Nominiert zum «Werber des Jahres» 2025: Gordon Nemitz
Über Probleme nachzudenken ist seine Stärke. Seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, gepaart mit einer kritischen, aber optimistischen Haltung gegenüber Veränderungen, macht Gordon Nemitz, Strategiechef von Thjnk, zu einer der prägenden Stimmen der Branche.

Gordon Nemitz ist seit 2018 bei Thjnk Zürich tätig. Er ist Geschäftsführer Strategie und Mitinhaber der Agentur. Sein Weg führte ihn von Jung von Matt Hamburg über TBWA Düsseldorf, Wirz/BBDO Zürich, zu Thjnk Zürich. Seit 2023 ist er auch Chief Strategy Officer von Thjnk Germany.
m&k: Gordon Nemitz, wann haben Sie zum ersten Mal gespürt: «Werbung – respektive Kommunikation – ist das, wofür ich brenne!»?
Gordon Nemitz: In der neunten Klasse musste ich ein einwöchiges Berufspraktikum machen. Dieses habe ich in einer kleinen Kölner Werbeagentur absolvieren dürfen. Es hat mir grossen Spass bereitet, nicht nur, weil die Agentur über einem McDonald’s lag und ich mich endlich mal ohne elterliche Kontrolle durch das ganze Menü mampfen konnte, sondern vor allem, weil ich dort erstmals in die Welt der Werbung eintauchen und meiner Kreativität freien Lauf lassen konnte.
Was läuft in unserer Branche im Moment richtig gut? Und was total schief?
Wir sind in der grössten Transformationsphase, die die Branche je gesehen hat und die diese nachhaltig verändern wird. Covid war ein Accelerator für die Art und Weise, wo und wie wir miteinander arbeiten. Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zwingt uns, gelernte Denkmuster und Arbeitsweisen zu hinterfragen. All diesen Entwicklungen kann man mit Skepsis begegnen oder sie umarmen. Ich tendiere zu einer kritischen, aber grundpositiven Perspektive. Denn die Veränderungen sorgen dafür, dass wir uns weiterentwickeln – als gesamte Branche, aber auch als individuelle Persönlichkeiten. Das hat uns in der Vergangenheit bereits die Digitalisierung gezeigt, die auch eine tektonische Plattenverschiebung war. In solchen Momenten ist vor allem Flexibilität gefragt, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, neue Möglichkeiten zu entdecken und sie aktiv gestalten zu wollen. Dass wir dazu gezwungen werden, ist eine gute Sache. Worauf die Branche im Moment noch zu wenig Antworten hat, ist, wie wir auf diese neuen Gegebenheiten motivatorisch reagieren. Wie umarmen wir die neuen Möglichkeiten und bleiben dabei gleichzeitig handlungsfähig? Zu sehr wird diskutiert, wie wir die Menschen zurück aus dem Homeoffice bekommen, statt eine Kultur zu schaffen, zu der man gerne beitragen möchte. Zu sehr fokussieren wir auf die Effizienzsteigerung von KI, statt eine Diskussion um den Wert von Kreativität zu führen.
Wer oder was kann Sie inspirieren?
Nichts und niemand bietet mir garantierte Inspiration. Aber somit auch alles und jede:r. Da hilft nur: Mit offenen Augen durch die Welt gehen. Nichts für selbstverständlich nehmen. Einfach zuhören und beobachten, und zwar so viel wie möglich. Egal, ob im CEO-Meeting oder an der Kaffeemaschine. Egal, ob im Tram oder an der Migros-Kasse. Egal, ob beim Streiten über Hausaufgaben oder bei harmonischen Spieleabenden. Alles das hinterlässt Erfahrungssplitter, Gedankenanstösse und Reflektionsmöglichkeiten, aus denen grosse Strategien und Ideen wachsen können.
Nichts und niemand bietet mir garantierte Inspiration. Aber somit auch alles und jede:r.
Was sind Ihre Stärken? Und wo überlassen Sie lieber anderen das Feld?
Als ich – noch während des Studiums – als Freelancer gearbeitet habe, kam mir irgendwann dieser überraschende Gedanke, dass mich Agenturen dafür bezahlen, dass ich über ihre Kundenprobleme nachdenke. Aber das scheint in gewisser Weise meine Stärke zu sein: Komplexe Sachverhalte schnell zu verstehen, Lösungsmöglichkeiten zu erkennen und diese anderen Menschen einfach zugänglich zu machen. Ein zusätzlich handfesteres Skill-Set sind meine IT-Kenntnisse, die Thjnk in den vergangenen Jahren auch immer mal wieder zu Gute gekommen sind.
Auf welche Arbeit aus dem vergangenen Jahr sind Sie besonders stolz?
Es gibt nicht die eine Arbeit, auf die ich besonders stolz bin. Stattdessen schaue ich immer wieder eher ungläubig auf das, was wir mit der gesamten Agentur ganz allgemein über die letzten Jahre, und im Speziellen im letzten Jahr, erreicht haben. Unsere Erfolge in Pitches, beim ADC und Effie sind meines Erachtens gute Zeichen dafür, dass wir mit einer gewissen Konstanz gute Arbeit leisten. Und darauf bin ich wohl am meisten stolz.
Was halten Sie für Ihre beste Idee, die niemals realisiert wurde?
Eine Kampagne für WC-Reiniger, die das Örtchen als letztes persönliches Refugium im stressigen Familienleben feiert.
Der bisher schwierigste Entscheid Ihrer Karriere? Und der Beste?
Der schwerste Entscheid war gleichzeitig auch der Beste: Vor sieben Jahren der sicheren Beständigkeit einer Grossagentur den Rücken zu kehren und bei Thjnk in einer Kutschengarage anzuheuern.
Für wen würden Sie – unabhängig von Budgets oder Geographie – mal so richtig gerne werben?
Es gibt keine Marke, die ich bevorzugen würde. Mir geht es mehr darum, die Chance zu haben, Marken aktiv mitgestalten zu dürfen und zu können. Daher vielleicht eher Challenger Brands, als solche, die ihr Markenkapital nur gut verwaltet wissen wollen. Und wenn ich da auf die Unternehmen schaue, mit denen ich gerade arbeiten darf, bin ich recht zufrieden. Ausser natürlich für Rockstar Games, aber einzig und allein aus persönlichem Interesse als Gaming-Nerd. Bei Branchen bin ich ein bisschen offener. Ich durfte in der Vergangenheit viel für FMCG arbeiten und das vermisse ich ein bisschen. Aber auch Luxury Goods können spannende Herausforderungen bieten.
Welches Bild hat Ihrer Meinung nach die Öffentlichkeit von der Branche?
Das Bild der Branche ist geprägt von dem Produkt, das wir der Öffentlichkeit präsentieren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir sehr oft als störend bis manipulativ wahrgenommen werden. Das zeigen auch die Diskussionen um Werbe- und Plakatierungsverbote. Wenn man es hart formulieren möchte, könnte man sagen, dass die Branche mit ihrer Arbeit die eigene Existenzberechtigung in der Hand hält. Im negativen wie im positiven Sinne. Denn Werbung schafft es ja auch immer wieder, Menschen emotional zu berühren, zu begeistern und zu unterhalten. Und das sind eigentlich die Momente, die wir öfter schaffen sollten. Das lässt sich vor allem dann erreichen, wenn Agenturen und Auftraggeber:innen einerseits die Bedürfnisse der Menschen im Blick und andererseits ein geteiltes Verständnis von guter Kommunikation haben.
Zu sehr fokussieren wir auf die Effizienzsteigerung von KI, statt eine Diskussion um den Wert von Kreativität zu führen.
Glauben Sie an Vorbilder oder Mentor:innen? Wer wäre das für Sie?
Wir Menschen lernen immer aus Erfahrungen und Beobachtungen. Diese können dabei sowohl positiv als auch negativ sein. In meiner Karriere hatte ich nie die eine Person, die sich mir angenommen und mich gefördert hat. Stattdessen gab es immer wieder «Arbeitsabschnittsgefährt:innen», die mich geformt und zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Statt also eine Person gesondert zu nennen, möchte ich mich lieber bei all diesen für die gemeinsame Zeit bedanken: Ihr wisst, wer ihr seid.
Was bedeutet es für Sie, für den Titel «Werber des Jahres» nominiert zu sein?
Da spreche ich wohl aus, was alle Nominierten vor mir und auch meine Mit-Nominierten bestimmt fühlen: Es ist eine sehr grosse Ehre. Und natürlich würde ich mich noch mehr freuen, wenn es dann sogar zum Titel kommen würde. Aber ich glaube, dass es meine Mit-Nominierten mindestens genauso verdient hätten.
Die wichtigste Frage zum Schluss: Vervollständigen Sie bitte den folgenden Satz: «Als Werber des Jahres würde ich …»
Als Werber des Jahres würde ich versuchen, die Menschen wieder für unsere Arbeit zu begeistern. Damit mehr junge Menschen den Weg in die Branche finden. Damit mehr Marketeers unsere kreative Leistung wertschätzen. Und damit die Öffentlichkeit sich nicht ärgern muss, wenn sie Werbung zu Gesicht bekommt.
Kampagnen Gordon Nemitz
Frey-Kampagne mit Rowan Atkinson, Chocolat ohne Tralalla
Sunrise – Im Lift mit Roger Federer und Marco Odermatt
Ochsner Sport für die Olympischen Spiele in Paris
Neben Gordon Nemitz sind auch Lorenz Clormann von Wirz und Philipp Skrabal von Farner für den Titel «Werber des Jahres» 2025 nominiert. Mehr Informationen zum Preis sowie zur Wahl gibt es hier.
