Aufgespiesst: Baby, Baby, Ballaballa
Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über die neue Faszination Frauenfussball.
Frauen und Fussball, das geht ja gar nicht, fand 1955 Sepp Herberger, der Chef der deutschen Fussball-Nationalmannschaft (der Herren). In jenem Jahr verbot der Deutsche Fussball Bund ihm angeschlossenen Vereinen, Frauenabteilungen zu gründen und Sportstätten für Frauen zur Verfügung zu stellen. Die Begründung: «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.» Aha. Dabei hatten britische Damen bereits 92 Jahre zuvor begonnen, Fussball zu spielen. Am 23. März 1895 verfolgten mehr als 10 000 Zuschauer den ersten Match des ersten britischen Frauen-Fussballteams «British Ladies». Dabei trugen die Spielerinnen Hüte und Röckchen über Knickerbockern. Eigentlich ganz apart.
Die kickenden Damen stehen inzwischen nicht mehr im Abseits. 1972 wurde die Schweizer Fussballnationalmannschaft der Frauen gegründet, seit 1991 gibt es eine Frauenfussball-WM. Emanzipiert haben sich auch die Damen, die ihren Geschlechtsgenossinnen gern beim Stossen des Kugelleders zuschauen. Wurden sie noch vor wenigen Jahren (Wochen) verlacht oder zu Kampfemanzen erklärt, gehört es nun auf einmal zum guten Ton, Frauenfussball zu schauen.
Quotenkick durch Senioren
Es sind aber weder die Kickerinnen, noch ihre Zuschauerinnen, die im Zusammenhang mit der Frauenfussball-WM für Überraschungen sorgen. Denn Frauen haben über kurz oder lang schon immer bekommen, was sie wollten, war der Widerstand der Männer auch noch so gross: Hosen anziehen, rauchen, Haare kurz schneiden, arbeiten gehen, Bier trinken, keine Kinder bekommen. Und eben auch Fussball spielen.
Erstaunen wecken diesmal die Herren der Schöpfung: Aus einer Auswertung von Media Control geht nämlich hervor, dass mehr als die Hälfte derer, die bei der Frauenfussball-WM vorm Bildschirm hängen, Männer sind. Beim Spiel der deutschen Damen gegen die Kanadierinnen waren das immerhin 8,2 Millionen. Männer. Vor allem den älteren Herren ab 65 Jahren haben es die Kickerinnen angetan: In dieser Zuschauergruppe liegt der Marktanteil bei über 79 Prozent. Donnerwetter! Haben die Altvorderen ihre Fernsehbrille verlegt und gar nicht bemerkt, dass es Menschen mit zwei X-Chromosomen sind, die hier bolzen? Sitzen die Graumelierten begeistert vor der Kiste und denken: «Hach, das könnte meine Erika sein!»? Oder schätzen sie es, ein Fussballspiel anzuschauen, ohne dass die Akteure aufs Spielfeld rotzen? Vermutlich ist es die Faszination des Abartigen, die hier durchschlägt. Ein wenig wie 1895: «Damen, die Fussball spielen? Das muss ich sehen!» Frauen schauen schliesslich auch hin, wenn das Fernsehen eine Reportage über shoppende Männer zeigt.
Jung kickt gut
Allerdings erliegen auch jüngere Männer der Magie der Fussballerinnen, obwohl sie Kraft ihrer späteren Geburt von der Damenwelt schon einiges gewohnt sein sollten. Wie aus gut informierten Kreisen verlautet gibt es sogar Typen, die in Kaffeeküchen grosser Unternehmen voller Ingenieure die Ergebnisse der Frauenfussball-WM aushängen. Und das nicht heimlich vor Dienstbeginn, sondern während der Kaffee-Hauptverkehrszeit, unterzeichnet mit ihrem Namen. Ehrlich gesagt: Mir sind solche Männer unheimlich.
Vielleicht entsteht die Anziehungskraft der Frauenfussball-WM ja durch das Outfit der Spielerinnen. Frei nach dem Motto: «Wer scharf aussieht, schiesst auch schärfer.» Mit diesem Slogan macht Nike derzeit nicht nur Lust auf seine Sportklamotten, sondern auch auf die Fussballerinnen. Als Testimonial der Kampagne schaut die deutsche Fussball-Nationalspielerin Fatmire Bajramaj in die Kamera, grimmig und mit rot lackierten Krallen. Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Die Schöne wird zum Biest. Das finden Männer natürlich super.
Ballaballa? Ne, denn Frauenfussball funktioniert. Erstens fussballerisch: Denn die Damen kicken gar nicht so übel. Zwar wummst es beim weiblichen Tritt an den Ball weniger als bei den Männern, aber die Fussballerinnen gewinnen trotzdem mehr Spiele. Vielleicht könnte die Schweizer Nati ja mal zuschauen … autsch, ich hab nichts gesagt. Zweitens werbetechnisch: Die Sponsoren der Frauenfussball-WM können sich freuen. Denn 40 Prozent der WM-Zuschauer erinnern sich an die Unterstützer der Kickerinnen. Eine stattliche Quote.
Meine These: Der Zauber der Ball-Elf(en) hat schlicht damit zu tun, dass Männer Frauen gern in Aktion sehen – am liebsten vom Sofa aus mit einem Bier in der Hand: beim Putzen, beim Kochen oder eben beim Fussballspielen.
