Heidelbergs Neuausrichtung
Druck Heidelberger Druckmaschinen will den Bau kundenspezifischer Maschinen verstärken.
Druck Heidelberger Druckmaschinen will den Bau kundenspezifischer Maschinen verstärken.Letzten Dezember informierte Heidelberger Druckmaschinen (Heidelberg), der weltgrösste Druckmaschinenhersteller, über das vergangene Jahr und liess sich ein wenig in die Karten schauen. Nach Ausführungen von Bernhard Schreier, seit 1999 Vorstandsvorsitzender, war 2004 ein wichtiges Jahr in der jüngeren Geschichte des zuletzt angeschlagenen Unternehmens. Heidelberg, das von Vorgänger Hartmut Mehdorn 1996 zum umfassenden Lösungsanbieter für die grafische Industrie um- bzw. ausgebaut wurde, musste sich im «drupa-Jahr» 2004 wieder von den neuen Segmenten Digital- und Rollenoffsetdruck verabschieden.
Der Umbau zum alles umfassenden Anbieter war damals zu einer denkbar ungünstigen Zeit geschehen und zehrte Heidelberg langsam an die Substanz. Anfang 2004 ging die Digitaldrucksparte schliesslich an den früheren Joint-Venture-Partner Eastman Kodak (heute: Kodak Nexpress) und der Zeitungs- und Akzidenzrollenoffset an das Unternehmen Goss. Während Heidelberg in Abhängigkeit zum Verkaufserfolg der Nexpress- und Digimaster-Digitaldrucksysteme entschädigt wird, hält das Unternehmen beim Druckmaschinenhersteller Goss nun 15 Prozent.
Zudem hat Grossaktionär RWE kurz vor der drupa seine Aktien veräussert. 35 Prozent des 50-prozentigen Aktienpakets wurden direkt verkauft. Die Hälfte davon an US-Investoren, gefolgt von Investoren aus Grossbritannien und Deutschland. Für Heidelberg wurde in der Folge die drupa zur Match entscheidenden Fachmesse. Bernhard Schreier: «Für Heidelberg war die drupa 2004 zum einen ein Indikator, wie sich die Industrie und die Mitbewerber präsentieren, und zum anderen, wie die Kunden auf unsere Neuausrichtung reagieren. Wir wollten wissen, wo wir im Umfeld der grafischen Industrie nach dem Unternehmensumbau stehen.»
Ein Dreivierteljahr nach der drupa ist klar, dass der Umbau zumindest keinen grossen Image- oder Vertrauensverlust nach sich zog. Zu verdanken ist dies vielleicht auch der Innovationskraft des Unternehmens: Mit 50 Neuheiten oder Neuerungen aus den Bereichen Vorstufe, Druck und Weiterverarbeitung hatte Heidelberg an der drupa zuletzt ein kleines Feuerwerk an Neuheiten gezündet. Bestätigt wurde der Richtungswechsel seitens der Kunden durch einen Auftragseingang von mehr als einer Milliarde Euro – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit war das erste Quartal des neuen Geschäftsjahrs nach fünf Quartalen wieder erfolgreich.
Noch nicht über den BergDoch Schreier weiss, dass die Krise noch nicht überstanden ist: «Wir haben in der Vergangenheit viele Einheiten nach China verkauft – aber diese Entwicklung ist aus diversen Gründen wie Steuern, politische Entscheide schwer abschätzbar.» Vorhersagen seien für diesen Markt schwierig, da die Kennzahlen oft von der Realität abwichen. Aber Schreier sieht Länder wie China auch (noch) nicht als dringliches Problem: 88 Prozent der Drucksachen würden in industrialisierten Ländern hergestellt, der Rest in den «Emerging Countries» – den «noch unterentwickelten Ländern». Alleine deshalb müsse sich Heidelberg nach wie vor auf die Industrieländer konzentrieren, ergänzte Schreier.
Doch China sei für die Firma von doppelter Bedeutung – und zwar als Markt wie auch als Produktionsstandort. So will sie in diesem Jahr damit beginnen, in China zu produzieren: Kleinere Produkte und vielleicht auch kleine Druckmaschinen. Schreier ist sich noch nicht sicher, ob sich in absehbarer Zeit ausserhalb des südlich von Heidelberg gelegenen Produktionsstandorts Wiesloch hochwertige Heidelberg-Druckmaschinen produzieren lassen.
KundenorientierungHeidelberg hat letzten Sommer mit Jürgen Rautert den Vorstand neu besetzt. Rautert, vormals Leiter des Geschäftsfelds Postpress (Druckweiterverarbeitung) und heute zuständig für den Bereich Technik, will, dass Heidelberg hinsichtlich Maschinenbau und -konfigurationen im Markt stärker als flexibles Unternehmen wahrgenommen wird. Als erfolgreiches Beispiel führte er das Produkt CutStar an, eine Maschine, die Papierrollen in Bogen schneidet und der Druckmaschine zuführt. Dadurch können Druckereien das günstigere Rollenpapier für Bogenoffsetmaschinen einsetzen. Ein anderes Beispiel ist die Speedmaster 102 Duo. Letztes Jahr wurde mit der CD 74 Duo diese Technologie auch im Mittelformat verfügbar gemacht. Beide Duos sind Bogenmaschinen, in die neben Offset- auch Flexodruckwerke integriert sind.
Anfang 2005 hat eine Achtfarbenmaschine mit vor- und nachgelagerten Flexodruckwerken sowie einem zusätzlichen Offsetdruckwerk am Schluss für den Auftrag von Mattlack die Produktion aufgenommen. Als längste Bogenmaschine beweist die 16 Druckwerke zählende Maschine CD 102-LY+8+YLYLY+ 1X3 eindrücklich, was Heidelberg seinen Kunden bieten kann.
«Wir haben Spezialisten, um die komplexer werdenden Anforderungen besser abzudecken. Nun lassen sich spezifische Wünsche in wenigen Tagen statt wie bisher in mehreren Monaten realisieren.» Auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtete Maschinen können von der Baureihe SM 52 über die CD 74 Duo bis zur CD 102 produziert werden.
Service als Wachstumschance Mit derartigen Maschinen könnten Druckereien gute Margen erzielen, ergänzte Rautert. Nach seiner Auffassung gibt es hier natürlich auch die Anwendungen dazu. Als Beispiel erwähnte er eine «Ultra-Highend-Verpackung» für den Schokoladehersteller Lindt. Aber Potenzial sieht er nicht nur für die westlichen Märkte, sondern vor allem in Asien, weil dort Verpackungen ein wichtiges Verkaufsargument sind.
Bernhard Steinel, Leiter Service weltweit für Sheetfed- und Prepress-Produkte, gab einen Überblick über das als Systemservice bezeichnete Angebot. Er stellte die neue, webbasierende «Remote Platform» vor, mit der Drucker sich am Leitstand per Knopfdruck mit einem regionalen Spezialisten verbinden können. Der Experte holt sich so Hilfe beim Global Expert Network.
Zur Qualitätssicherung stellte Steinel eine «Quality Pass» genannte Testform vor, die sich an Fogra-Anforderungen anlehnt und die ab dem zweiten Quartal 2005 verfügbar sein wird. So sollen mit der Simulationssoftware BizModel Flaschenhälse eines Produktionsbetriebs eliminiert werden.
Jürgen Rautert, zuständig für den Bereich Technik.
Bernhard Schreier, CEO und Vorstandsvorsitzender.
Bernhard Steinel, Leiter Service weltweit für Sheetfed- und Prepress-Produkte.
Heidelberg verstärkt kundenspezifischen Maschinenbau und Service.
BizModel schafft Transparenz im Betrieb, hilft die Produktion zu optimieren und dient als Werkzeug für Investitionsentscheide.
Jürgen Franck
Der Umbau zum alles umfassenden Anbieter war damals zu einer denkbar ungünstigen Zeit geschehen und zehrte Heidelberg langsam an die Substanz. Anfang 2004 ging die Digitaldrucksparte schliesslich an den früheren Joint-Venture-Partner Eastman Kodak (heute: Kodak Nexpress) und der Zeitungs- und Akzidenzrollenoffset an das Unternehmen Goss. Während Heidelberg in Abhängigkeit zum Verkaufserfolg der Nexpress- und Digimaster-Digitaldrucksysteme entschädigt wird, hält das Unternehmen beim Druckmaschinenhersteller Goss nun 15 Prozent.
Zudem hat Grossaktionär RWE kurz vor der drupa seine Aktien veräussert. 35 Prozent des 50-prozentigen Aktienpakets wurden direkt verkauft. Die Hälfte davon an US-Investoren, gefolgt von Investoren aus Grossbritannien und Deutschland. Für Heidelberg wurde in der Folge die drupa zur Match entscheidenden Fachmesse. Bernhard Schreier: «Für Heidelberg war die drupa 2004 zum einen ein Indikator, wie sich die Industrie und die Mitbewerber präsentieren, und zum anderen, wie die Kunden auf unsere Neuausrichtung reagieren. Wir wollten wissen, wo wir im Umfeld der grafischen Industrie nach dem Unternehmensumbau stehen.»
Ein Dreivierteljahr nach der drupa ist klar, dass der Umbau zumindest keinen grossen Image- oder Vertrauensverlust nach sich zog. Zu verdanken ist dies vielleicht auch der Innovationskraft des Unternehmens: Mit 50 Neuheiten oder Neuerungen aus den Bereichen Vorstufe, Druck und Weiterverarbeitung hatte Heidelberg an der drupa zuletzt ein kleines Feuerwerk an Neuheiten gezündet. Bestätigt wurde der Richtungswechsel seitens der Kunden durch einen Auftragseingang von mehr als einer Milliarde Euro – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit war das erste Quartal des neuen Geschäftsjahrs nach fünf Quartalen wieder erfolgreich.
Noch nicht über den BergDoch Schreier weiss, dass die Krise noch nicht überstanden ist: «Wir haben in der Vergangenheit viele Einheiten nach China verkauft – aber diese Entwicklung ist aus diversen Gründen wie Steuern, politische Entscheide schwer abschätzbar.» Vorhersagen seien für diesen Markt schwierig, da die Kennzahlen oft von der Realität abwichen. Aber Schreier sieht Länder wie China auch (noch) nicht als dringliches Problem: 88 Prozent der Drucksachen würden in industrialisierten Ländern hergestellt, der Rest in den «Emerging Countries» – den «noch unterentwickelten Ländern». Alleine deshalb müsse sich Heidelberg nach wie vor auf die Industrieländer konzentrieren, ergänzte Schreier.
Doch China sei für die Firma von doppelter Bedeutung – und zwar als Markt wie auch als Produktionsstandort. So will sie in diesem Jahr damit beginnen, in China zu produzieren: Kleinere Produkte und vielleicht auch kleine Druckmaschinen. Schreier ist sich noch nicht sicher, ob sich in absehbarer Zeit ausserhalb des südlich von Heidelberg gelegenen Produktionsstandorts Wiesloch hochwertige Heidelberg-Druckmaschinen produzieren lassen.
KundenorientierungHeidelberg hat letzten Sommer mit Jürgen Rautert den Vorstand neu besetzt. Rautert, vormals Leiter des Geschäftsfelds Postpress (Druckweiterverarbeitung) und heute zuständig für den Bereich Technik, will, dass Heidelberg hinsichtlich Maschinenbau und -konfigurationen im Markt stärker als flexibles Unternehmen wahrgenommen wird. Als erfolgreiches Beispiel führte er das Produkt CutStar an, eine Maschine, die Papierrollen in Bogen schneidet und der Druckmaschine zuführt. Dadurch können Druckereien das günstigere Rollenpapier für Bogenoffsetmaschinen einsetzen. Ein anderes Beispiel ist die Speedmaster 102 Duo. Letztes Jahr wurde mit der CD 74 Duo diese Technologie auch im Mittelformat verfügbar gemacht. Beide Duos sind Bogenmaschinen, in die neben Offset- auch Flexodruckwerke integriert sind.
Anfang 2005 hat eine Achtfarbenmaschine mit vor- und nachgelagerten Flexodruckwerken sowie einem zusätzlichen Offsetdruckwerk am Schluss für den Auftrag von Mattlack die Produktion aufgenommen. Als längste Bogenmaschine beweist die 16 Druckwerke zählende Maschine CD 102-LY+8+YLYLY+ 1X3 eindrücklich, was Heidelberg seinen Kunden bieten kann.
«Wir haben Spezialisten, um die komplexer werdenden Anforderungen besser abzudecken. Nun lassen sich spezifische Wünsche in wenigen Tagen statt wie bisher in mehreren Monaten realisieren.» Auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtete Maschinen können von der Baureihe SM 52 über die CD 74 Duo bis zur CD 102 produziert werden.
Service als Wachstumschance Mit derartigen Maschinen könnten Druckereien gute Margen erzielen, ergänzte Rautert. Nach seiner Auffassung gibt es hier natürlich auch die Anwendungen dazu. Als Beispiel erwähnte er eine «Ultra-Highend-Verpackung» für den Schokoladehersteller Lindt. Aber Potenzial sieht er nicht nur für die westlichen Märkte, sondern vor allem in Asien, weil dort Verpackungen ein wichtiges Verkaufsargument sind.
Bernhard Steinel, Leiter Service weltweit für Sheetfed- und Prepress-Produkte, gab einen Überblick über das als Systemservice bezeichnete Angebot. Er stellte die neue, webbasierende «Remote Platform» vor, mit der Drucker sich am Leitstand per Knopfdruck mit einem regionalen Spezialisten verbinden können. Der Experte holt sich so Hilfe beim Global Expert Network.
Zur Qualitätssicherung stellte Steinel eine «Quality Pass» genannte Testform vor, die sich an Fogra-Anforderungen anlehnt und die ab dem zweiten Quartal 2005 verfügbar sein wird. So sollen mit der Simulationssoftware BizModel Flaschenhälse eines Produktionsbetriebs eliminiert werden.
Jürgen Rautert, zuständig für den Bereich Technik.
Bernhard Schreier, CEO und Vorstandsvorsitzender.
Bernhard Steinel, Leiter Service weltweit für Sheetfed- und Prepress-Produkte.
Heidelberg verstärkt kundenspezifischen Maschinenbau und Service.
BizModel schafft Transparenz im Betrieb, hilft die Produktion zu optimieren und dient als Werkzeug für Investitionsentscheide.
Jürgen Franck
