Ich bin auch eine Agentur

René Worni über das Ende des Gleichgewichts im Mediengeschäft.

René Worni über das Ende des Gleichgewichts im Mediengeschäft.Im kommenden Spätsommer werden es zwei Jahre, seit NZZ und PubliGroupe ihr Joint Venture besiegelt haben. Noch bebt die Erschütterung in Zürich und in den angrenzenden Kantonen nach, zanken sich zwei Verlage um die Vorherrschaft im regionalen Geschäft. Seit diesem Paradigmenwechsel ist die P (wie die Branche den Lausanner Konzern mit leicht mafiösem Anflug heisst) in der Deutschschweizer Presselandschaft nicht mehr die Hüterin des Gleichgewichts. Der Konzern wurde selber zum aktiven Player und löste sich aus der selbst verordneten Passivrolle eines Dienstleisters. Der hatte über die Jahre – by the way und ohne deklarierte Strategie – bei diesem und jenem Verleger Beteiligungen erworben, wenn selbige nicht gerade flüssig waren. Die P wurde quasi eine Bank. Der Konzern war damit in eine geduldete Machtposition geraten, den die Verlagshäuser wohl oder übel in ihre Strategien mit einbeziehen mussten und müssen.Mit den neuen Strukturen treten die Lausanner jetzt aggressiver auf. Wolfgang Mecklenburg, einer der ersten Gründer einer Media-Agentur in der Schweiz, hat kürzlich in der Werbewoche befürchtet: Wenn die PubliGroupe mit ihrer Medienpalette eine Art eigener Agentur aufbaut, dann kommt es zu grossen Umstrukturierungen in der Werbebranche. Wie Recht er doch hat. Der Konzern will künftig die Vermarktung von Print, Online, TV, Radio, Kino, AdScreens und Mobile – auch crossmedial – aus einer Hand anbieten. Vor allem die neuen elektronischen Medien, die sich ständig erneuern und praktisch täglich mit neuen Features aufwarten, sind komplex und erklärungsbedürftig. Zudem findet eine wachsende Verflechtung der Medien statt, wobei die Zielgruppen verschwimmen und das Publikum in seine Bestandteile zerfällt. Damit, so rechnet man in Lausanne, haben Werbekunden einen wachsenden Bedarf an Beratung. Zwar möchte sich der Konzern als kompetenter Vermarktungspartner für Agenturen und Werbeauftraggeber verstanden wissen. Doch gleichzeitig wollen die Lausanner ihr Geschäft in die Richtung ausbauen, die bisher die Domäne der Media-Agenturen war. Damit ist auch klar, dass diesen schon bald ein scharfer Wind ins Gesicht blasen wird.
René Worni, Redaktor

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