Buhlen, zirpen, gockeln
Kolumne Oliver Fahrni begegnet der Forderung nach einer Definition des Trendbegriffs Medienökologie mit einem Manifest und nimmt sich des Balztanzes der Silberreiher an.
Kolumne Auf die verständliche Forderung
nach der Definition eines Trendbegriffs reagiert unser Autor mit einem
medienökologischen Manifest.Hannah T. ist verärgert. «Sie reden
dauernd von Medienökologie, aber niemand weiss, was das sein soll»,
mault sie per Mail: «Wohl auch Sie selber nicht. Ich will sofort eine
Definition!»
So freundlich aufgefordert, machen wir uns an die Arbeit: Plädiert
Ökologie für die Schonung der Natur, will Medienökologie den schonenden
Umgang des Menschen mit seiner Natur.
Die ist vertrackt. Zum einen sind wir vernunftbegabt, erkennen Ursachen
und Wirkungen, sind rundum ernüchtert. Andererseits sind wir auf Reize
programmiert. Zumal wenns der Fortpflanzung dienlich ist. In früheren
Stadien menschlicher Entwicklung beförderte der Reiz die Erkenntnis –
heute allerdings meist nur mehr den Verkauf.
Sehen Sie den Silberreiher? Beim Balztanz spreizt er das
Schwanzgefieder, gibt freilich vor, die Reiherin nicht zu sehen.
Erfolgreiche Taktik. Clevere Don Juans haben sich da was abgeschaut.
Das Problem ist, dass Medien heute auf nämliche Weise verfahren: Sie
reizen, buhlen, zirpen und gockeln, ignorieren dabei aber Leserin und
Zuschauer.
Ist das schlimm? Ökonomisch gesprochen, ist die Reizerei dumm. Der
Bürger, die Bürgerin, mit denen der Journalist in eine Art kollektives
Zwiegespräch über die Welt trat, mutieren zu Konsumenten. Und verhalten
sich entsprechend: Sie naschen, nippen, zappen und sehen die Medien
längst als das, was sie geworden sind – Gemütsmixer. Weichmacher. Ein
kleiner Fix. Seither explodieren die Budgets für Lesermarketing.
Schwerer wiegt: Wer mit Techniken der Liebeswerbung den Irak-Krieg,
Arbeitslosigkeit oder den Gen-Streit zu erhellen sucht, scheitert
(sofern Erhellung überhaupt seine Absicht war). Die Form (der Reiz)
tötet den Inhalt. Darum gab es nie zeitkritischen Boulevard, darum ist
diese Gesellschaft so schlecht über sich im Bilde.
Gerhard Schröder beklagte dieser Tage eine feindselige Medienlage. Zu
Recht. Selbst Medien, die sich im marktgängigen Glanz seiner Person
gesonnt hatten, verfolgten den Bundeskanzler jüngst mit Häme und später
Abrechnung. Dennoch ist sein Opferpart Schmiere: Schröder selbst war
ein Mächtiger des Mediengetöses, das die öffentliche Verständigung über
den Stand der Dinge nicht nur verzerrt, sondern zunehmend verunmöglicht.
Wie das? Bevor wir die Lehrstühle für Medienökologie anrufen, zum
Beispiel an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, und uns mit
Dingen wie der «polymedialen Reproduktion im Wechsel der Generationen»
verwirren, wollen wir selbst denken. Zuerst ein wenig Empirie: Trifft
man auf interessante Menschen, auf Gründer und Beweger, erkennt man
ihnen Gemeinsames: Ihr Fernseher ist meist ausgesteckt. Sie kennen die
neueste Sitcom nicht, lesen keine Springer- oder Ringier-Blätter,
meiden Coelho & Co. Eliten nutzen Medien hoch selektiv. Sie
tauschen fleissig Bookmarks und starke Texte. Sie sind auf
perlentaucher.de abonniert. Sie informieren sich vernetzt.
Andererseits frönen diese Menschen so merkwürdigen Verrichtungen wie
Renaissance-Atlanten zu sammeln oder Blogs zu schreiben. Ihre selektive
Mediennutzung hat auch einen ökologischen Grund: Sie schonen die
knappen Ressourcen Aufmerksamkeit und Verstand. Nur weil sie den Reiz
mindern, können sie denken und handeln. Das ist eine Bedingung ihrer
Schaffenskraft, ihr Vorteil in einer permanent erregten, hyperaktiven
und depressiven Gesellschaft.
Ungebremster Konsum von Reiz-Medien verkrümmt Sinne, Kopf, Seele.
Früher dienten Medien auch dazu, die Verhältnisse zu verstehen; heute
sind sie nur noch Teil der Verhältnisse.
Hier setzt die Medienökologie an. Gewiss ist es fein, Medienpädagogik
zu treiben, etwa die Entschlüsselung von Bildern zu lernen. Ungleich
nützlicher ist es, sich den Medien selektiv zu entziehen. Und andere
Medien zu bauen.
nach der Definition eines Trendbegriffs reagiert unser Autor mit einem
medienökologischen Manifest.Hannah T. ist verärgert. «Sie reden
dauernd von Medienökologie, aber niemand weiss, was das sein soll»,
mault sie per Mail: «Wohl auch Sie selber nicht. Ich will sofort eine
Definition!»
So freundlich aufgefordert, machen wir uns an die Arbeit: Plädiert
Ökologie für die Schonung der Natur, will Medienökologie den schonenden
Umgang des Menschen mit seiner Natur.
Die ist vertrackt. Zum einen sind wir vernunftbegabt, erkennen Ursachen
und Wirkungen, sind rundum ernüchtert. Andererseits sind wir auf Reize
programmiert. Zumal wenns der Fortpflanzung dienlich ist. In früheren
Stadien menschlicher Entwicklung beförderte der Reiz die Erkenntnis –
heute allerdings meist nur mehr den Verkauf.
Sehen Sie den Silberreiher? Beim Balztanz spreizt er das
Schwanzgefieder, gibt freilich vor, die Reiherin nicht zu sehen.
Erfolgreiche Taktik. Clevere Don Juans haben sich da was abgeschaut.
Das Problem ist, dass Medien heute auf nämliche Weise verfahren: Sie
reizen, buhlen, zirpen und gockeln, ignorieren dabei aber Leserin und
Zuschauer.
Ist das schlimm? Ökonomisch gesprochen, ist die Reizerei dumm. Der
Bürger, die Bürgerin, mit denen der Journalist in eine Art kollektives
Zwiegespräch über die Welt trat, mutieren zu Konsumenten. Und verhalten
sich entsprechend: Sie naschen, nippen, zappen und sehen die Medien
längst als das, was sie geworden sind – Gemütsmixer. Weichmacher. Ein
kleiner Fix. Seither explodieren die Budgets für Lesermarketing.
Schwerer wiegt: Wer mit Techniken der Liebeswerbung den Irak-Krieg,
Arbeitslosigkeit oder den Gen-Streit zu erhellen sucht, scheitert
(sofern Erhellung überhaupt seine Absicht war). Die Form (der Reiz)
tötet den Inhalt. Darum gab es nie zeitkritischen Boulevard, darum ist
diese Gesellschaft so schlecht über sich im Bilde.
Gerhard Schröder beklagte dieser Tage eine feindselige Medienlage. Zu
Recht. Selbst Medien, die sich im marktgängigen Glanz seiner Person
gesonnt hatten, verfolgten den Bundeskanzler jüngst mit Häme und später
Abrechnung. Dennoch ist sein Opferpart Schmiere: Schröder selbst war
ein Mächtiger des Mediengetöses, das die öffentliche Verständigung über
den Stand der Dinge nicht nur verzerrt, sondern zunehmend verunmöglicht.
Wie das? Bevor wir die Lehrstühle für Medienökologie anrufen, zum
Beispiel an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, und uns mit
Dingen wie der «polymedialen Reproduktion im Wechsel der Generationen»
verwirren, wollen wir selbst denken. Zuerst ein wenig Empirie: Trifft
man auf interessante Menschen, auf Gründer und Beweger, erkennt man
ihnen Gemeinsames: Ihr Fernseher ist meist ausgesteckt. Sie kennen die
neueste Sitcom nicht, lesen keine Springer- oder Ringier-Blätter,
meiden Coelho & Co. Eliten nutzen Medien hoch selektiv. Sie
tauschen fleissig Bookmarks und starke Texte. Sie sind auf
perlentaucher.de abonniert. Sie informieren sich vernetzt.
Andererseits frönen diese Menschen so merkwürdigen Verrichtungen wie
Renaissance-Atlanten zu sammeln oder Blogs zu schreiben. Ihre selektive
Mediennutzung hat auch einen ökologischen Grund: Sie schonen die
knappen Ressourcen Aufmerksamkeit und Verstand. Nur weil sie den Reiz
mindern, können sie denken und handeln. Das ist eine Bedingung ihrer
Schaffenskraft, ihr Vorteil in einer permanent erregten, hyperaktiven
und depressiven Gesellschaft.
Ungebremster Konsum von Reiz-Medien verkrümmt Sinne, Kopf, Seele.
Früher dienten Medien auch dazu, die Verhältnisse zu verstehen; heute
sind sie nur noch Teil der Verhältnisse.
Hier setzt die Medienökologie an. Gewiss ist es fein, Medienpädagogik
zu treiben, etwa die Entschlüsselung von Bildern zu lernen. Ungleich
nützlicher ist es, sich den Medien selektiv zu entziehen. Und andere
Medien zu bauen.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist. Bis 2001 war er
stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandschef
der Hamburger Woche.
