Das World Wide Web in Wirklichkeit
Unser digitaler Zwergenstaat ist eine steinige Umgebung für Social Media. Geradezu galaktische Gesetze herrschen dagegen im englischsprachigen Internet.
Benutzen Sie eine chinesische Seite? Oder eine holländische? Warum nicht? Wie oft besuchen Sie LeMonde.fr? Lesen Sie Seiten mit der Endung .at? Nur wenige sind sich dessen bewusst: Das Internet ist in Sprachgruppen, Länder und politische Dörfer aufgesplittert. In jeder Gruppe, jeder Region, jedem Dorf herrschen andere Kräfteverhältnisse, und überall wird politisiert, was das Zeug hält.
Welcome to Switzerländ
Selbst wenn man das politisch Unmögliche möglich machte und mit einem Superwebservice jeden Schweizer erreichte, wäre das noch kein besonders kapitalträchtiges Unterfangen. Mit den geizigen Surfern und den Rappenspalter-Webwerbebudgets macht man kaum mehr als ein, zwei Batzen pro Nutzer. Aber es geht ja im Netz auch nicht zuerst ums Geld. Spätestens seit Obama ist klar: Es geht zuerst um Politik. Jeder YouTube-Firlefanz wird rechts und links ausgemessen. Jede Tulpenzüchtermeldung wird auf ihre SVP-, SP-, FDP-, CVP-Freundlichkeit abgeklopft.
Und es sind ja auch längst schon alle politischen Figuren präsent: Die Verschwörungstheoretiker. Die Hippies. Die Weltveränderer. Die, die immer alles schlimm finden und selber nichts tun. Die Besserwisser. Die Zyniker. Die Fudibürger, die hinter dem Vorhängli der «Medienkritik» auf die Strasse spionieren und heimlich jedes Auto mit dem Schraubenzieher zerkratzen, das die Parkzeit um eine Minute überzieht. Die gute alte Schweiz.
Nix Web 2.0
Keine Bürgerjournalisten, sondern längst bekannte Politiker führen das Bloggerfeld an. Blocher und Leuenberger sind jenseits des Schweizer Blogcamp-Zeltlagers die einzig wirklich bekannten Blogger. Die beiden Polit¬opas gehören zudem zu den wenigen, die nicht bloss übers Bloggen bloggen, sondern tatsächlich eigene Themen anbieten.
Unser digitaler Zwergenstaat ist eine steinige Umgebung für Social Media: Die Weisheit der Massen, die etwa bei Wikipedia zum Blühen kommt, moost hier vor sich hin. Nicht weil die Weisheit, sondern weil die Masse fehlt. Der Schweizer Markt ist zu klein für Modelle, die auf Superskalierung bauen. Gängige Web-2.0-Funktionen schenken im .ch-Bereich erst dann ein, wenn man Bluewin, eine grosse Zeitung oder ein bloggender Bundesrat ist. Ansonsten kommentieren immer dieselben, oft mit mehreren Pseudonymen auf dem eigenen Blog. Manche führen sogar mehrere Rumpelstilzchen-Blogs und applaudieren sich den ganzen Tag selber zu.
Galaktische Gesetze
Ganz andere, geradezu galaktische Gesetze herrschen im englischsprachigen Internet. Von den 1,4 Milliarden Internet-Usern kann eine englischsprachige Seite theoretisch mit fast einer Milliarde potenzieller Surfer rechnen. Mit den unberechenbaren Quantensprüngen, die im englischsprachigen Netz immer wieder alles auf den Kopf stellen, bilden sich fast täglich neue Sonnen und Sonnensysteme; plötzlich ist Google da, plötzlich scheint Facebook heller als tausend Sonnen.
Das fasziniert und lässt manchen Hobbyfritzen vom kosmischen Geld träumen. Doch in 99,99 … Prozent bleiben diese Träume eben Schäume. Meistens hapert es im politischen Bereich. Im grossen Netz wird zuerst mal grosse Politik gemacht. Google ist kein Unternehmen, Google ist ein Imperium. Auf Grund der kosmischen Gesetze, die diesen Riesenmarkt beherrschen, kann ein solches Imperium innerhalb von Wochen plötzlich zusammenbrechen oder erobert werden. Das ist mit Altavista geschehen, im Augenblick zittern die Präsidenten von MySpace, Yahoo und eBay.
Das grosse Publikum erreicht man nur mit einem wahlpolitischen Oberknüller (wunderbar funktioniert der Wahlspruch «Alles gratis für alle») und der Unterstützung von Insidern in Silicon Valley. Social-Media- und Social-Graph-Anwendungen sind in einer grossen Politarena entstanden, für diese galaktische Politarena gemacht und von den Politikern am effizientesten genutzt; die Verbreitung von digitaler Freundeskreis-Technologie hat das Internet nicht privatisiert, sondern noch stärker politisiert. Auch wenn das Schweizerdeutsche Internet sonst fast nichts mit dem grossen gemein hat, die nächste Welle der digitalen Personalisierung (und damit Politisierung) wird auch hier bald einiges überschwemmen.
Oliver Reichenstein ist Informationsarchitekt, lebt und arbeitet in Tokio.
Welcome to Switzerländ
Selbst wenn man das politisch Unmögliche möglich machte und mit einem Superwebservice jeden Schweizer erreichte, wäre das noch kein besonders kapitalträchtiges Unterfangen. Mit den geizigen Surfern und den Rappenspalter-Webwerbebudgets macht man kaum mehr als ein, zwei Batzen pro Nutzer. Aber es geht ja im Netz auch nicht zuerst ums Geld. Spätestens seit Obama ist klar: Es geht zuerst um Politik. Jeder YouTube-Firlefanz wird rechts und links ausgemessen. Jede Tulpenzüchtermeldung wird auf ihre SVP-, SP-, FDP-, CVP-Freundlichkeit abgeklopft.
Und es sind ja auch längst schon alle politischen Figuren präsent: Die Verschwörungstheoretiker. Die Hippies. Die Weltveränderer. Die, die immer alles schlimm finden und selber nichts tun. Die Besserwisser. Die Zyniker. Die Fudibürger, die hinter dem Vorhängli der «Medienkritik» auf die Strasse spionieren und heimlich jedes Auto mit dem Schraubenzieher zerkratzen, das die Parkzeit um eine Minute überzieht. Die gute alte Schweiz.
Nix Web 2.0
Keine Bürgerjournalisten, sondern längst bekannte Politiker führen das Bloggerfeld an. Blocher und Leuenberger sind jenseits des Schweizer Blogcamp-Zeltlagers die einzig wirklich bekannten Blogger. Die beiden Polit¬opas gehören zudem zu den wenigen, die nicht bloss übers Bloggen bloggen, sondern tatsächlich eigene Themen anbieten.
Unser digitaler Zwergenstaat ist eine steinige Umgebung für Social Media: Die Weisheit der Massen, die etwa bei Wikipedia zum Blühen kommt, moost hier vor sich hin. Nicht weil die Weisheit, sondern weil die Masse fehlt. Der Schweizer Markt ist zu klein für Modelle, die auf Superskalierung bauen. Gängige Web-2.0-Funktionen schenken im .ch-Bereich erst dann ein, wenn man Bluewin, eine grosse Zeitung oder ein bloggender Bundesrat ist. Ansonsten kommentieren immer dieselben, oft mit mehreren Pseudonymen auf dem eigenen Blog. Manche führen sogar mehrere Rumpelstilzchen-Blogs und applaudieren sich den ganzen Tag selber zu.
Galaktische Gesetze
Ganz andere, geradezu galaktische Gesetze herrschen im englischsprachigen Internet. Von den 1,4 Milliarden Internet-Usern kann eine englischsprachige Seite theoretisch mit fast einer Milliarde potenzieller Surfer rechnen. Mit den unberechenbaren Quantensprüngen, die im englischsprachigen Netz immer wieder alles auf den Kopf stellen, bilden sich fast täglich neue Sonnen und Sonnensysteme; plötzlich ist Google da, plötzlich scheint Facebook heller als tausend Sonnen.
Das fasziniert und lässt manchen Hobbyfritzen vom kosmischen Geld träumen. Doch in 99,99 … Prozent bleiben diese Träume eben Schäume. Meistens hapert es im politischen Bereich. Im grossen Netz wird zuerst mal grosse Politik gemacht. Google ist kein Unternehmen, Google ist ein Imperium. Auf Grund der kosmischen Gesetze, die diesen Riesenmarkt beherrschen, kann ein solches Imperium innerhalb von Wochen plötzlich zusammenbrechen oder erobert werden. Das ist mit Altavista geschehen, im Augenblick zittern die Präsidenten von MySpace, Yahoo und eBay.
Das grosse Publikum erreicht man nur mit einem wahlpolitischen Oberknüller (wunderbar funktioniert der Wahlspruch «Alles gratis für alle») und der Unterstützung von Insidern in Silicon Valley. Social-Media- und Social-Graph-Anwendungen sind in einer grossen Politarena entstanden, für diese galaktische Politarena gemacht und von den Politikern am effizientesten genutzt; die Verbreitung von digitaler Freundeskreis-Technologie hat das Internet nicht privatisiert, sondern noch stärker politisiert. Auch wenn das Schweizerdeutsche Internet sonst fast nichts mit dem grossen gemein hat, die nächste Welle der digitalen Personalisierung (und damit Politisierung) wird auch hier bald einiges überschwemmen.
Oliver Reichenstein ist Informationsarchitekt, lebt und arbeitet in Tokio.
