Im nächsten Leben Diplomat
«Was tun, wenn Recht zu Unrecht wird, wenn so viele das Falsche tun?» – diesem uralten albanischen Ehrenkodex widmete sich die Besa-Ausstellung. Mitorganisiert, gestaltet und durchgeführt hat sie Fruitcake-Agenturgründer Lahor Jakrlin.
Könnte er nochmals anfangen, würde er eine diplomatische Richtung einschlagen, ist sich Lahor Jakrlin sicher. Nicht nur würde er seine sprachlichen Fähigkeiten zur Verhandlung – zur ausgewogenen Kommunikation – gerne als Anstoss zur Veränderung nutzen, auch sieht er sich täglich mit schrecklichen Tatsachen konfrontiert, die er gerne angehen würde. Damit spricht er nicht nur eine «grassierende Reglementierungswut in der Schweiz, einhergehend mit einem irrwitzigen Ausbau des Service public» an, sondern vor allem eine besorgniserregend steigende, sichtbare Aggression unter Jugendlichen mit fremdländischen Wurzeln. So ist denn auch die Besa-Ausstellung aus dem Wunsch entstanden, einen Beitrag zur Verbesserung zu leisten. «Ich habe festgestellt, dass viele Immigranten-Kinder in der Schweiz die Wurzeln ihrer eigenen Kultur nicht kennen; sie haben keine Grundlage, nichts, auf das sie stolz sein könnten, womit sie sich verbunden fühlten», führt er aus. Viele albanische Jugendliche etwa wüssten nichts von Besa, vom albanischen Ehrenkodex, welcher verspricht, seine Gäste zu schützen. Noch weniger bekannt ist offenbar die Tatsache, dass in Albanien tausende Juden den Zweiten Weltkrieg überlebten. Die Hintergründe, das Versprechen Besa, sind einfach erklärt, wiegen aber umso mehr: Auf dem Balkan jagte das Nazi-Regime mit Hilfe seiner faschistischen Verbündeten Juden. Auch in Albanien mussten Menschen entscheiden, was sie angesichts des tödlichen Schicksals, das sie erwartete, mit ihren jüdischen Nachbarn machen sollten. Die Antwort der schlichten albanischen Bevölkerung war einfach, so Jakrlin. «Der Ehrenkodex Besa schützte alle Juden vor dem sicheren Tod, dies trotz der Gefahr, die jeder albanischen Familie drohte, welche jüdische Flüchtlinge bei sich versteckte.»
«Reden kann ich endlos»
Im Jahr 1955 in Zagreb/Kroatien geboren, seit 1963 in der Schweiz, zog Lahor Jarklin 1997 aus Bern ins emmentalische Bleiken bei Oberdiesbach. Sein Haus liegt 863 Meter über Meer – und damit etwa 63 Meter über der Nebelgrenze, schreibt er mit einem Augenzwinkern in seinem Lebenslauf. Überhaupt haften seine Projekten, Texten und Äusserungen fast durchgehend kleine Seitenhiebe und ironische Randbemerkungen an – immer in leisen Tönen, meist
treffsicher, niemals beleidigend. Texten war schon immer seine Leidenschaft. Aber nicht nur schriftlich. «Reden kann ich endlos», warnt er.
Dieses Talent hat er sich zunutze gemacht und 1985, mit knapp 30 Jahren, die Agentur Fruitcake Werbung + Presse gegründet. Begonnen hat seine Laufbahn nach einer kaufmännischen Ausbildung als Reiseleiter der Popularis Tours und danach als Einkäufer und Resident Manager der Airtour Suisse SA. Dazwischen führte er für den internationalen Konzern Continental die Filiale für die Westschweiz ein und machte Live-Reportagen und Moderation bei Radio ExtraBE (heute Radio Bern1). In die Agenturwelt stieg er als Werbeassistent, Juniortexter und Verkaufsmitarbeiter bei der ATW Agentur für Touristik und Werbung in Bern ein. Ein Jahr nach der Gründung von Fruitcake war er zudem während zwei Jahren als Initiant, Mitinhaber, Mitherausgeber und Co-Redaktor des Berner Landboten tätig.
«Schon immer habe ich gerne gestaltet, mein Traumberuf als Kind war garantiert nicht Lokomotivführer – obwohl ich, open-spaces-geprägt wie ich war und bin, sicher gerne Cowboy geworden wäre», denkt er über seinen Lebenslauf nach. Auch geschrieben habe er schon immer gern. «Meine Rapporte an die Zentrale in Bern unterhielten das ganze Tour-Operating», erinnert er sich. Einige Jahre nach der Gründung von Fruitcake heiratete Jakrlin und wurde drei Jahre später zum ersten Mal Vater. «Meine Kids», obwohl längst erwachsen, stehen an erster Stelle seiner Interessenliste.
Regional tätig
Durch Weiden- und Ackerland, vorbei an grossen Bauernhöfen, Riegelhäusern und naturbelassenen Bächen fährt die Bahn des RBS (Regionalverkehr Bern-Solothurn) von Bern nach Worbboden. Der Standort spiele aber keine so grosse Rolle für die Agenturarbeit, sagt Lahor Jakrlin, «ausser, dass manche potenziellen Kunden ihre Agenturbesuche wohl lieber in urbanerer Umgebung abhalten möchten». Und natürlich, dass die zunehmende Verbeamtung Berns zur Folge habe, dass Unternehmen in wirtschaftsfreundlichere Kantone verdrängt würden – diese Tendenz beobachte man schon seit geraumer Zeit. Zudem bedroht eine weitere Tatsache die Existenz von Agenturen im Tourismuskanton Bern: «1985 gab es rund zehnmal mehr Bergbahnen als heute», führt Jakrlin als Beispiel an. Heute sind es zwar nicht weniger, nur sind diese nun in einer Firma gebündelt. «Durch Fusionen geht für Agenturen viel verloren», folgert er. Das Gleiche gilt beim Regionalverkehr. Jakrlin erinnert sich ans Zug Design, das die Agentur in Zusammenarbeit mit Luigi Collani – vor allem bekannt für seine aerodynamischen und biomorphen Formen für Autos, Flugzeuge und Konsumgüter – ausgeführt hatte. «Nach den Fusionen braucht es heute nicht mehr drei oder vier Werbeagenturen, sondern nur noch eine. Da ist natürlich der Kampf gross … und dann suchen sich die Unternehmen eine Agentur in Zürich», bedauert Jakrlin. Schlussendlich seien es dann aber doch die Agentur und ihre Arbeit, und nicht Standort oder Awards, die zählen. Ausserdem haben die Aussicht aufs Berner Oberland und die gute Landluft sowie die Nähe zu Bern auch so ihre Vorteile, weiss Jakrlin.

Bei einem Blick ins Grüne rund im die Agentur Fruitcake werde ihm immer wieder bewusst: «Hier kann man einfach nicht verhungern, in diesem Land. Wir leben in grossen Wohlstand, haben daher aber auch grosse Schuld – wir könnten viel machen», sagt er überzeugt. Von dem Niveau aus, das wir in der Schweiz haben, müsse man sich einfach auch vorstellen können, was in der Weltgeschichte abgeht. Man könne doch nicht einfach so tun, als ob‘s uns nicht angeht oder erst mal neutral wegschauen. In diesem Zusammenhang sei Diplomatie sicher der richtige Weg, ist Jakrlin überzeugt: «Immer wenn Menschen zusammenkommen, vielleicht auch in einer Konfliktsituation, dann ist nur eine Annäherung möglich in Form von Ablenkung – und zwar intellektuelle Ablenkung: man muss sich etwas Neues denken und vorstellen».
Ursina Maurer



In Kürze:
- 1983 – heute: Publizist, Kolumnist und Autor, Organisator diverser Ausstellungen
- 1985 – heute: Fruitcake Werbung + Presse AG (Geschäftsleiter, Kreation, Produktion)
- 1986 – 1988: Initiant, Mitinhaber, Herausgeber und Co-Redaktor Berner Landbote Verlags AG
- 1987: Mitbegründer des London Touroperatings Dan-Air Tours AG Bern
- 1984-1985: Werbeassistent, Juniortexter und Verkaufsmitarbeiter ATW Agentur für Touristik & Werbung AG, Bern
- 1983 – 1984: Mitarbeiter News und Life-Reportagen am Radio ExtraBE (heute Bern1)
- 1981 – 1983: Einführung und Leitung Filiale Westschweiz der Continental Suisse SA
- 1975 – 1981: Reiseleiter Popularis Tours, Mitarbeiter Planing/Einkauf der Airtour Suisse SA, davon 1979/80 Resident Manager London
Besa-Expo
Die Besa-Expo besteht aus zwölf Porträts des US-amerikanischen Fotografen Norman H. Gershman. Er fotografierte Nachkommen und Familienangehörige albanischer Retter und stellte den Bildern Texte der jeweiligen Rettungsaktion zur Seite. Einführungstafeln über den Holocaust, die Geschichte Albaniens, die «Gerechten unter den Völkern» und den Fotografen Gershman ergänzen die Ausstellung. Die Wanderausstellung, ein logistischer Aufwand sondergleichen, fand vom Mai 2014 bis April 2015 in Basel, Biel, Solothurn, Aarau, Windisch/Brugg, Zürich, Bern, Luzern, Kollegium Immensee, St. Gallen, Lausanne, Genf statt, sowie zum Abschluss, als Höhepunkt an der Sprachgrenze, an der Uni Fribourg. Als Grund für diese Ausstellung gibt Lahor Jakrlin den «Geist der Versöhnung und Toleranz» an. In der Schweiz hätten Juden und Muslime, beides Minderheiten, nur wenig Kontakt, die Ausstellung Besa soll eine Selbstverständlichkeit zeigen, mit der Muslime Juden retteten. «Gleichsam gewährten Juden bosnischen und albanischen Muslimen in einem Dankesakt während der Balkankriege Asyl in Israel», führt Jakrlin aus. Man möchte mit diesen bisher weitgehend unbekannten historischen «Episoden» die breite Öffentlichkeit einladen, über das Geschehene zu reden und sich dadurch kennenzulernen.
