbetriebs hat über Digitaldruck seine Diplomarbeit geschrieben und sieht darin eine lohnende Geschäftsmöglichkeit. Und im Gegensatz zu den Managern investiert er in diese Vision eigenes Geld.
Die grossen Zeitungen, derzeit allesamt in der Krise und in der Objektrechnung nur überlebend dank Reserven und Quersubventionierung, wirken wie Klimaanlagen und spielen der Öffentlichkeit eine Print- Krise vor, die es in dieser Verallgemeinerung nicht gibt. Die zwischen «befriedigend» und «glänzend» schwankenden Geschäftsabschlüsse vieler kleiner und mittlerer Zeitungen sprechen gegen dieses undifferenzierte Krisengeschwätz – bloss: Das wird nicht kommuniziert. Man will ja nicht auffallen. Und der früher Zeitungsverlegerverband geheissene «Verband Schweizer Medien» ist derzeit mit internem Knatsch offenbar so ausgelastet, dass ihm keine Zeit mehr bleibt für kluge und aufbauende Branchen-PR. Von den pfiffigen Gründer-Ideen und den ermutigenden Start-ups im Print-Bereich haben wir noch gar nicht gesprochen.
– Beispiel Grosseltern: Der junge Badener Verleger Dominik Achermann hat mit einem kleinen sechsstelligen Betrag als Risikokapital sein Projekt gestartet. Nach einem halben Jahr hat er 2500 zahlende Abonnenten. Er ist noch nicht über dem Berg, aber über den Planzahlen. Moral: In den Nischen gibt es noch viel Platz für clevere Newcomer.
– Beispiel Falstaff: Das Zweimonatsmagazin für «Geniessen, Wein, Essen, Reisen» meldet für seine neu gestartete Schweizer Ausgabe über 2000 Abo- Bestellungen innert weniger Wochen. Es ist ein Magazin zum Niederknien: 180 Seiten, gut ausgedacht, elegant geschrieben, schön gestaltet. Auch die anscheinend unvermeidlichen PR-Beiträge sind wenigstens anständig gemacht.
– Auch auf der oberen Flughöhe, wo viele traditionelle Publikumsmagazine nur noch mit kurzem Atem unterwegs sind, gibt es Erfolgsgeschichten. LandLiebe von Ringier verkauft zwei Jahre nach dem Start beglaubigte 148 000 Exemplare. Oder die Schweizer Familie: Sie ist eine der heimlifeissen Cash-Kühe, die Tamedia die Milch liefern für ihre Expeditionen in die digitale Welt.
Könnte es am Ende sein, dass «Krise» nur ein anderes Wort ist für Einfallslosigkeit?
Karl Lüönd ist freier
Publizist und Buchautor
