Prämierte Esel, Strassen und Seufzer

Am Montag wurden der Zürcher Radio- und der Zürcher Fernsehpreis verliehen. Der Fernsehpreis ging an Tobi und Mike Müller für ihren Dokumentarfilm «A 1 – Ein Streifen Schweizer Strasse». Der Radiopreis wurde gleich zweimal verliehen: an Katharina Bochsler und ihr Team für eine sechsstündige Esel-Reportage, sowie an Michael Luisier, der den Zeichner Luz von Charlie Hebdo interviewte.

Katharina-Bochsler-und-Co.-Zuercher-Radiopreis

Seit 2006 findet die Preisverleihung des Zürcher Radio- und der Zürcher Fernsehpreises alle zwei Jahre im stilvollen Rahmen des Zunfthaus zur Meisen mitten in Zürich statt. Organisiert wird er von der Zürcher Radio-Stiftung. Die drei Gewinnerprojekte erhielten total 50’000 Franken Gewinnsumme.

Deren Präsidentin Ruth Halter begrüsste die zahlreichen Gäste und überliess die Bühne den musikalischen Geschwistern Küng. Diese bezeichnen ihre Musik als «innovative Appenzeller Streichmusik», was völlig zutrifft. Die Musikerinnen und der Musiker begeisterten die Gäste vom ersten Ton an. Den ganzen Abend hindurch setzten sie mit ihren Instrumenten – Violine, Cello, Kontrabass und Hackbrett – stimmige Akzente. Ruth Halter stellte die Gruppe als «voller Schwung, Heiterkeit und Poesie» vor – besser hätte sie das nicht ausdrücken können.

Geschwister-Kueng-Zuercher-Radiopreis

Verkehr kritisch beleuchtet

Den Fernsehpreis 2016 erhielten die Brüder Mike und Tobi Müller für ihren Dokumentarfilm «A 1 – Ein Streifen Schweizer Strasse». Die Ko-Produktion von Jurasüdfuss mit SRF Sternstunden wurde ausschnittweise gezeigt. In seiner Laudatio erzählte Heinrich von Grünigen, Jury- und Stiftungsratsmitglied, dass die Autobahn A 1 eine Schweizer Lebensader sei, die gleichzeitig trenne und verbinde. Alte Filmaufnahmen aus dem Jahr 1966, welche Teil des Dokumentarfilmes sind, zeigen die stolzen Leute, die damals das Band zum Asphalt der Freiheit zerschnitten – heute sind einige Leute nicht mehr nur froh über den Individualverkehr. Dies thematisiert auch Tobi und Mike Müllers Film. Er erzählt die schweizerischer Strassenbaugeschichte unterhaltsam und tiefgründig, aber auch an Kritik wird nicht gespart.

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Tobi Müller, der in Berlin lebt und von dort aus anreiste, gelangte in einer achtstündigen Zugfahrt nach Zürich. «Wenn wir einen Film über Nachhaltigkeit drehen, ist es ein bisschen schwierig, mit dem Flugzeug nach Zürich zu reisen.» Mike Müller, nie um einen träfen Spruch verlegen, erzählte, er habe es «ganz gut gefunden, meinen kleinen Bruder auf dieser Produktion anstellen zu können», da dieser selbstständig tätig sei.

Esel- und Menschenschicksale berühren

Der Zürcher Radiopreis ging gleich an zwei Projekte und ihre Macherinnen und Macher. Zum einen an Katharina Bochsler, Eva Oertli und Sara Trauffer (Foto oben) mit ihrer sechsstündigen Hommage an Esel und Maultiere. Unter dem Titel «Der Esel – der älteste Kleintransporter der Welt» konnte man auf SRF 2 Kultur «Hörpunkt» ganz viele neue Aspekte des Esel-Daseins kennenlernen.

Walter Rüegg, Jury- und Stiftungsratsmitglied, fand denn auch augenzwinkernd, dass aus seiner Sicht «sechs Stunden für einen Esel recht viel» seien, meinte aber ernsthaft, dass man denken könne, das Format sei viel zu lang – genau dadurch ermögliche es hingegen Einiges an Informationen, die man in kürzerer Zeit nicht so präsentieren könnte.

Maultiere allein unterwegs – als Schmuggelware-Transporttiere

Im Ausschnitt, den es an der Preisverleihung zu hören gab, erzählte ein Interviewpartner, dass in Ostanatolien unzählige Maultiere nur zu Schmuggelzwecken eingesetzt würden. «Die Mulis werden mit dem Schmuggelgut, etwa unverzollte Elektronik, Diesel, Benzin oder Grundnahrungsmitteln, beladen und bestreiten den Weg nach Iran oder in die Türkei in der Nacht alleine. Die Schmuggler finden es zu gefährlich, dabei zu sein.» Wie feige der Mensch doch sein kann! «Die Mulis sind so gescheit, dass sie den Weg einmal von Artgenossen begleitet gehen müssen, dann finden sie ihn auch alleine, in einer anderen Gruppe von jeweils rund zehn Mulis», so der Erzähler. Nach einigen Tagen Pause werden die Esel, mit anderem Schmuggelgut «frisch» beladen, wieder auf den Rückweg geschickt.

Die drei Frauen nahmen den Preis überglücklich entgegen. Katharina Bochsler hielt in ihrer Dankesrede fest, dass der Mensch das einzige Tier ist, welches andere Tiere zähmt. Die Gedanken dazu konnte sich jeder selbst machen. «Radio SRF 2 hat die Zeit, in die Tiefe zu gehen. Ich danke dafür, dass diesem Wunder der Teppich ausgelegt wurde – mir und den vielen Eseln und Maultieren.»

Vom Interview zum Monolog

Der zweite Radiopreis ging an Michael Luisier und seine Produktion «Katharsis – Über den Umgang mit dem Unfassbaren», die auf SRF 2 Kultur «Kontext» 24 Minuten lang zu hören war. Diese gibt ein Gespräch mit dem französischen Zeicher Luz von Charlie Hebdo wieder. Mit langen Pausen erzählt Luz von seinen Erinnerungen zum Attentat und seinen Gedanken. Der Übersetzer imitiert Luz detailtreu, inklusive dessen Seufzern und zögerlichen Aussagen. Die Sendung wirkt so sehr intim und authentisch. Monatelang bemühte sich Michael Luisier um ein Interview mit Luz. Als er dieses endlich durchführen konnte, lief es nach kurzer Zeit aus dem Ruder: Er spürte, dass er nichts mehr fragen durfte, sondern den Zeichner einfach erzählen lassen sollte. So wurde aus dem geplanten Interview ein Monolog, in welchem Luz erzählt, wie er als Erster nach dem Attentat die Redaktion vonCharlie Hebdo betrat – nur noch am Leben, weil er verschlafen hatte.

Michael-Luisier-Zuercher-Radiopreis

«Einen Moment lang dachte ich, Luz sei ein Scharlatan, als ich um fünf Uhr morgens in der Redaktion sass und an der Sendung arbeitete.» Doch eine Bekannte, die sich mit Trauerbewältigung auskenne, erklärte ihm, dass Luz genauso reagiere, wie Menschen nach einem Schock-Erlebnis, und die Glaubwürdigkeit gegeben sei.

Kriegsreporter Kurt Pelda über Fotos und ihren Missbrauch

Als Abschluss hielt Kurt Pelda, Journalist und bekannter Kriegsreporter, einen kurzen, intensiven Vortrag zum Thema «Glaubwürdigkeit herstellen im Journalismus. Die Bedeutung der sozialen Medien als Quellen». Er zeigte die ursprüngliche Herkunft von Fotos, welche in komplett falschem Zusammenhang durch die sozialen Medien gingen. Dass seine Arbeit nicht zum Lachen ist, bemerkte er nur nebenbei: «Ich muss kurz unterbrechen, weil ich ein sehr langes Passwort bei meinem Laptop habe. Ich werde nicht nur physisch bedroht, sondern auch auf virtuellem Weg versucht man mittels Hacking zu mir durchzudringen.» Die Schlussworte von Stiftungspräsidentin Ruth Halter trafen es: «Wem kann ich noch glauben? Ich denke, ich muss Sie mit diesem Gedanken in den Apéro entlassen.»

Malini Gloor

Kurt-Pelda

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