Komplizenhafte Journaille
Aufgefallen Auf Terror reagieren Medienmacher häufig mit Panikmache statt Aufklärung, speziell in Italien. Urlaubsimpressionen von der sommerlichen Nachrichtenfront.
Kolumne Auf Terror reagieren Medienmacher häufig mit Panikmache statt Aufklärung, speziell in Italien. Urlaubsimpressionen von der sommerlichen Nachrichtenfront.Das Geständnis möge strafmildernd wirken: Diesmal habe ich mir wirklich eine Auszeit gegönnt. Und für einen Medienmenschen, einen Nachrichtenjunkie wie mich hiess das: Dreieinhalb Wochen kein Fernsehen, wenig Radio, allenfalls ein- bis zweimal pro Woche eine italienische Tageszeitung. Der Verzicht ist auch deshalb leicht gefallen, weil deutsch- oder englischsprachige Blätter kaum noch in der Nähe unseres Refugiums in Kalabrien ankommen. Und weil man, von Schweizer und deutschen Blättern verwöhnt, nur den Kopf darüber schütteln kann, wie wenig die Leser angeblicher Qualitätszeitungen à la Corriere della Sera, La Repubblica oder Il Tempo über nicht-italienische Belange erfahren. Solange solche Blätter mitten in Europa erscheinen, sollten wir uns jedenfalls nicht mehr hochmütig über die Ignoranz der Amerikaner beschweren, nur weil in der Pampa des Mittleren Westens der Des Moines Register oder das Wisconsin State Journal ebenfalls kaum Auslandsnachrichten bringen.Wo immer ich indes Nachrichtenfetzen aufgeschnappt habe – nach den Anschlägen von London und Sharm-el-Sheik gabs in Italien über Wochen hinweg nur ein einziges Thema: die Wahrscheinlichkeit, mit der die nächste Terrorattacke von Al Quaida ein Ziel im eigenen Land treffen könnte. Wissenschaftler zitieren als historisches Beispiel für starke Medienwirkungen gern eine Radiosendung von Orson Welles. Sie löste in den 30er-Jahren in den USA eine Panik aus, weil die Rezipienten die Hörspiel-«Nachricht» von einer Invasion Ausserirdischer für bare Münze nahmen. Mag sein, dass uns abgebrühten heutigen Mediennutzern so etwas nicht mehr passieren könnte.
Alltagsgespräche mit italienischen Freunden und Bekannten aber zeigten: Die Angst vor weiteren Terroranschlägen, welche die italienischen Medien geradezu sadistisch schüren, sitzt allen tief in den Gliedern. Was die italienischen Medien dagegen kaum kommunizieren: Wie einerseits die Bevölkerung noch immer, zumal im Süden, tagtäglich von Mafia, Camorra und N’Drangheta terrorisiert wird; und wie gering andererseits das Risiko ist, persönlich zum Opfer eines islamis-tischen Selbstmordattentäters zu werden. Zugespitzt formuliert begibt sich ja auch nicht in Lebensgefahr, wer ein Flugzeug besteigt, sondern wer in Italien einen Zebrastreifen überquert.
Welcher Schaden ist mit der Al-Quaida-Hysterie beispielsweise dem italienischen Tourismus zugefügt worden? Das mag ermessen, wer um die südlich der Alpen noch weit verbreitete Flugangst weiss und einmal erlebt hat, wie viele Menschen nach einer Routinelandung ihrem Alitalia-Piloten euphorisch Beifall spenden.
Aber die italienischen Medienmacher – -macherinnen gibt es immer noch wenige – haben nicht nur unverantwortlich, sondern einfallslos, ja einfältig agiert. Einfallslos, weil gerade im Sommerloch, wenn die PR-Maschinerie nicht ganz so zuverlässig wie sonst die Medien füttert, tausend andere Themen darauf gewartet hätten, journalistisch «entdeckt» zu werden. Und einfältig, weil sie in mangelnder Bereitschaft zur Selbstreflexion offenbar nicht darüber nachdenken, wem sie da in die Hände arbeiten. Im Konkurrenzkampf um Quoten und Auflagen werden Journalisten schneller zu Terror-Komplizen, als sie sich vorstellen können. Dabei werden sie doch eigentlich für schnelles Denken und nicht für Gedankenlosigkeit bezahlt.
Obigen Antrag auf Strafmilderung stelle ich im Übrigen für den Fall, dass Werbewoche-Leser, die in den letzten vier Wochen eifriger als ich italienische Medien konsumiert haben, zu einem gänzlich anderen Eindruck gekommen sein sollten. Wie gesagt, es handelt sich dieses Mal urlaubshalber eher um Impressionen als um eine empirisch erhärtete Inhaltsanalyse.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.
Alltagsgespräche mit italienischen Freunden und Bekannten aber zeigten: Die Angst vor weiteren Terroranschlägen, welche die italienischen Medien geradezu sadistisch schüren, sitzt allen tief in den Gliedern. Was die italienischen Medien dagegen kaum kommunizieren: Wie einerseits die Bevölkerung noch immer, zumal im Süden, tagtäglich von Mafia, Camorra und N’Drangheta terrorisiert wird; und wie gering andererseits das Risiko ist, persönlich zum Opfer eines islamis-tischen Selbstmordattentäters zu werden. Zugespitzt formuliert begibt sich ja auch nicht in Lebensgefahr, wer ein Flugzeug besteigt, sondern wer in Italien einen Zebrastreifen überquert.
Welcher Schaden ist mit der Al-Quaida-Hysterie beispielsweise dem italienischen Tourismus zugefügt worden? Das mag ermessen, wer um die südlich der Alpen noch weit verbreitete Flugangst weiss und einmal erlebt hat, wie viele Menschen nach einer Routinelandung ihrem Alitalia-Piloten euphorisch Beifall spenden.
Aber die italienischen Medienmacher – -macherinnen gibt es immer noch wenige – haben nicht nur unverantwortlich, sondern einfallslos, ja einfältig agiert. Einfallslos, weil gerade im Sommerloch, wenn die PR-Maschinerie nicht ganz so zuverlässig wie sonst die Medien füttert, tausend andere Themen darauf gewartet hätten, journalistisch «entdeckt» zu werden. Und einfältig, weil sie in mangelnder Bereitschaft zur Selbstreflexion offenbar nicht darüber nachdenken, wem sie da in die Hände arbeiten. Im Konkurrenzkampf um Quoten und Auflagen werden Journalisten schneller zu Terror-Komplizen, als sie sich vorstellen können. Dabei werden sie doch eigentlich für schnelles Denken und nicht für Gedankenlosigkeit bezahlt.
Obigen Antrag auf Strafmilderung stelle ich im Übrigen für den Fall, dass Werbewoche-Leser, die in den letzten vier Wochen eifriger als ich italienische Medien konsumiert haben, zu einem gänzlich anderen Eindruck gekommen sein sollten. Wie gesagt, es handelt sich dieses Mal urlaubshalber eher um Impressionen als um eine empirisch erhärtete Inhaltsanalyse.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.
