Das Ende einer Welt

Kolumne Die Alten treten zurück, die Leser wandern ab, der Umfang schwindet, die Inserate schmelzen: Krise als Chance beim Weltblatt Le Monde? Es ist sowieso die letzte.

 
Kolumne Die Alten treten zurück, die Leser wandern ab, der Umfang schwindet, die Inserate schmelzen: Krise als Chance beim Weltblatt Le Monde? Es ist sowieso die letzte. Jürg Altwegg über die tiefe Krise beim Renommierblatt Le Monde. 
Die Legende von Robin Hood geht nicht gut aus. Der heldenhafte Streiter schiesst einen letzten Pfeil ab und wird da, wo er zu Boden ging, begraben. Als Robin Hood zeichnete ein Mitarbeiter der Zeitung Le Monde. Er trug im vergangenen Mai per Mail ein Strategiepapier seiner neuen Chefs in Redaktion und Geschäftsführung in die Öffentlichkeit: 129 Arbeitsplätze werden gestrichen. Fast ein Drittel der Redaktionsstellen wird abgebaut. Am härtesten trifft es die Kultur, sie wird nur noch zwei Seiten täglich haben. Die wöchentliche Literaturbeilage muss auf zwei Redaktoren und viele Pauschalisten verzichten. Ihr Umfang wird von jetzt zwölf auf acht und dann noch vier Seiten reduziert. Die Zeitung, die bereits erfolgreich abgespeckt hat, wird noch dünner: Tausend Seiten werden pro Jahr eingespart. Die liebe Konkurrenz nahm es auf und verlieh ihm den nötigen Nachhall. Der Mai verlief im Hause Le Monde fast so stürmisch wie damals, vor vierzig Jahren, als die Weichen für eine neue Gesellschaft gestellt wurden.
Vollversammlungen, Flugblätter, Streiks. Die Mitarbeiter, sonst eher Einzelkämpfer, gingen sogar auf die Strasse. Dreimal erschien Le Monde nicht. Regelmässig berichtet die Redaktion im Internet und in der Zeitung über den internen Konflikt – auch den Artikel der Libération hat man übernommen.
Eine Welt geht unter. Die Mitarbeiter verfügen nur noch auf dem Papier über eine Mehrheit im Unternehmen, dessen Struktur extrem kompliziert, kaum überschau- und noch weniger kontrollierbar ist. Die Krise hat viele Gründe: Das als arrogant verschriene Blatt hat die Leser verärgert. Die langjährige Führungsriege hat mit ihrer Zukaufstrategie einen gewaltigen Schuldenberg von rund hundertfünfzig Millionen Euro angehäuft. Die Zeitung schreibt jedes Jahr rote Zahlen. Jedes andere Unternehmen in dieser Situation hätte Bankrott anmelden müssen oder wäre verkauft worden.
Zwei Käufer, die bereits über Minderheitsbeteiligungen verfügen, stehen in den Startlöchern: Die spanische Zeitung El Pais und der Magazin-Verlag Hachette, der dem Sarkozy-Spezi Arnaud Lagardère gehört. Letzteres wäre für die freie Publizistik in Frankreich ein schwerer Schlag. In aller Öffentlichkeit bezichtigt Lagardère den neuen Monde-Chefredaktor Eric Fottorino der Unfähigkeit. Die Sparmassnahmen würden den Niedergang nur noch beschleunigen. Lagardère (auch El Pais hat die Kaufbereitschaft im dümmsten Moment wiederholt) hat damit vor allem die Kompromissbereitschaft der Redaktion angestachelt.
Diese hat sich inzwischen auf das von Robin Hood publizierte Strategiepapier geeinigt. Man setzt auf das Internet. Hier hat Le Monde die bessere Lösung als Le Figaro und Libération, denen es nicht viel besser geht. Lemonde.fr schreibt längst schwarze Zahlen dank dem Renommee und der Kompetenz der Printredaktion. Und vielleicht stimmt die Mischrechnung bald einmal, die gegenwärtig vor allem wegen der Kosten der gedruckten Zeitung nicht aufgeht.
Umgekehrt hat das Internet Le Monde vom arroganten Autismus befreit. Auf vorbildliche Weise werden mit Blogs und Chats die Möglichkeiten der Interaktivität ausgeschöpft. Für sechs Euro pro Monat kann man den gesamten Inhalt der Tageszeitung lesen und im Archiv 25 Artikel abrufen. Das ist der Preis von vier gedruckten Ausgaben. Doch mit diesem Erlös aus dem Internet ist Le Monde noch nicht zu finanzieren. Erst wenn alle Abonnenten und Kioskkäufer des Weltblattes auf lemonde.fr umsteigen, ist das Unternehmen Le Monde gerettet. Dann wird es keine gedruckte Ausgabe mehr geben. Das Papier ist jetzt schon ein Luxus.
Noch kann sich das Eric Fottorino nicht wirklich vorstellen. Immerhin geht es dem Chefredaktor nicht um den Erhalt um jeden Preis. Er will Le Monde als Marke in die Zukunft führen. Sie steht für Qualitätsjournalismus, an dem sich alle Eliten des Landes immer schon orientiert haben. Doch das geht nicht ohne weitere Sparrunden. Bis Anfang Juli haben sich dank generöser Abfindungen viele Kandidaten für die freiwillige Entlassung gemeldet. Sogar einige Edlefedern und renommierte Redaktoren des Blattes. Es ist die Generation der Achtundsechziger, die sich eine Zeitung nur gedruckt vorstellen kann. Für das neue Konzept kann das zwar eine Chance sein, doch es geht dabei viel Erfahrung und Ansehen verloren.
Robin Hood hat, als er die Öffentlichkeit informierte, sein Pseudonym mit Bedacht und als Symbol für den Sparplan gewählt: Der verletzte Held sollte nämlich von seiner Kusine zur Ader gelassen werden. Doch sie schnitt ihm die Schlagader auf.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
in Genf.

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