Lukrativer Lauschangriff

Das Mittel gegen explodierende Druck- und Versandkosten ist gefunden: Marode Zeitungen können ihre Artikel in Zukunft per Druckergeräusch an ihre Leser schicken.

Es gibt viele Wege aus der Krise – für Zeitungen und Zeitschriften könnte einer sein, Artikel per Druckergeräusch an ihre Abonnenten zu übermitteln. Also quasi durch das Rascheln mit dem Blätterwald. Ein Mikrofon am Redaktionsdrucker reicht aus, und schon hat der Leser alle Investigativartikel auf dem Frühstückstisch. Steigende Papier-, Druck- und Versandkosten wären kein Thema mehr, und das Blatt wäre sogar blindengerecht. Allein: Es muss ein Nadeldrucker sein. Sie wissen schon: Ihhhhhhhhht, iiiiiiiiiiht iiiiiiiiiiiiiht, ihhhhhhhhhhhhht. Guter Journalismus ist eben unüberhörbar.
Dem deutschen Kryptografie- und Informatikprofessor Michael Backes von der Universität des Saarlandes ist es kürzlich gelungen, aus den Geräuschen eines Nadeldruckers über 70 Prozent der ausgedruckten Texte zu rekonstruieren. Der Wissenschaftler liess seinen Neunnadler zunächst ein komplettes Wörterbuch drucken und nahm die Geräusche auf. Dann wies er Wörter und Tonmuster einander zu, was ihm nun ermöglicht, Texte anhand der Druckgeräusche automatisch zu erkennen. Die Lauschaktion kostet so gut wie nichts. Ausser vielleicht ein paar Nerven: Ihhhhhhhhht, iiiiiiiiiiht iiiiiiiiiiiiiht, ihhhhhhhhhhhhht.
Mit Druckern aus der Zeit vor der Sintflut arbeiten noch viele Banken und Arztpraxen, vor allem wenn es um Vertrauliches wie Konto- oder Patientendaten geht. Kritisch? Keineswegs. Die Meldung aus dem Saarland macht Mut: Erstens ergibt sich für Tagi, NZZ, Blick & Co. die Chance, im grossen Stil Kosten einzusparen und den alten Nadeldrucker, der beim Chefredaktor ein staubiges Dasein fristet, endlich wieder als vollwertiges Redaktionsmitglied einzusetzen. Zweitens beeindruckt so viel geballte Innovationskraft: Endlich wird sie wahr, die papierlose Zeitung. Und drittens ist es doch toll, dass es jemanden gibt, der Druckergeräusche analysiert – während die Weltwirtschaft den Bach runtergeht und reihenweise Leute auf die Strasse gesetzt werden. So schlecht geht es uns gar nicht. Das ist der Beweis.
Bleibt nur die Frage, was den Lesern mit den nicht entschlüsselbaren 30 Prozent der Textbotschaften entgeht. Sind das die Meldungen aus demElfenbeinturm? Die Feuilletonartikel? Alle Füllwörter? Börsenkurse? Oder Werbung vielleicht? Obwohl – die sicher nicht: Werbung in Printmedien gibts ja nicht mehr. In Zukunft wird Gedrucktes nur noch gesponsert. Von Epson und Sennheiser.
Anne-Friederike Wilhelm

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