Der Motz von Butz: Die Kunst der Typographie ist vom Aussterben bedroht

Nebst den endlosen Vorteilen des Computers hat er leider auch den Wildwuchs «Typographieallesistmöglich» gefördert. Von Theophil Butz, Grafiker, Werbeagentur-Inhaber, Inspirator und seit über anderthalb Jahren auch noch Motzer für die Werbewoche-Leser. Sachdienliche Hinweise bitte an [email protected].

Um was es mir hier geht: Durch die Tatsache, dass sich heute jeder auf dem Compi sein Visitenkärtchen, eine Vernissage-Einladungskarte, einen Flyer für die Totalliquidation, eine Zeitschrift und die darin platzierten Inserate oder eine Website selber basteln kann, wird dem Menschen täglich tausendfach Schrott an den Kopf geworfen.

Meine These: Ich gehe davon aus, dass bei der Ausbildung an Schulen und auch an Kunstakademien die Typographie und deren Regeln nicht mehr oder nur am Rande gelehrt werden. Dass zum Beispiel jeder Buchstabe eine Weissraum-Aura sowohl drum herum wie auch innen aufweist, scheint nicht bewusst zu sein. Dieses Phänomen kann man mit Spationierung (vielleicht auch schon mal gehört) ausgleichen, um die Lesbarkeit zu unterstützen. Viele Plakate zum Teil auch von renommierten Agenturen wenden diese Typographie-Technik nicht oder nur selten an. Als Erinnerungsstütze ein Beispiel: Zwei versale «O» nebeneinander besitzen den flächenmässig gleich grossen Weisszwischenraum wie zwei «I» nebeneinander. Der Zwischenraum an den breitesten Stellen der «O» ist also kleiner als derjenige bei den «I». Dafür gibt es keine mathematische Formel. Das sieht ein geschultes Auge. Aber eben, es sollte geschult sein. Ähnliche Regeln gelten auch bei Trennungen, bei Einzügen, bei Durchschüssen, bei Flattersätzen und bei Mittelachsen. Oft ist diese schlechte typographische Gestaltung noch mit langweiligen Texten und unkreativen, witzlosen Headlines gepaart. Ein weiteres Phänomen der heutigen Computerzeit ist leider auch die Rechtschreibung. Was erlebt man da für Rehtschreibe- und Interpunktionsfeller.

Ich habe schon in vergangenen Motz erklärt, dass das Medium Werbung ein teures ist. Umso mehr sollte der Content von Profis umgesetzt werden. Auch solchen, die was von Typographie verstehen. Wer da aus Kostengründen den Prokuristen, die Ehefrau oder dem Sohnemann das Texten und Gestalten überlässt, der kommt beim Konsumenten nicht optimal an.

Ich schaue mir diese Gestaltungsmonster schon gar nicht an. Deshalb verzichte ich auf Beispiele. Nur noch dieses: In meinem Haus in Italien muss ich leider eine neue Heizung einbauen. Drei Geräteanbieter habe ich auf der Website besucht. Entschieden habe ich mich für den Hersteller, der mir den logischsten, typographisch saubersten und professionellen Eindruck vermittelt hat. Eben. Ich widme die Kolumne Emil Ruder, meinem Typographie- Lehrer und Direktor der Kunstgewerbeschule Basel. Mein Aufsteller ist, dass der Trüffelhund «Tambu» von Signora Lamioni für uns hier in der Toskana tatsächlich weisse Trüffel gefunden hat.

 

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