«Oper ist von allem zu viel» – Interview mit Intendant Matthias Schulz
Mit Making of-Video: Matthias Schulz’ Blick auf die Oper ist zugleich leidenschaftlich und pragmatisch. Der neue Intendant vom Zürcher Opernhaus sieht sie als gesellschaftlichen Resonanzraum, als Ort für Menschlichkeit im Zeitalter der Algorithmen. Und als Beweis dafür, dass Unvollkommenheit manchmal das Schönste ist, was wir haben.

Es ist später Vormittag, auf der Bühne wird gehämmert, in den Fluren saugt die Equipe die roten Teppiche. Im oberen Foyer aber ist es still – nur aus der Ferne dringt das Rauschen des Verkehrs durch das bullaugen-artige Fenster. Matthias Schulz, seit Sommer 2025 Intendant, wirkt ruhig, heiter. Man spürt, dass er die Spannung zwischen Kunst, Ökonomie und Öffentlichkeit kennt – und liebt. Wir sprechen über die Oper als Spiegel der Gesellschaft, über Fussball, Effizienz, künstliche Intelligenz und die Frage, warum gerade das Unperfekte uns berührt.
m&k: Herr Schulz, Sie haben einmal gesagt, Fussball und Oper hätten erstaunlich viel gemeinsam. Das klingt nach einer gewagten These.
Matthias Schulz: Ich bin in Bayern auf-gewachsen, da ist der FC Bayern so etwas wie ein zweites Zuhause. Wenn man sich ein Spiel ansieht, erkennt man, wie raumgreifend das ist – Dramen, Emotionen, Geschichten in Echt-zeit. Ein Stürmer verletzt sich, die Fans diskutieren, es entstehen kleine Pausen, in denen man nachdenken kann. Das erinnert mich sehr an die Oper: Auch sie ist eine Projektionsfläche für unsere Gefühle. Beides sind Orte der Begegnung – und gerade das brauchen wir heute wieder dringend.
Weil wir verlernt haben, miteinander zu fühlen?
Vielleicht, ja. Wir sind von Bildschirmen umgeben, alles wird schneller, effizienter, messbarer. Aber Fussball und Oper sind Bastionen echter Unvorhersehbarkeit. Da darf etwas schiefgehen, jemand kann patzen oder triumphieren. Dieses Irrationale, dieser Rest des Unerklärlichen – das ist die Magie. Und das ist zutiefst menschlich.
In Ihrem Beispiel steckt auch ein gesellschaftliches Argument: Die Oper als Ort der Demokratie.
Genau. Wo sonst erleben so viele Menschen gemeinsam etwas, das nicht planbar ist? Man sitzt nebeneinander, teilt Momente von Schönheit, Scheitern oder Überwältigung. Jeder und jede hat eine eigene Meinung zum Erlebten und kann diese frei äussern. Das schweisst zusammen. Solche Begegnungsräume sind essenziell – sie halten eine Gesellschaft lebendig.
In der Wirtschaft gilt Effizienz als Tugend. In der Kunst klingt das fast wie ein Schimpfwort. Wie sehen Sie das?
Kunst darf verschwenderisch sein – aber nicht gedankenlos. Wir planen mit grosser künstlerischer Freiheit, ohne zuerst an Zahlen zu denken. Aber da-hinter muss ein effizienter Apparat stehen, sonst funktioniert das System nicht. Hinter der Bühne herrscht betriebswirtschaftliche Präzision, damit vorne der Zauber entstehen kann. Es ist wie beim Orchester: Jeder Ton zählt, aber erst im Zusammenspiel entsteht das Ganze.
Sie sprachen einmal von der «Wiederentdeckung der Langsamkeit» in der Oper. Ein schöner Gegensatz zu KPI-getriebenem Marketing.
Ja, Oper ist das Gegenteil. Sie verlangt, dass man sich einlässt, dass man drei Stunden lang mitgeht. Diese Konzentration, dieses Eintauchen in eine andere Welt – das ist fast ein Luxusgut geworden. Viele spüren das und kommen genau deswegen. Sie suchen nicht Effizienz, sondern Echtheit.
Sie sagen: Kunst darf verschwenderisch sein. Aber Zürich ist ja auch ein teures Pflaster. Wie viel Idealismus verträgt ein subventioniertes Haus?
Ein Opernhaus muss sich natürlich rechtfertigen. Wir arbeiten mit öffentlichen Geldern und sind uns dieser Verantwortung sehr bewusst. Aber: Wenn das Ergebnis Menschen berührt, wenn es kulturelle Identität stiftet, dann ist das keine Ausgabe, sondern eine Investition. Kunst ist kein Luxus, sondern Teil des gesellschaftlichen Grundraums.
Wie viel Einfluss hat die Digitalisierung auf diesen Grundraum?
Einen enormen. Wir alle leben digital, und wir müssen digitale Kommunikationsformen exzellent nutzen – aber mit einem Ziel: Menschen ins Haus zu locken, damit sie etwas erleben, das völlig analog ist. Die Digitalisierung soll nicht die Oper ersetzen, sondern sie zugänglicher machen.
Und die Künstliche Intelligenz? Fluch oder Segen für die Kunst?
Beides. KI kann Prozesse effizienter machen – Dienstpläne, Organisation, Übersetzungen. Sie kann auch Inspiration liefern, etwa bei Bühnenbildern oder Lichtkonzepten. Aber sie ersetzt keine künstlerische Handschrift. KI kombiniert vorhandene Muster, sie nivelliert. Das Ergebnis ist oft makellos – und langweilig. Eine perfekte Puppe ist selten attraktiv. Kunst lebt von Brüchen, vom Menschlichen, vom Risiko.
Sie haben gesagt: «Oper entsteht nicht im Homeoffice.» Das klingt nach einem Bekenntnis.
Absolut. Oper ist körperliche Höchstleistung. Sängerinnen, Musiker, Techniker – sie alle sind im gleichen Raum, atmen denselben Rhythmus. Das kann man digital nicht reproduzieren. Wenn eine Stimme den Raum füllt, wenn 70 Instrumente mitschwingen, spürt man das physisch. Das ist die Essenz von Live-Kunst.
Wie erreicht man damit eine Generation, die lieber TikToks schaut?
Indem man ihr zeigt, dass das kein Widerspruch ist. Junge Menschen suchen genauso wie alle anderen nach Emotion, nach Wahrheit. Aber sie brauchen einen Zugang. Wir arbeiten mit Schulen zusammen, gründen ein Kinderopernorchester mit 36 Musikschulen im Kanton, veranstalten einen Opern-Kinotag in 20 Kinos. Und wir öffnen neue Räume: In Oerlikon entsteht in einem Ex-Kino ein Musiktheaterlabor – ein Ort für Experimente, Improvisation, Unfertiges. Dort kann man Oper hautnah erleben.
Das klingt fast nach «Oper für alle».
Das ist tatsächlich unser Ziel. Wir erweitern übrigens auch das bekannte Format auf drei Tage: eine Opernübertragung, ein Ballettabend und ein Livekonzert auf dem Sechseläutenplatz. Dazu Volksvorstellungen zu günstigen Preisen. Niemand soll sagen können: «Ich kann es mir nicht leisten.» Oper ist kein Elitenprojekt.
Sie waren acht Jahre Intendant der Staatsoper Berlin. Wie war der Wechsel?
Berlin war eine Schule der Extreme – ein Haus im Umbau, Diskussionen um Führungsstile, um gesellschaftliche Themen. Ich könnte eine Netflix-Serie daraus machen: House of Opera. (lacht) Aber es war eine tolle Zeit und unglaublich lehrreich. Zürich ist anders: konzentrierter, präziser. Hier kann man langfristiger denken, künstlerisch gezielter planen – und gleichzeitig gesellschaftlich relevant bleiben.
Sie haben dort den Start von der Pandemie miterlebt. Gibt es Momente, die Sie besonders geprägt haben?
Ja. In Berlin, kurz bevor der Lockdown kam, spielten wir Carmen – und wussten, dass es vielleicht die letzte Vorstellung sein würde. Innerhalb von zwei Tagen organisierten wir mit dem RBB eine Liveübertragung. 200 000 Menschen sahen zu. Dieses Gefühl, in einer Krisenzeit etwas Gemeinsames zu schaffen, das trage ich bis heute mit mir.
Apropos gemeinsam: Wie integriert sich Ihre Familie in Zürich? Sie haben fünf Kinder, richtig?
Richtig, zwischen 25 und 13 Jahren. Drei haben ihr Abitur gemacht, zwei gehen hier zur Schule. Solche Wechsel sind immer herausfordernd, aber auch bereichernd. Mein Sohn spielt Was-serball und war sofort in einem Verein, meine Tochter gewöhnt sich ans Schwyzerdütsch. Ich selbst bin ohne-hin ständig zwischen Welten – beruflich und privat.
Hat die Musik zu Hause denselben Stellenwert wie im Beruf?
Absolut. Alle Kinder spielen ein Instrument – Cello, Geige, Bratsche, Klavier. Wir könnten theoretisch ein Familienquintett gründen. (lacht) Ich finde, Musikunterricht ist eine der besten Schulen fürs Leben. Er fördert Konzentration, Empathie und Disziplin. Und er zeigt: Schönheit entsteht, wenn man sich auf etwas einlässt.
Sie selbst sind Pianist und Volkswirt. Eine ungewöhnliche Kombination.
Ich fand beides faszinierend: die emotionale Tiefe der Musik und die ana-lytische Klarheit der Ökonomie. Das hilft mir heute sehr. Ein Opernhaus ist ja auch ein komplexes System – man muss künstlerisch träumen können und gleichzeitig strukturiert handeln. Leidenschaft und Sachverstand schliessen sich nicht aus.
In einem Ihrer Zitate heisst es: «Oper ist von allem zu viel.» Was meinen Sie damit?
(lacht) Ja, Oper ist tatsächlich ein emotionales Monstrum. Alles kommt zusammen: Musik, Schauspiel, Bühne, Architektur, Handwerk, Leidenschaft. Manchmal ist es fast zu viel, man kann es kaum aushalten – aber genau das macht sie so wichtig. Unsere Gesellschaft braucht solche Orte, an denen alles gleichzeitig passiert. Sie sind wie ein Hochdruckkessel für Gefühle.
Das klingt fast politisch.
Ist es auch. Kulturinstitutionen sind Identitätsanker. Sie prägen das Selbstverständnis einer Stadt. Zürich wäre ohne Opernhaus, Ballett und Theater nicht dieselbe Stadt. Studien zeigen übrigens, dass Menschen lieber in einer kulturell reichen Umgebung leben – selbst, wenn sie gar nicht regel-mässig hingehen. Kultur macht eine Stadt lebenswert und zieht Talente an. Das ist nicht nur schön, das ist auch ökonomisch klug.
Womit wir wieder bei der Effizienz wären.
(lacht) Genau. Aber eben: Effizienz darf kein Selbstzweck sein. Sie muss der Kreativität dienen. Wir brauchen in der Kunst kalkulierte Risiken. Oper ist immer ein Risiko – 200 Menschen ar-beiten an einem Abend zusammen, und alles kann passieren. Aber wenn man sich nicht traut, verliert man die Spannung.
Mut und Risiko – das erinnert an Mozart.
Ja, Mozart ist für mich das Paradebeispiel kreativer Intelligenz. Er hat ständig Erwartungen gebrochen, Hörer irritiert, überrascht. Seine Musik wirkt geordnet, ist aber hochgradig subversiv. Das ist wahre Kreativität: nicht zerstören, sondern weiterdenken. Erwartungen bewusst brechen, ohne das Publikum zu verlieren. Das wünsche ich mir auch für unser Haus.
Wenn Sie an Ihre Arbeit hier denken – was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Dass die Menschen spüren, dass die Oper für sie da ist. Dass sie sich eingeladen fühlen, hineinzukommen, zuzuhören, mitzudenken. Ich möchte, dass das Opernhaus Zürich ein Ort bleibt, an dem man über sich selbst staunen kann. Und dass wir den Mut behalten, immer wieder das Unvorhersehbare zuzulassen – so wie beim Fussball. (lacht)
Und wenn Sie sich doch festlegen müssten: Ihre Lieblingsoper?
Die nächste Premiere! Aber wenn Sie mich jetzt wirklich zwingen – Don Giovanni. Weil sie alles enthält: Liebe, Macht, Moral, Komödie, Abgrund. Ein Stück, das uns zeigt, wie menschlich wir sind. Und für das 20. Jahrhundert: Saint François d’Assise von Olivier Messiaen – das ersetzt jedes spirituelle Bedürfnis, hat eine unglaubliche Kraft.
Herr Schulz, danke für das Gespräch.
Ich danke Ihnen. Es war wie eine gute Probe – ein bisschen Risiko, viel Emotion und hoffentlich ein schöner Klang am Ende.


