Ein Leben in verschiedenen Geschwindigkeiten

«Boyhood» heisst der Film, der dieses Jahr der grosse Abräumer bei den Golden Globes ist und viele weitere Preise gewinnt. Ein langer Film, der langsam das Aufwachsen eines Jungen erzählt und in dessen Produktion viel Zeit investiert wurde, setzt in unserer kurzatmigen Welt einen Kontrapunkt.

Ist es nicht anachronistisch, dass ein Autor, der sich zwölf Jahre Zeit nimmt für ein Werk, und ein Film, der 166 Minuten dauert, den Nerv der Zeit trifft? Offenbar nicht, denn Richard Linklater gewinnt mit seinem Film «Boyhood» einen Preis nach dem anderen.

Im Sommer 2002 startete er mit den Dreharbeiten. Mason ist zu diesem Zeitpunkt ein Knabe von sechs Jahren. Der Vater ist abwesend, die Mutter bemüht sich tapfer um ein angemessenes Umfeld für Mason und seine Schwester. In den nächsten zwölf Jahren traf sich die Crew jeweils für ein paar Tage, um Filmmaterial für Episoden von rund 15 Minuten zu erarbeiten. Das Drehbuch wurde gemeinsam entwickelt. Alle Beteiligten lassen sich auf das Abenteuer ein, die Banalität von einem nicht so ungewöhnlichen Leben in einem aussergewöhnlichen Filmwerk zu gestalten.

Alle Beteiligten blieben dem Projekt treu. Die hochkarätigen Schauspieler Ethan Hawke und Patricia Arquette dokumentieren im Film ihr eigenes Älterwerden. Die Kinderdarsteller Ellar Coltrane und die Tochter des Regisseurs Lorelei Linklater wachsen in zwei parallelen Welten auf, im Film und in der Realität. Damit wird der Film mehr als die Darstellung des Coming of Age der Hauptfigur: Er wird zu einer Zeitgeschichte einer Lebenswelt, in der Menschen ihre Existenz und ihre Identität entwickeln.

Fluss der Ereignisse

Entwicklung braucht Zeit. Sie ist keine Aufreihung von Momenten. Sie ist ein Prozess mit einer Dynamik, sowohl auf horizontaler als auch auf vertikaler Ebene. Der Fluss der Ereignisse bildet sich in den Schnappschüssen der Bilder einer Situation ab. Diese Bilder sind immer in Bewegung. Sie verändern sich dauernd mit den neuen Informationen, Emotionen, Entscheidungen und deren Konsequenzen. In unsere Erfahrungswelt fliessen neben den Alltagserlebnissen medial erlebte Geschichten ein. Seien es die Nachrichten aus Paris, Syrien oder Haiti, die Meldungen aus der Politik oder der Wirtschaft. Faktenorientierte Information ist ein wesentlicher Teil unserer Lebenswelt. Ihre Gewichtung und Interpretation ist jedoch geprägt von allen erfundenen Geschichten. Fiktion ist ihrerseits eine kulturelle Realität, die konkrete Ereignisse umspielt. Kreativität befreit uns aus der Ohnmacht, Ereignisse als Naturgewalten hinzunehmen. Mit unserer Fantasie gestalten wir die Welt nach unseren Träumen. Dazu gehören auch das Durchleben von Aengsten, die Konfrontation mit Gefahren und das Ernstnehmen von Risiken. Unsere Lebensenergie setzen wir dafür ein, immer wieder die verschiedenen Erzählstränge zusammenzuführen, Klarheit über Motive und Wirkungen zu erhalten und damit die Hoheit über unsere eigene Geschichte zu gewinnen.

Tempo gelegentlich drosseln

Der Film regt uns an, das eigene Arbeitstempo zu überprüfen. Nicht alle Projekte gelingen unter grossem Zeitdruck. Wer das Tempo gelegentlich drosselt, kann Ideen reifen lassen und an deren Umsetzung sorgfältig feilen. Schnelligkeit und Langsamkeit schliessen sich gegenseitig nicht aus. Parallel können verschiedene Arbeitsprozesse mit unterschiedlichen Fahrplänen ablaufen. Richard Linklater nahm sich zwölf Jahre Zeit für «Boyhood». Im selben Zeitraum produzierte er weitere erfolgreiche Filme wie «Before Sunset» und «Before Midnight». Der Erfolg des Films «Boyhood» erinnert uns daran, dass wir uns immer wieder eine Auszeit von der Hektik der Newsticker gönnen sollten. Lassen wir uns gelegentlich bei der Lektüre eines dicken Buches nicht stören, von der Musik bei einem Konzert aus unserer Welt der Worte und Bilder entführen und tauchen wir im Kino für eine subjektive Ewigkeit in die Erlebniswelt von Unbekannten.

Josefa Haas, Medienexpertin/ Rektorin EB Zürich
 

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