Freudscher Verschreiber

Oliver Classen über die Me-too-Lokalbeilage des Tages-Anzeigers.

Oliver Classen über die Me-too-Lokalbeilage des Tages-Anzeigers.Bis gestern dachten wir, der seit der (National-)Ära de Weck schwelende Minderwertigkeitskomplex des Tagi gehöre allmählich der Vergangenheit an. Schliesslich betont Tamedia-Boss Martin Kall bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit, Tamedia sei nur ein Verlags-KMU und stolz darauf.Doch eben erreicht uns aus selbigem Haus ein Werbebrief, gezeichnet vom amtierenden Chefredaktor Peter Hartmeier höchstselbst. Darin heisst es, mit der Lancierung seiner Regionalausgabe fürs linke Zürichseeufer sei der Tages-Anzeiger «dem Ziel, eine Komplettzeitung zu werden, einen entscheidenden Schritt näher gekommen».
Diesen Eindruck gewinnt man beim Durchblättern der ungehefteten 20 Seiten jedoch keineswegs. Wenn die grösste Abozeitung der Schweiz schon bis dato nicht vollwertig war: Das im Amtsblatt-Look gehaltene Lokaltabloid macht den publizistischen Braten von der Werdstrasse auch nicht feister. Dazu bietet es inhaltlich wie formal zu wenig Nährwert und Überraschungen. Und das marginalisierte Tagi-Logo im Zeitungskopf grenzt – bei allem Verständnis fürs Understatement der urbanen Invasoren – an Selbstverleugnung.
Im Vergleich zum kühnen Auftritt des Aargauer Vorbilds vor zehn Monaten ist dieses Beiblatt bestenfalls ein uninspiriertes Me-too-Produkt, wie sie dutzendfach auf den Medienmarkt kommen – und häufig bald auch wieder verschwinden. Deshalb: Wer strategisch und finanziell ein so grosses Risiko eingeht wie Kall & Co. mit ihrem Provinz-Tagi, sollte auch redaktionell und gestalterisch etwas wagen. Oder muss man von der verlegerischen Innovationsschwäche tatsächlich auf jenes mangelnde Selbstvertrauen schliessen, das in Hartmeiers freudschem
Verschreiber zum Ausdruck kommt? Egal, Amtsblätter gibts in der Schweiz jedenfalls schon genug.
> Oliver Classen, Redaktor

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