Aus der Hüfte mitten ins Herz

Aufgefallen Medien neigen zu Schnellschüssen und Vorverurteilungen unter Umkehr der Beweislast. Betroffene reagieren mit Verweigerung, Eigen-PR oder Herstellung von Gegenöffentlichkeit.

Kolumne Medien neigen zu Schnellschüssen und Vorverurteilungen unter Umkehr der Beweislast. Betroffene reagieren mit Verweigerung, Eigen-PR oder Herstellung von Gegenöffentlichkeit.Wahr und wichtig wirkt zunehmend nur noch das, was öffentlich wahrgenommen wird. Wer oder was die kollektive Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet, entscheidet heute primär der Medienbetrieb. Publikumsmedien sind die postmodernen Protokollführer, Horchposten, Lautsprecher, aber auch Richter und Henker unserer Zeit. Diese Machtfülle hat den Medien in modernen Demokratien – die beschrieben werden können als Herrschaft des Publikums über die mediale Wahrheit – den Ruf als vierte Gewalt im Staate eingebracht.Wie und wozu Medien in der Aufmerksamkeitsgesellschaft ihre Autorität einsetzen, wird nicht nur fleissig erörtert, sondern auch vielseitig beklagt. Dies keineswegs nur von Menschen, die an den virtuellen Pranger gestellt wurden. Die mediale Schadensbilanz reicht weiter und gründet tiefer. Denn die Art, wie Medien heute Macht ausüben, ist mit publizistischen Faux pas untrennbar verbunden, hat Kehrseiten, die dem Medienbetrieb gewissermassen inhärent sind.
System haben in diesem Sinne vorab zwei Kategorien von Fehlleistungen. Zum einen rapportieren und interpretieren Journalisten Wirklichkeit immer nur selektiv, also lückenhaft, vorausgewählt und damit letztlich subjektiv. Zweitens greifen Medienmacher als selbst ernannte Wächter über die öffentliche Moral verstärkt zur Waffe des Empörungsjournalismus. Allzu häufig aber bringt solch künstliche Entrüstung eine Vorverurteilung und die Umkehr der Beweislast mit sich: Bis zur öffentlich gemachten Feststellung des Gegenteils gelten angeklagte Funktionsträger als schuldig. Und weil eingehende Abklärungen viel Zeit beanspruchen, sind einmal angeschossene Amtsinhaber Job und Ehre oft genug auch dann los, sollten sich die Vorwürfe hernach als stark übertrieben oder gar haltlos erweisen.
Jüngstes, aber gewiss nicht letztes Medienopfer ist der wegen Korruptionsverdachts um Amt und Würden geschriebene ehemalige Bündner Regierungsrat Peter Aliesch. Wohl haben das spätere Strafverfahren die inkriminierten Einladungen und Geschenke als nicht relevant taxiert und das Bundesgericht hat unlängst sogar die ihm dennoch auf-erlegten Verfahrenskosten als rechtswidrig beurteilt. Den Leuten aber, die die «Affäre Aliesch» überhaupt erst zu einer solchen aufgebauscht hatten, war beides nur noch wenige Zeilen wert.
Solche Unterlassungen wie schon die vorausgegangenen Vorverurteilungen zeitigen nun allerdings Konsequenzen, die nicht nur dem Grundauftrag der Medien (Herstellung von Öffentlichkeit, Kontrolle der Mächtigen) diametral widerspricht, sondern auch deren Glaubwürdigkeit und Bedeutung langsam, aber sicher unterminiert. Dazu gehört auch die zunehmende Weigerung fähiger Personen, sich überhaupt noch für öffentliche Funktionen zur Verfügung zu stellen. Als Form des Widerstands gegen die Medienwillkür müssen aber auch die schweren PR-Geschütze taxiert werden, mit denen Politiker und Manager auf die fahrlässige und häufig fatale Verkürzung komplexer Wirklichkeit durch die Medien reagieren und so versuchen, diese sich selbst dienstbar zu machen. Ähnlich muss schliesslich auch die steigende Popularität von Corporate Publishing und anderen Formen der Binnenkommunikation gedeutet werden: nämlich als ernsthafte Bemühungen zur Herstellung kleiner, aber wichtiger «Gegenöffentlichkeiten» jenseits des medialen Meinungs-Mainstreams.
Die vierte Gewalt im Staat gerät oft in die Rolle des Richters und Henkers.

> Kenneth Angst war in den Chefredaktionen von NZZ und Weltwoche und ist heute selbstständiger Berater für Public Affairs.

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