«Tappt nicht in die ‚KI-Kunst-Falle ‚»

Nicht jedes per KI erstellte Bild ist schon Kunst, meint Kate Vass, Gründerin der gleichnamigen Galerie in Zürich. Die international bekannte Kuratorin und Sammlerin für digitale und generative Kunst, rät Künstler:innen, eine spannende Fragestellung in ihren Werken zu entwickeln statt einen blossen Workflow.

Beispiel aus der Galerie von Kate Vass.
Beispiel aus der Galerie von Kate Vass.

m&k Künstliche Intelligenz wird häufig als neues kreatives Werkzeug beschrieben. Ist es sogar schon auf dem Weg ein eigenes künstlerisches Medium zu sein – vergleichbar mit der Fotografie oder dem Film?

KATE VASS Das sehe ich nicht so. Ein Medium besteht aus vielen einzelnen Rahmenbedingungen, mit denen sich ein Künstler auseinandersetzt. Entscheidend ist dabei nicht das Werkzeug, sondern ob eine kontinuierliche künstlerische Praxis dahintersteht. Künstliche Intelligenz, insbesondere in Form der heute bekannten Bildgeneratoren, verhält sich eher wie ein unendlicher Neuheitsgenerator als wie ein Medium mit eigenen Regeln. Die spannende Frage ist daher nicht, ob die generative Technologie Kunst schaffen kann, sondern welche Art von Kunst sie hervorbringt. Insofern kann KI durchaus als Medium funktionieren, ähnlich wie eine Kamera, für Künstler, die eine echte, fortlaufende Auseinandersetzung damit aufbauen. Für das meiste, was öffentlich als «KI-Kunst» zirkuliert, ist sie jedoch eine Produktionsabkürzung und kein Medium, weil im Bild keinerlei Absicht, Kontext und Geschichte steckt.

Sprechen wir von der Kunst, bei der sich Künstler wirklich mit KI auseinandersetzen: Wie hat sich die Wahrnehmung von KI-generierter Kunst in den vergangenen Jahren verändert? Beobachten Sie heute mehr Akzeptanz bei Sammlern, Museen und Galerien?

KI-Werke erhalten öffentlich und marktseitig grosse Aufmerksamkeit. So verkaufte Christie’s 2018 das Werk Portrait of Edmond de Belamy für über 400 000 Dollar und führte 2025 mit «Augmented Intelligence» die erste rein der KI-Kunst gewidmete Auktion durch. Doch dieser Trend verdeckt, wie weit die ernsthafte künstlerische Praxis diesem Moment tatsächlich vorausging. Der Künstler Mario Klingemann etwa arbeitete bereits fast ein Jahrzehnt, bevor Bildgeneratoren wie Midjourney ein Massenpublikum erreichten, intensiv mit neuronalen Netzen und GANs, also der KI-Technologie der Generative Adversarial Networks. Diese Entwicklung macht deutlich, dass KI-Kunst nicht mit der Technologie von ChatGPT begann, mit der die meisten Menschen erst vor einigen Jahren in Berührung gekommen sind. Auf der anderen Seite war Kunst immer etwas Neues und daher knapp – und damit eben auch wertvoll. Das verändert sich mit Künstlicher Intelligenz natürlich: Ständig entsteht Neues, und das mehr oder weniger gratis.

Bilder: Kate Vass Galerie
Bilder: Kate Vass Galerie

Das schmälert dann auch ihren Wert?

Knappheit ist nicht mehr das entscheidende Parameter. Der Wert von Kunst bewegt sich heute dorthin, was Maschinen weiterhin schwer nachahmen können. Das sind eine kontinuierliche künstlerische Praxis, eine konzeptionelle Schlüssigkeit, eine Herkunftsbestimmung, eine nachweisbare menschliche Intention sowie letztlich auch die institutionelle Anerkennung. Sammler und Kunsthäuser sind gegenüber KI-Kunst im Allgemeinen nicht akzeptierender geworden, sondern selektiver darin, welche KI-bezogene Praxis sie ernst nehmen. Ausschlaggebend dabei ist diese feine Trennlinie zwischen Künstlerinnen und Künstlern, die KI als echte Forschungsfrage nutzen, und Menschen, die einfach nur mit einem kommerziellen Modell Bilder erzeugen.

Welche Rolle spielt der Mensch im kreativen Prozess: Wo endet die Arbeit der KI und wo beginnt die eigentliche künstlerische Leistung des Künstlers?

Das ist im Grunde ein klassisches Arthur-Danto-Problem, also die Frage, warum ein Kunstwerk und ein äusserlich identischer Alltagsgegenstand dennoch unterschiedliche Bedeutungen und einen unterschiedlichen Kunststatus haben können. Zwei visuell identische Bilder können völlig unterschiedliche Bedeutungen tragen, abhängig von Kontext, Intention und Urheberschaft – das Erscheinungsbild allein entscheidet nichts. Dafür gibt es inzwischen experimentelle Bestätigung. Allein die Information, dass ein Bild KI-generiert ist, verändert, wie Betrachter es bewerten, obwohl sich an den Pixeln nichts geändert hat. Der Beitrag des Künstlers liegt also nicht im Bild selbst, sondern in allem, wovon laut dem Philosophen Arthur Danto Bedeutung abhängt. Darunter etwa die Interpretation, die Zielsetzung, die Entstehungsgeschichte sowie der Zusammenhang, in dem das Werk gezeigt wird. Konkret bedeutet das: die konzeptionelle Fragestellung, die Kuratierung der Ergebnisse und zunehmend auch die fortlaufende soziale Infrastruktur wie Community, Dokumentation und künstlerische Präsenz, die inzwischen als untrennbar vom Werk selbst behandelt wird. Die Skulpturen der Dichterin und Künstlerin Sasha Stiles aus Neon und Poesie machen das greifbar: Die KI wird als ihre Co-Autorin genannt, doch die Bedeutung des Werks hängt vollständig von ihrer Interpretation, ihrer Bearbeitung und dem physischen Objekt ab, das sie daraus geschaffen hat.

Ein Beispiel der Kunst aus der Galerie von Kate Vass.
Ein Beispiel der Kunst aus der Galerie von Kate Vass.

Viele KI-Modelle werden mit riesigen Datenmengen trainiert. Welche Verantwortung tragen Künstler, Galerien und Technologieunternehmen aus Ihrer Sicht im Umgang mit Urheberrechten, Transparenz und ethischen Fragestellungen?

Ob es eine alleinige Urheberschaft gibt, wird häufig bezweifelt – und das bei allen Werken. Der französische Philosoph Michel Foucault bezeichnete Urheberschaft als einen «Sortiermechanismus», um deutlich zu machen, dass die gesamte Vorstellung des einzigen und alleinigen Schöpfers auf einer blossen Vorstellung beruht. Besonders relevant ist dabei, dass Werkstätten während der Renaissance kollaborativ arbeiteten, was das sogenannte «einsame Genies» als reine Überlieferung entlarvt. Das Training der KI macht diese Fiktion nun strukturell offensichtlich, weil ein Modell buchstäblich unattribuierte kollektive Arbeit ist, die ein einzelnes Ergebnis hervorbringt. Dieses Zusammenspiel definiert die Verantwortlichkeiten neu: Technologieunternehmen schulden Transparenz über ihre Trainingsquellen, die aktuellen Rechtsstreitigkeiten – Getty Images gegen Stability AI, The New York Times gegen OpenAI und Microsoft – bringen im Grunde genommen genau diese Annahme der «kollektiven Hand» vor Gericht. Künstler schulden Offenlegung, insbesondere da das Publikum auf Urheberschaft pocht, bevor es ein Bild überhaupt betrachtet. Und Galerien sowie Plattformen schulden echte Sorgfaltspflicht. Dabei geht es nicht darum aufzuzeigen, worin der tatsächliche urheberische Beitrag eines bestimmten KI-Künstlers besteht, statt alles in eine undifferenzierte Kategorie namens «KI-Kunst» zu pressen. Denn genau das ist derzeit eines der frustrierendsten Missverständnisse in diesem Bereich.

KI verändert nicht nur die Kunst, sondern auch Design, Werbung und Markenkommunikation. Verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst und kommerzieller Kreativität zunehmend?

Digitale Plattformen definieren die Bedeutung neu, Schöpfer zu sein, und zwar auf eine ganz bestimmte Weise. Kreative oder Künstler hören auf, Objekte zu schaffen, und beginnen stattdessen, ihr «Selbst» als fortlaufenden Content zu inszenieren, weil genau das vom Algorithmus belohnt wird. Urheberinnen und Urheber treten nun also zweifach in Erscheinung: einmal durch ihr Werk selbst, einmal durch die endlose Pflege der sozialen Infrastruktur drumherum. Insbesondere Community-Management, Marketing und Personal Branding. Das ist genau die Logik der Markenkommunikation, die Präsentation einer konsistenten Identität für ein algorithmisch vermitteltes Publikum. Wenn Künstler dazu gedrängt werden, dies ebenso zu tun, verschwimmt die Grenze zwischen Kunst und kommerzieller Kreativität nicht nur – sie kollabiert von beiden Seiten zugleich. Die Herausforderung besteht darin, dass Plattformen nahezu die gesamte Arbeit, die früher von Institutionen übernommen wurde, auf einzelne Schöpfer verlagern. Allerdings völlig ohne die Vergütung oder den Schutz, der früher damit einherging.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Wird KI- generierte Kunst ein selbstverständlicher Bestandteil des Kunstmarkts sein oder stehen wir erst am Anfang einer grundlegenden Veränderung?

Dass KI die Kunst verändern wird, ist bereits klar. Die spannende Frage ist, welche Art von Systemen und Kulturen diese Technologien entstehen lassen, wie aus Gewohnheiten Verbindlichkeiten werden, aus Anreizen Werte. Was die engere Marktfrage betrifft: KI-generierte Ergebnisse werden allgegenwärtig und somit unsichtbar sein, so wie jede Neuheit es irgendwann wird, sobald sie nicht mehr knapp ist. Was dagegen nicht unsichtbar werden wird, sind die nachhaltigeren Aspekte – wie die kontinuierliche künstlerische Praxis, die Absicht und die Herkunft der Künstlerin und die Bestätigung ihrer Werke durch künstlerische Einrichtungen. Der interessante Wandel im kommenden Jahrzehnt betrifft aus meiner Sicht die Frage, ob dezentrale, sammlergetriebene Kuratierung dauerhaft verändert und wer die Autorität über das Werk eines Künstlers verleihen darf – ganz unabhängig davon, welches Werkzeug verwendet wurde.

Was raten Sie Künstler:innen, die mit KI arbeiten möchten, ohne ihre eigene Handschrift zu verlieren?

Lasst nicht das Werkzeug die Praxis bestimmen. Die bedeutendsten Künstler, die mit KI arbeiten, jagen selten schönen Bildern nach. Vielmehr untersuchen sie Formen der Wahrnehmung, Handlung, Entstehung, Sprache und Zusammenarbeit. Das Bild, das daraus entsteht, ist das sichtbare Nebenprodukt einer grösseren Forschungsfrage, nicht der eigentliche Punkt, auf den Künster:innen hinauswollen. Mein Rat: Schafft eine Fragestellung, keinen Workflow. Seid euch bewusst, was ihr durch die Maschine erforscht, denn sobald Neuheit kostenlos verfügbar ist, behält allein die Fragestellung ihren Wert. Lasst euren Kontext erkennen, dokumentiert eure Werke und macht eure Ziele dahinter sichtbar. Und habt einen sichtbaren roten Faden, der sich durch eure Werke zieht. Denn die Bedeutung liegt im Kontext, nicht im Erscheinungsbild. Geht bewusst mit der Plattform-Arbeitsfalle um: Entscheidet selbst, wie viel von euch selbst ihr zu Content machen möchtet, denn niemand sonst wird diese Grenze für euch schützen. Und widersetzt euch dem einheitlichen Etikett «KI-Kunst» für eure eigene Praxis. Seid genauestens darüber im Bild, was mit eurer Arbeit in der Maschine passiert – denn diese Präzision ist es, worauf ernsthafte Sammler und Kritiker achten.

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