Zur Sache: Für jeden etwas

Bei den iPad-Apps von Zeitungen und Zeitschriften geht die Entwicklung momentan in verschiedene Richtungen. Einmal gibt es äusserst aufwendig gemachte Applikationen mit jeder Menge Zusatzmaterial, wie Videos, Bilderstrecken, interaktiver Grafiken und allem, was der Fantasie der jeweiligen Entwickler und Medien-Designer sonst noch entspringen kann.

Ein wahres Paradies für Tec-Freaks, würde man meinen. Weit gefehlt, denn den effektiven Web2.0-Aficionados geht die ganze Sache noch viel zu wenig weit, wie man in unzähligen Kommentaren in diversen Blogs lesen kann. Die möchten eigentlich alle Funktionen haben, die sie auf ihrem PC oder Mac regelmässig intensiv nutzen: Artikel verlinken, weiterempfehlen, auf Social-Web-Seiten hochladen und via Twitter ihre unzähligen Follower beglücken. Und das alles selbstverständlich kostenlos. So ist man es halt leider im Netz gewohnt. Dies dank des Initialfehlers der Medienhäuser, die in ihrer Internet-Euphorie die teuer produzierten Inhalte kostenlos ins Netz stellten und glaubten, dass das jahrelang erprobte Geschäfts¬modell der primär anzeigenfinanzierten Inhalte auch im Internet greifen würde. Das dem nicht so ist, wissen wir heute alle.
Es gibt aber auch klassisch daher kommende Apps wie die der NZZ oder der Zeit. Das konventionelle Zeitungslayout wird einfach auf das iPad transformiert. Gewissermassen das E Paper auf dem Tablet. Es gibt ein Inhaltsverzeichnis. Man kann die Seiten mit einem Fingerwischen durchblättern, mittels eines Tipps vergrössert sich die Schrift oder man wechselt in einen reinen Textmodus. Es gibt nicht mehr Bilder als in der Originalausgabe, Videos oder Zusatzmaterial sind auch nicht zu finden. Eine Lösung, die für viele unzeitgemäss ist. Man muss auch hier nur wieder gewisse bissige Kommentare in den Branchenblogs lesen. Was aber diese Kommentarschreiber verdrängen, ist die Tatsache, dass sehr viele Nutzer eben gerade diese Schlichtheit des Auftritts schätzen und gar nicht mehr wollen.
Dann gibt es noch Mischformen. Die iPad-App des Spiegels ist so eine. Sie basiert zwar auf dem klassischen Layout, bietet aber zusätzliche Bilder und längere oder kürzere Videos. Zum Teil sind diese aus dem Fundus von Spiegel TV, zum Teil sind sie auch speziell für die App produziert. Aber alles ohne Schnörkel und Firlefanz. Als langjähriger Spiegel-Leser bin ich begeistert. Ich brauche nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Interessant ist für mich ein weiterer Aspekt. Seit ich den Spiegel und die Zeit auf dem iPad konsumiere, lese ich mehr Artikel als in der Printausgabe. Auch bei der NZZ sind es tendenziell mehr. Von Zeit zu Zeit leiste ich mir aber den Luxus, die Papierausgabe zu lesen. Einfach so.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
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