Bitte mehr Scoops und Trends

Der Nachfolger der zurückgetretenen Chefredaktorin Ariane Dayer muss L’Hebdo mehr Dynamik verpassen

Der Nachfolger der zurückgetretenen Chefredaktorin Ariane Dayer muss L’Hebdo mehr Dynamik verpassenNein, nein, wehrt Gérard Geiger ab. Die Chefredaktorin von L’Hebdo, Ariane Dayer, hat keineswegs den Hut nehmen müssen, wie Deutschschweizer Medien kolportierten. Im Gegenteil: Der Chef von Ringier Romandie bedauert ebenso wie die Redaktion des Wochenmagazins die Kündigung der Chefredaktorin. Aber die Journalistin, die in Bundesbern das Handwerk der politischen Recherche gelernt hat, gilt als knallharte Macherin mit einem Charakter, der keine Kompromisse und keine Halbheiten zulässt.Als Konzernchef Michael Ringier Anfang vergangener Woche die Chefredaktorin zum Gespräch nach Zürich lud, wusste er, worauf er sich einstellen musste. Einerseits plagen ihn die rückläufigen Reichweiten seines Flaggschiffs in der Westschweiz, andererseits mochte er die profilierte Redaktorin nicht verlieren. Er bot ihr einen Posten in Brüssel an. «Non», lautete die Antwort von Dayer – die flugs ihre Kündigung aufsetzte und den Dienst quittierte.
Auch wenn Ringier kein Boulevardmagazin für die Westschweiz forderte, verlangte der Verleger vermutlich etwas mehr Anpassung an das stark veränderte Umfeld, in dem sich Newsmagazine auch in der Westschweiz behaupten müssen. L’Hebdo, das letztes Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag feierte, überrascht den Leser nicht mehr. Es fehlen die Scoops und das Gespür für Trendthemen.
Ariane Dayers Credo war es, die Leser, insbesondere die jüngeren, wieder vermehrt für Politik zu interessieren. An dieser Idée fixe durfte nicht gerüttelt werden. Erst Korrespondentin für L’Hebdo in Bern und später Ressortchefin für Politik, lag ihr dieses Thema verständlicherweise besonders am Herzen. Nur, die Thematisierung politischen Geschehens sollte einigermassen sexy herüberkommen, um vom Leser auch ohne Hochschulabschluss überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Aufbereitung der Themen, nicht nur politischer Natur, kommt im L’Hebdo spröde daher.
Dass Ariane Dayer eine feministische und linke Linie verfolgt haben soll, wurde zumindest im Magazin nie spürbar. Deshalb ist die Aktion der SP-Ständerätin Christiane Brunner auch völlig deplatziert und sinnlos. Sie rief in der Samstagsausgabe von Le Temps mit einem an eine Todesanzeige anmutenden Inserat zur Solidarität mit Ariane Dayer auf. Mitunterschrieben haben Westschweizer Politikerinnen sowie Gewerkschafts- und Kulturkreisen nahe stehende Persönlichkeiten. Im Inserat wird Ariane Dayers Einsatz für die Sache der Frau und die Minderheiten in unserem Land gelobt. Der SP-Ständerätin scheint es völlig entgangen zu sein, dass Ariane Dayer nicht vor die Tür gesetzt wurde, sondern aus freiem Willen ihren Posten abgegeben hat.
Gérard Geiger ist zuversichtlich, sehr bald einen Nachfolger für Ariane Dayer zu finden. Er habe gleich nach dem Bekanntwerden von Dayers Abgang Dutzende von Mails und Zuschriften von sehr qualifizierten Kandidaten erhalten, die ihr Interesse am Chefredaktorenposten bekundeten, meint er gegenüber der WerbeWoche. Dies wiederum signalisiere ihm, dass L’Hebdo ein offenbar immer noch begehrenswertes Produkt sei, stellt er befriedigt fest. Gerüchte, wonach Dimanche.ch oder L’Illustré mit L’Hebdo fusionieren, bezeichnet Gérard Geiger als baren Unsinn.
Anita Vaucher

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