Kaufrausch statt Blutrausch

Konsumismus Erst hat das Geld Gott ersetzt, nun soll es auch noch Frieden stiften. Norbert Bolz’ Kapitalismus-Apologie regt zum Nachdenken an.

Konsumismus Erst hat das Geld Gott ersetzt, nun soll es auch noch Frieden stiften. Norbert Bolz’ Kapitalismus-Apologie regt zum Nachdenken an.Auf der Toilettentür des Philosophischen Seminars einer renommierten Schweizer Uni prangte – umrahmt von postpubertärer Pinkelprosa – einst das Sprüchlein «Non cogito ergo konsum». Das war in den frühen Neunzigerjahren. Zu einer Zeit also, als Kapitalismuskritik und Kulturpessimismus deutscher Bauart längst Auslaufmodelle waren. Gekritzelt war die Parodie aufs cartesianische Rationalismus-Credo natürlich in flammendem Rot, der Signalfarbe proletarischen Protests.Dass der Einband von Norbert Bolz’ neustem Essay auch diese Tönung aufweist, ist mehr als ein blosses Augenzwinkern in Richtung Karl Marx und dessen vor über 150 Jahren erschienenem Glaubensbekenntnis «Das kommunistische Manifest». Tatsächlich ist «Das konsumistische Manifest» des in Berlin lehrenden Medien- und Trendanalytikers ebenfalls eine Protestschrift, die im Ton zwar etwas unterkühlt, im Gestus aber durchaus leidenschaftlich wirkt. Richten tut sie sich – für Bolz-Leser wenig überraschend – gegen sentimentale Bildungsbürger, antiamerikanische Altlinke und sonstige Bedenkenträger, die Markengötter und Lifestyle-Religionen nicht nur privat verabscheuen, sondern sie der kapitalistischen Kultusgemeinde öffentlich madig zu machen versuchen.
Shoppen macht immunAngesichts der fundamentalistischen Herausforderung, die sich durch «Nine-eleven» zur Bedrohung des westlichen Wertekonsenses auswuchs, wirken solche Öffentlichkeit und Gesellschaft feminisierenden Spielverderber sozusagen wehrkraftzersetzend. Das steht so zwar nirgendwo im «Manifest», schwingt aber immer mit, wenn der Pop-Philosoph das Hohelied auf die seiner Meinung nach zivilisierende, ja pazifizierende Wirkung des Konsumismus anstimmt. Die politische Kernbotschaft der vom 11. September inspirierten Apologie Sinn stiftenden Shoppings lautet darum: «Der Konsumismus ist das Immunsystem der säkularen Weltgesellschaft gegen das Virus der fanatischen Religionen.» Begründet wird diese kontroverse Klappentextthese im Buchinnern dann wie folgt: «Wer über einen Werteverlust jammert, verkennt den spezifischen Werteverzicht der modernen Gesellschaft. Dass sie nicht mehr zu bieten hat als formale Demokratie, Liberalismus und soziale Marktwirtschaft, ist gerade das Geheimnis ihrer Stärke.»
An Brisanz gewinnt Bolz’ in sechs Kapitel (von «Der Terror» bis «Die Liebe») unterteiltes Plädoyer für ein globales Konsumbürgertum durch die Behauptung, es gebe «keine dialogische Brücke zwischen den Religionen, die wir begehen können». Deshalb gelte es nun mehr denn je, die fundamentalistische Gefahr durchs (An-)Erkennen und den gezielten Export eigener Errungenschaften zu bannen. Die letzten Ideologiekritiker der Postmoderne denunzierten diese Strategie der Selbsterhaltung durch Markterweiterung noch als Neokolonialismus. Man muss Bolz’ funktionales Welt- und Menschenbild nicht teilen, um zu sehen, dass seine aphoristisch verdichteten Argumente an Gewicht gewonnen haben. Deshalb sei die diabolische Aufklärungsschrift gerade auch Modernitätsskeptikern empfohlen. Denn unterhaltsam ist sie allemal.
Oliver Classen

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