Die Ballflachhalte-Gesellschaft
Kolumne Kindern wird der Geburtsschein verweigert. Und Shakira hat einen neuen Lover. Und die Mehrwertsteuer wird steigen. Medien vernichten massenhaft Unterscheidungsvermögen.
Kolumne Kindern wird der Geburtsschein verweigert. Und Shakira hat einen neuen Lover. Und die Mehrwertsteuer wird steigen. Medien vernichten massenhaft Unterscheidungsvermögen.Jene, die den Niedergang einer Zivilisation betreiben, die Kleinbürger, schildern ihn gerne, angstlustig, in orgiastischen Bildern. Brennendes Rom etc. Das möchte wohl kaschieren, dass die Entmenschung gerade darum vorankommt, weil sie sich der Banalität bedient, des Details, des Reglements. In der Schweiz werden Kinder geboren, denen die Behörden einen Geburtsschein verweigern. Nicht schlimm? Ohne Geburtsschein existieren diese Menschen legal nicht. In Fleisch und Blut sind sie zwar da, aber bleiben doch amtlich ungeboren. Die Welt kennt sie nicht. Sie werden nirgendwo einen Pass bekommen, sie können keine Schule besuchen, sie können nicht heiraten … Man ahnt: Es geht hier um Kinder von Ausländern, deren Papiere unvollständig sind. Nur gibt der Geburtsschein, über die schiere legale Existenz hinaus, keine weiteren Rechte. Und jedes Kind weltweit hat nach Uno-Kinderrechtskonvention Anrecht auf einen Zettel, der seine Geburt besiegelt.
Wie kömmts also? Um die 200 solcher Fälle soll es geben. Die Zivilstandsbeamten, welche Geburstscheine verweigern, berufen sich auf Reglemente, die Folge der verschärften Ausländer- und Asylgesetze sind. Spielraum gäbe es wohl, und sehr viele Beamte nutzen ihn. Was treibt die anderen? Einer gab dem Beobachter, der die Geschichte 2006 recherchierte, zu Protokoll: «Uns sind die Hände gebunden.» Ist es die Unmenschlichkeit des Untertans? Vorauseilender Gehorsam, dem manisch-repressiven Minister Blocher zuwedelnd. Schiere Parteigängerei, Niedertracht von Spiessern, heimliche Machtausübung im Rücken einer Gesellschaft, die das, so hoffe ich, kaum billigen würde. Oder spricht in dieser Verweigerung gar der Hass auf sich selbst, ein Selbstbild, in dem der Mensch, das Politikon zoon, zum Bios verkommt? Just dies ist doch das heimliche Projekt der neuen Rechten.
Die Sache gibt uns auch ein paar Aufschlüsse über den Zustand der Medien. Liest man die Berichte darüber, weiss man nicht recht, worüber man mehr erschrecken soll: Über die Untat oder die Art, mit welcher Indifferenz die Kolleginnen und Kollegen damit umgehen. Gewiss, Empörung ist ein steriles Gefühl. Uncool sowieso. Das merkt jeder, der den Hinweis auf die Uno-Kinderrechtskonvention wagt. Kindern wird ein Geburtsschein verweigert? Gewiss, es wurde recherchiert und berichtet. Und Shakira hat einen neuen Lover und die Mehrwertsteuer wird steigen.
Wir leben in einer Gesellschaft der horizontalen Wahrnehmung. Alles ist gleich unwichtig. Hauptsache, wir halten den Ball flach. Naiv, wer daraus auf die Bedeutungslosigkeit der Medien schlösse. Ihre Wirkung besteht gerade darin, dass sie die horizontale Wahrnehmung zur einzig möglichen machen, dass sie massenhaft Unterscheidungsvermögen vernichten und jeden Tag sich und allen anderen erzählen: Weitergehen, es gibt nichts zu sehen.
P. S. Am 26. März jährte sich zum zehnten Mal, dass die Uno Kinderrechtskonvention für die Schweiz in Kraft trat.
P. S. 2: Vor 25 Jahren erschien ein Buch eines jüdischen Emigranten in den USA, das solche kleine Meldungen sammelte. Es hiess: «Täglicher Faschismus.» Es ist immer noch zu haben, sogar auf Amazon. Preis: 1 Cent.
Oliver Fahrni ist freier Publizist.
Wie kömmts also? Um die 200 solcher Fälle soll es geben. Die Zivilstandsbeamten, welche Geburstscheine verweigern, berufen sich auf Reglemente, die Folge der verschärften Ausländer- und Asylgesetze sind. Spielraum gäbe es wohl, und sehr viele Beamte nutzen ihn. Was treibt die anderen? Einer gab dem Beobachter, der die Geschichte 2006 recherchierte, zu Protokoll: «Uns sind die Hände gebunden.» Ist es die Unmenschlichkeit des Untertans? Vorauseilender Gehorsam, dem manisch-repressiven Minister Blocher zuwedelnd. Schiere Parteigängerei, Niedertracht von Spiessern, heimliche Machtausübung im Rücken einer Gesellschaft, die das, so hoffe ich, kaum billigen würde. Oder spricht in dieser Verweigerung gar der Hass auf sich selbst, ein Selbstbild, in dem der Mensch, das Politikon zoon, zum Bios verkommt? Just dies ist doch das heimliche Projekt der neuen Rechten.
Die Sache gibt uns auch ein paar Aufschlüsse über den Zustand der Medien. Liest man die Berichte darüber, weiss man nicht recht, worüber man mehr erschrecken soll: Über die Untat oder die Art, mit welcher Indifferenz die Kolleginnen und Kollegen damit umgehen. Gewiss, Empörung ist ein steriles Gefühl. Uncool sowieso. Das merkt jeder, der den Hinweis auf die Uno-Kinderrechtskonvention wagt. Kindern wird ein Geburtsschein verweigert? Gewiss, es wurde recherchiert und berichtet. Und Shakira hat einen neuen Lover und die Mehrwertsteuer wird steigen.
Wir leben in einer Gesellschaft der horizontalen Wahrnehmung. Alles ist gleich unwichtig. Hauptsache, wir halten den Ball flach. Naiv, wer daraus auf die Bedeutungslosigkeit der Medien schlösse. Ihre Wirkung besteht gerade darin, dass sie die horizontale Wahrnehmung zur einzig möglichen machen, dass sie massenhaft Unterscheidungsvermögen vernichten und jeden Tag sich und allen anderen erzählen: Weitergehen, es gibt nichts zu sehen.
P. S. Am 26. März jährte sich zum zehnten Mal, dass die Uno Kinderrechtskonvention für die Schweiz in Kraft trat.
P. S. 2: Vor 25 Jahren erschien ein Buch eines jüdischen Emigranten in den USA, das solche kleine Meldungen sammelte. Es hiess: «Täglicher Faschismus.» Es ist immer noch zu haben, sogar auf Amazon. Preis: 1 Cent.
Oliver Fahrni ist freier Publizist.
