Keine Mickey-Mouse-Justiz

Kolumne Für Karl Lüönd ist das Gezerre um den Presserat unverständlich.

Kolumne Die Verleger haben ihr ureigenes
Interesse an journalistischer Qualität. Sie müssen deshalb den
Presserat mittragen (dürfen). Und zwar subito.Das Wort stammt vom unnachahmlichen
Kollegen Max Frenkel, diesem souveränen Verächter der «Political
Correctness», und gemünzt ist es auf den Schweizerischen Presserat:
«Mickey-Mouse-Justiz», also ein karikaturistisches Abbild wirklicher
Justiz, angemasste Macht, leicht lächerlich.
Noch vor zehn Jahren hätte ich wohl ähnlich geurteilt, bloss: Seither
haben sich die Dinge, was journalistische Qualität und damit zwingend
auch ethische Standards betrifft, nicht zum Guten entwickelt. Die
«weichen Werte» haben sich unter dem Druck der Verhältnisse verformt.
Und die Verhältnisse, zumal die wirtschaftlichen, sind ja alles andere
als erfreulich. Der Spardruck hat die redaktionellen Apparate auch dort
demontiert, wo im Ausgabenverhalten nie  Wohlstandsverwahrlosung
herrschte.
Zugleich bewirkte der Konkurrenzdruck, dass viele Kolleginnen und
Kollegen in den Fächern Zuspitzung und Unterstellung mehr riskierten,
als ihrer Reputation gut tat. Durch Fehlleistungen à la Villiger oder
Borer wird jedoch nicht nur die journalistische Glaubwürdigkeit
beschädigt. Es leidet auch der Wert des betreffenden Mediums, der
betreffenden Marke. Und weil Medienmarken virtuelle Güter sind, deren
Wert von den beschriebenen «weichen Faktoren» abhängt, schädigen
redaktionelle Wurstigkeiten materiell direkt die Besitzer von
Medienmarken, auch Verleger genannt. Deren Sorge um die journalistische
Qualität mag also durchaus die Sorge um die Erhaltung materieller
Substanz sein. Jedenfalls ist sie aufrichtig.
In der aktiven Förderung von journalistischer Qualität treffen sich die
Interessen von Verlegern, Journalisten und Lesern in geradezu idealer
Weise. Kühle Rechner würden daraus folgern, dass die drei Gruppen hier
– ungeachtet ihrer übrigen Differenzen – zusammenspannen müssten. Neben
Instrumenten wie Blattkritik, Personalmanagement respektive Aus- und
Weiterbildung gehört auch die freiwillige Selbstkontrolle zu den
bewährten Werkzeugen der Qualitätspflege im Journalismus. Zudem ist sie
ein Gebot der Klugheit. Nicht nur bei der Beratung des Radio- und
Fernsehgesetzes wird die aggressive Lust mancher Politiker (aus allen
ideologischen Himmelsrichtungen) mit Händen greifbar, die als aufsässig
und schlampig empfundene Presse an die kurze Leine zu nehmen. Auf lange
Sicht folgt daraus: Wenn sich die Branche nicht selbst kontrolliert und
öffentlich auf ihre qualitativen Standards behaften lässt, wird sie
eines Tages staatlich reguliert. Ob über «Leistungsaufträge» im Rahmen
irgend einer «Presseförderung», mit der juristischen Keule oder via
Stärkung der öffentlich-rechtlich privilegierten und kontrollierten
Medien ist letztlich egal.
Dass sich Journalistenverbände und Verleger trotz dieser klaren
Zusammenhänge weiter um die Trägerschaft des Presserats balgen –
dergestalt, dass den Verlegern der Zutritt verboten und damit die
Mitverantwortung für die Selbstkontrolle verweigert werden soll – kann
eigentlich nur als surrealistisch bezeichnet werden. Aus
gewerkschaftlicher Sicht mag es ja Gründe dafür geben, in der
gegenwärtig verhärteten GAV-Situation dem «Gegner» keinen Fingerbreit
Terrain zu überlassen. Nur sollte die Mehrheit des
Presserat-Stiftungsrats langsam merken, dass sie damit letztlich gegen
die Interessen jener Journalisten handelt, die zu verteidigen sie
vorgibt. Wie sollen Arbeitnehmervertreter in Zukunft von ihren Chefs
noch glaubwürdig Engagement für die Qualitätsförderung verlangen, wenn
sie sich zugleich dort gegen Engagement sperren, wo sich diese Chefs
von sich aus leistungsbereit zeigen?
Leid tun mir vor allem die Mitarbeiter des Presserats unter der
kompetenten Leitung von Peter Studer: Als Dank für ihre schlecht
bezahlte Qualitätsarbeit erhalten sie einen Fusstritt von den eigenen
Kollegen. Dabei haben ihre Entscheidungen und Wegleitungen längst schon
einen Rang, der sie weit über die Unterstellung heraushebt, eine
«Mickey-Mouse-Justiz» zu sein.

Karl Lüönd
ist Publizist und bis Ende Jahr noch Leiter des Medieninstituts vom Verlegerverband Schweizer Presse.

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