Beliebtheit ist unnötig, Respekt genügt
Es ist nicht die Aufgabe einer Führungspersönlichkeit, beliebt zu sein. Es genügt, wenn sie respektiert wird. Und den Respekt, den sich Martin Kall in seinen zehn Jahren im Schweizer Verlagswesen erworben hat, haben anlässlich seiner Rücktrittsankündigung auch jene bekundet, die ihn nicht mögen. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.
Martin Kall kam 1996 über einen Headhunter in die Schweiz zu Ringier. Seine Lehrjahre als Verlagsmanager hatte er im Bertelsmann- Konzern durchlaufen, das sind sozusagen die «Aargauer» unter den deutschen Verlegern: bodennah, kostenbewusst, sehr rentabel und heimlifeiss in vielen Nischen gedeihend. Kall übernahm bei Ringier das Ostgeschäft, das zwar mit enormer Power aufgebaut worden war, aber chaotisch dastand. Er brachte Ordnung und Struktur hinein und fingerte den entscheidenden Vorwärtsschritt. In Ungarn konnte er von Gruner & Jahr die Mehrheit der führenden Tageszeitung übernehmen, weil sich der Bertelsmann-Konzern für RTL entschieden hatte und nach ungarischer Gesetzgebung nicht beides haben durfte: Zeitungen und TV-Stationen. Kall hat dann das Ostgeschäft von Ringier mit eisernem Besen aufgeräumt und rentabel gemacht. Er konzentrierte das Geschäft auf Boulevard-, Sportzeitungen und Frauenmagazine und richtete das System so ein, dass erfolgreiche Publikations-Typen multipliziert werden konnten. Kompromisslos verteidigte er die Kostenführerschaft seiner Objekte – Voraussetzung für eine schnelle Verbreitung und Treiber für die nötigen Investitionen im Vertrieb.
Nachdem ihn die Tamedia abgeworben hatte, lebte er nach innen seine preussischen Werte vor: Ordnung und Kostendisziplin. Nach aussen buchstabierte er der Konkurrenz den Begriff «Wettbewerb» in einem neuen Massstab vor. Mit finanzieller Stärke im Rücken baute er die Position der Tamedia aus, indem er die Gewichte immer deutlicher auf die beiden Gebiete verlagerte, die der angestammten Tageszeitung die meisten Probleme bereiteten: Online und Gratiszeitungen. Martin Kalls grosse Qualität war das Verhandeln. Die Abgesandten der Post segneten den Tag, da er seinen Rücktritt aus dem Präsidium des Verlegerverbandes erklärte und das Verhandlungsmandat für die Posttarife in andere Hände überging. Kall hatte einen fixfertigen «Plan B» in der Tasche – eine alternative Zustellorganisation der Verleger, zu der es dann aber nicht gekommen ist.
Sein Meisterstück war die Übernahme von 20 Minuten. Er baute mit dem Konkurrenzprojekt Express nicht nur eine Drohkulisse auf – er machte dieses Blatt auch wirklich startbereit. Als Redaktion und Verlag gerade die Lancierungs-Party feierten, knickten die erschreckten Finanzinvestoren, denen 20 Minuten damals gehörte, aus Angst vor einem jahrelangen Zermürbungskrieg ein und verkauften ihm das Blatt. Dass 20 Minuten zeitweise zu den rentabelsten Zeitungstiteln der Welt gehörte, war auch dem rigorosen Kostenmanagement von Martin Kall geschuldet. Und als das Projekt .ch am gleichen Kuchen zu knabbern begann, haute Hausvater Kall wieder mit dem grossen Löffel drein und dichtete mit News den Markt ab – genau so lange, bis .ch der Schnauf ausging.
Entgegen den Erwartungen der Branche verstand er sich gut mit dem tüchtigen Anwalt und Banker Pietro Supino, der neuer Verwaltungsratspräsident der Tamedia wurde. Die beiden realisierten den strategischen «Plan B»: Nachdem Tamedia lange vor ihrer Zeit – in den entscheidenden Jahren 1989/90, als Ringier in der Tschechei Cash gründete – den Einstieg ins internationale Geschäft verschlafen hatte, wollte man wenigstens Spitzenreiter auf dem überbesetzten Schweizer Markt werden. Espace Medien (Bern) und Edipresse (Lausanne) wurden übernommen. Die Regionalisierung des Tages-Anzeiger scheiterte an den missachteten «weichen Faktoren» – und endete dank List und Power am Ende doch mit der Übernahme der Zürcher Landzeitungen, womit ein wichtiges verlegerisches Ziel erreicht war: die Kontrolle über die Anzeigentarife im grössten Wirtschaftsgebiet der Schweiz.
Martin Kall erwies sich als überaus tüchtiger, loyaler Söldner mit grossem Verhandlungstalent und ausgeprägtem Killerinstinkt. Man hört, sein Nachfolger, ein Controller, sei aus ähnlichem Holz geschnitzt.
