Gefühle zum Rasen
Kolumne Fussball hat sich dank geschickter Medieninszenierung als Produkt fest etabliert und stellt andere Sportarten weit in den Schatten, schreibt Josefa Haas.
vorbei, auch Menschen wie ich, für die er nicht die grosse Sportliebe
bedeutet. Die 90 Minuten können sich unendlich lang hinziehen, die
Torchancen sind nicht immer sehr aufregend, spannender ist meist, das
Publikum zu beobachten. Trotzdem lohnt es sich für unsereins, die WM zu
verfolgen. Selten bietet ein Ereignis ein so breites und intensives
Spektrum an Geschichten und Gefühlen. Wann kann man Männer denn so
ungeniert weinen, feiern und trauern sehen. Der ganze Mix macht den
Reiz des Spektakels, in dem Sportler, Funktionäre, Vermarkter, Medien
und Publikum die Besetzung einer grossen Reality Show bilden.Interessant
für die Medien sind nicht die paar Treffer ins Goal allein. Damit
liessen sich nicht unendliche Sendestunden und Zeitungsseiten füllen.
Die Akteure liefern zum Glück die wildesten Geschichten. Im Vergleich
dazu sind die Plots der üblichen Seifenopern und Big-Brother-Programme
ein fader Abklatsch. Die langfädigen Sequenzen zwischen den Goals
eignen sich bestens für Analysen aller Art: Von der Hackordnung im
Rudel zu den Führungsqualitäten der Chefs, von den märchenhaften
Aufstiegen und den beschämenden Abstiegen, vom riesigen Gewinn und
skrupellosen Beschiss, von den wilden Leidenschaften und den
friedlichen Familien, von schmutzigen Tricks und den edlen Gesten –
nichts Menschliches, Allzumenschliches bleibt als Gesprächsthema
ausgespart.
Wie bei jeder Reality Show gilt es, die Produktions-
und damit die Wertschöpfungskette voll auszureizen. Die Panini-Bilder
sind dafür ein Musterbeispiel: Kleine und grosse Fans lassen sich das
Sammeln der Spieler-Porträts einiges kosten. Sie lernen dabei alle
Länder und Kicker kennen und bilden eine verschworene Gemeinschaft, die
der Sammelleidenschaft erlegen ist. Schon lange vorher haben sich die
Sponsoren den besten Platz für die Präsenz ihrer Logos und allenfalls
auch ihrer Produkte gesichert. Die Veranstalter machten Kasse mit dem
Verkauf der Medienrechte, auch wenn sie ihre ursprünglichen Absichten
etwas revidieren mussten.
Die Auseinandersetzungen der Zeitungsverleger mit der Fifa um die
Publikation der Bilder haben gezeigt, dass auch beim Fussball nicht
alles von den Vermarktern kontrolliert und kommerzialisiert werden kann
– aber fast alles. Ganze Stadtteile und Regionen müssen darum kämpfen,
nicht nur noch als Bühne für die Sponsoren zu dienen. Sprachliche
Finessen vervollständigen die perfekte Marketingverpackung. Aus dem
Fussballspiel wird dank findiger Kommunikationsakrobaten ein
Fussballfest. Der offizielle Ball heisst Teamgeist, auch wenn der Geist
des Mammons überall präsent ist.
Der Weltmeister der Medien
steht deshalb schon fest: Wenn es um Einschaltquoten, um
Sponsoringbudgets, um Marketingmassnahmen, Sonderausgaben von
Printprodukten, Merchandising geht, kann kaum ein anderes Grossereignis
dieselben Summen locker machen. Fussball hat sich als Produkt fest
etabliert und stellt andere Sportarten in den Schatten. Der Respekt vor
den Leistungen der Kicker in Ehren. Der Grund für die Omnipräsenz des
Fussballs liegt nicht – eingefleischte Fans mögen es mir verzeihen – in
seiner herausragenden sportlichen Attraktivität. Das Produkt Fussball
wurde als mediales Ereignis sorgfältig inszeniert, die Verbreitung und
Vermarktung umfassend kontrolliert. Dabei geht es letztlich wie in
einer Reality Show um die grossen Gefühle, welche Erfolg oder
Scheitern, Liebe, Geld und Macht auslösen.
Josefa Haas
ist Leiterin des Medieninstituts.
