Deutsche Feigenblätter
Oliver Classen über Profilneurosen und Ringiers «Parzival»-Projekt.
Oliver Classen über Profilneurosen und Ringiers «Parzival»-Projekt.Erst zwei Monate ist es her, seit Michael Ringier den «Anti-Beobachter» namens «Thesis» endgültig gespült und seine ominöse «Gegen-Weltwoche» weiter auf Eis gelegt hat. Für Ersteren sei der Deutschschweizer Markt schlicht zu klein, und Letztere habe noch kein schlüssiges Marketingkonzept, liess der bekennende Projektfetischist damals verlauten.Ein Feigenblatt zur Bedeckung seiner peinlichen Borer-Blösse musste dennoch her. Und zwar fix. Das Beteiligungsangebot von Edipresse an Le Temps kam da wie gerufen. Nur dass das geistigmoralische Gewicht des welschen Qualitätstitels mit jenem des besagten publizistischen Schandmals in keinem Verhältnis steht.
Grösseres, Bedeutenderes wurde gesucht, um die nach wie vor schmerzende Scharte endlich auszuwetzen – und zugleich eine intellektuelle Profilneurose zu beenden, unter welcher der Boulevardkönig und sein Hof offenkundig leiden.
Fündig wurde nun Ringiers Berlin-Botschafter Frank A. Meyer. Ausgerechnet! Rekrutierte dieser nicht gleichenorts schon die für das damalige Systemversagen allein verantwortlich gemachten Journalisten? Dessen ungeachtet setzen der germanophile Strippenzieher und sein Patron also weiter auf deutsche Wertarbeit. Und mit «Parzival» haben sie sich gleich das – nach Namen und Anspruch – teutonischste aller laufenden Zeitschriftenprojekte geangelt.
Was nicht heisst, dass ein deutschsprachiges New-Yorker-Äquivalent nicht wünsch- oder machbar wäre. Bloss: Warum sollte dieses Wunderkind just aus der eben offizialisierten Amour fou zwischen dem Schweizer Schlagzeilenverlag und einem abgehalfterten Springer-Chefredaktor hervorgehen? Und warum fremdgehen, wenn man mit dem von Tamedia feilgebotenen Du ein helvetisches Edelgewächs retten und auf
Weltniveau züchten könnte? Als Feigenblatt würde sich das grossformatige Magazin jedenfalls mindestens so gut eignen.
> Oliver Classen, Redaktor
Grösseres, Bedeutenderes wurde gesucht, um die nach wie vor schmerzende Scharte endlich auszuwetzen – und zugleich eine intellektuelle Profilneurose zu beenden, unter welcher der Boulevardkönig und sein Hof offenkundig leiden.
Fündig wurde nun Ringiers Berlin-Botschafter Frank A. Meyer. Ausgerechnet! Rekrutierte dieser nicht gleichenorts schon die für das damalige Systemversagen allein verantwortlich gemachten Journalisten? Dessen ungeachtet setzen der germanophile Strippenzieher und sein Patron also weiter auf deutsche Wertarbeit. Und mit «Parzival» haben sie sich gleich das – nach Namen und Anspruch – teutonischste aller laufenden Zeitschriftenprojekte geangelt.
Was nicht heisst, dass ein deutschsprachiges New-Yorker-Äquivalent nicht wünsch- oder machbar wäre. Bloss: Warum sollte dieses Wunderkind just aus der eben offizialisierten Amour fou zwischen dem Schweizer Schlagzeilenverlag und einem abgehalfterten Springer-Chefredaktor hervorgehen? Und warum fremdgehen, wenn man mit dem von Tamedia feilgebotenen Du ein helvetisches Edelgewächs retten und auf
Weltniveau züchten könnte? Als Feigenblatt würde sich das grossformatige Magazin jedenfalls mindestens so gut eignen.
> Oliver Classen, Redaktor
