Was ist Information eigentlich wert, Herr Meyer?
Journalistische Arbeit kostet immer Geld. Die Frage ist nur, ob man das Ergebnis auch verkaufen kann. Gastkommentar von Oliver Reichenstein, Informationsarchitekt in Tokio.
Redaktorenlogik: Gute Artikel schreiben sich nicht von selber. Da muss einer ran. Man muss Zeit und Wissen und Nerven investieren. Artikel kosten Geld. Und doch ist jetzt plötzlich alles gratis auf dem Internet abrufbar. Sauerei! Wenn einer arbeitet, also Zeit und Wissen und Nerven investiert, dann muss man den entlöhnen, oder? Die Antwort ist: Journalisten dürfen schon Geld für ihre Arbeit verlangen, bloss nicht vom Leser.
Wenn einer Schneemänner in der Arktis baut, dann darf er nicht erwarten, dass ihm der Eskimo dafür einen Thunfisch vor die Füsse legt. Während die Erstellung von Information immer Geld kostet, ist das Ergebnis journalistischer Arbeit nicht immer ein Produkt, für das man vom Leser Geld verlangen kann, besonders nicht im Internet, wo journalis¬tische Arbeit ohne die Illusion eines physischen Produktes vertrieben wird.
Informationskategorien
Manche Texte beinhalten selbstverständlich Information, die sich in Geld messen lässt (Preisvergleiche, Finanzinformationen, Anzeigen). Solche Texte lassen sich relativ leicht verkaufen, weil ihr Geldwert auch offensichtlich ist. Ein hundertfränkiger Text, der mich, wenn ich ihn kaufe und lese, 10‘000 Franken reicher macht, den kaufe ich, ohne mit der Wimper zu zucken.
Künstlerische Texte (Romane, Gedichte, Kurzgeschichten) hingegen haben ihren Zweck in sich. Kunst muss nichts, darf alles. Sie dient allenfalls der Bildung, beinhaltet also einen Wert, den man nicht für einen Warenwert kaufen oder verkaufen kann.
Praktische Texte (Anleitungen, Programmierhandbücher, pädagogische Texte, die Nachrichten des Tages) haben Nutzwert; sie sparen uns Zeit, machen uns geschickter, informieren uns. Man sieht aber im Fall der Werbewoche, wie hoch Marktwert für praktische Informationen sind. Nicht gigantisch hoch. Man braucht Werbung als Katalysator.
Im Gegensatz zu praktischen Texten scheint es – je nach Standpunkt – geradezu infam, für wissenschaftliche Texte Geld zu verlangen. Wissen ist ein allgemeines Recht, kein persönliches Gut. Das Wissen, ob die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt darf kein Preisschild tragen. Horrend teure Elite-Universitäten und Privatschulen nach amerikanischem Modell sind im Zeitalter freien Informationszugangs nichts anderes als eine Groteske.
Und wer zahlt?
Freilich stellt sich nun die Frage: Wer zahlt denn das alles, also die Lehrer, die Künstler, die Journalisten, die Bibliotheken, das Radio, das Fernsehen, wenn das meiste umsonst sein soll?
Nun, dieselben Leute, die bisher die Lehrer, die Künstler, die Journalisten, die Bibliotheken, das Radio, das Fernsehen bezahlt haben. Es funktioniert im Internet genau gleich wie überall sonst: Bildung wird vom Staat finanziert, Kunst von Leuten, die’s gut meinen, praktische Information kann, sofern sie wirklich gut ist, mit Werbung gekoppelt, zu einem niedrigen Preis verkauft werden.
Die einzige Information, für die man wie eh und je direkt Geld verlangen kann, ist Information mit Geldwert; Information, die Geld spart oder Geld macht. Und deshalb kann das Wall Street Journal, nicht aber der Tages-Anzeiger Geld für digitale Daten verlangen.
Aber, aber, aber …
Was ist mit Schallplatten, Filmen, Kriminalromanen, lustigen Boulevardnews? Was ist mit Unterhaltung? Das Neue, Lustige, Skandalöse, Böse, Lässige, Hirnrissige, Unglaubliche hat doch einen hohen Wert? Nicht so schnell, Herr Meyer!
Unterhaltung ist die Qualität einer Information, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Unterhaltung hat keinen Geldwert, sondern einen Aufmerksamkeitswert, den man mit Werbung monetarisieren kann. Auch das ist ein altbekanntes Modell.
Das sollte einem alten Hasen wie Frank A. Meyer, der Gratiszeitungen druckt, ja eigentlich klar sein. Freilich ist es einfacher, den Fortschritt zu verteufeln als mit ihm Schritt zu halten.
Der Grund, warum wir nicht mehr bereit sind, Geld für Informationen auszugeben, ist nicht, dass wir dumm oder böse sind. Wir wissen, dass Information kein Papier mehr braucht, Musik keine CD, Romane keinen Buchdeckel, ein Film kein Kino. Wir wollen die Information zum besten Preis, ohne unnötig für Druck und Distribution, CD-Hüllen, Videokassetten zahlen zu müssen. Wir wollen auch nicht eine ganze Zeitung kaufen, wenn der FC Basel alles ist, was uns in der BaZ interessiert. Das ist weder dumm noch böse, noch antikapitalistisch, noch unbürgerlich – sondern schlichtweg ökonomisch.
Der Grund ist, dass wir so erzogen wurden. Nicht das Internet hat uns zur Unanständigkeit erzogen, Geist umsonst zu verlangen, sondern die Schule, die Bibliothek, das Radio und das Fernsehen. Kann ja nicht billiger sein, Fernsehen zu machen als eine Website zu unterhalten. Oder, Herr Meyer?
Wenn einer Schneemänner in der Arktis baut, dann darf er nicht erwarten, dass ihm der Eskimo dafür einen Thunfisch vor die Füsse legt. Während die Erstellung von Information immer Geld kostet, ist das Ergebnis journalistischer Arbeit nicht immer ein Produkt, für das man vom Leser Geld verlangen kann, besonders nicht im Internet, wo journalis¬tische Arbeit ohne die Illusion eines physischen Produktes vertrieben wird.
Informationskategorien
Manche Texte beinhalten selbstverständlich Information, die sich in Geld messen lässt (Preisvergleiche, Finanzinformationen, Anzeigen). Solche Texte lassen sich relativ leicht verkaufen, weil ihr Geldwert auch offensichtlich ist. Ein hundertfränkiger Text, der mich, wenn ich ihn kaufe und lese, 10‘000 Franken reicher macht, den kaufe ich, ohne mit der Wimper zu zucken.
Künstlerische Texte (Romane, Gedichte, Kurzgeschichten) hingegen haben ihren Zweck in sich. Kunst muss nichts, darf alles. Sie dient allenfalls der Bildung, beinhaltet also einen Wert, den man nicht für einen Warenwert kaufen oder verkaufen kann.
Praktische Texte (Anleitungen, Programmierhandbücher, pädagogische Texte, die Nachrichten des Tages) haben Nutzwert; sie sparen uns Zeit, machen uns geschickter, informieren uns. Man sieht aber im Fall der Werbewoche, wie hoch Marktwert für praktische Informationen sind. Nicht gigantisch hoch. Man braucht Werbung als Katalysator.
Im Gegensatz zu praktischen Texten scheint es – je nach Standpunkt – geradezu infam, für wissenschaftliche Texte Geld zu verlangen. Wissen ist ein allgemeines Recht, kein persönliches Gut. Das Wissen, ob die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt darf kein Preisschild tragen. Horrend teure Elite-Universitäten und Privatschulen nach amerikanischem Modell sind im Zeitalter freien Informationszugangs nichts anderes als eine Groteske.
Und wer zahlt?
Freilich stellt sich nun die Frage: Wer zahlt denn das alles, also die Lehrer, die Künstler, die Journalisten, die Bibliotheken, das Radio, das Fernsehen, wenn das meiste umsonst sein soll?
Nun, dieselben Leute, die bisher die Lehrer, die Künstler, die Journalisten, die Bibliotheken, das Radio, das Fernsehen bezahlt haben. Es funktioniert im Internet genau gleich wie überall sonst: Bildung wird vom Staat finanziert, Kunst von Leuten, die’s gut meinen, praktische Information kann, sofern sie wirklich gut ist, mit Werbung gekoppelt, zu einem niedrigen Preis verkauft werden.
Die einzige Information, für die man wie eh und je direkt Geld verlangen kann, ist Information mit Geldwert; Information, die Geld spart oder Geld macht. Und deshalb kann das Wall Street Journal, nicht aber der Tages-Anzeiger Geld für digitale Daten verlangen.
Aber, aber, aber …
Was ist mit Schallplatten, Filmen, Kriminalromanen, lustigen Boulevardnews? Was ist mit Unterhaltung? Das Neue, Lustige, Skandalöse, Böse, Lässige, Hirnrissige, Unglaubliche hat doch einen hohen Wert? Nicht so schnell, Herr Meyer!
Unterhaltung ist die Qualität einer Information, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Unterhaltung hat keinen Geldwert, sondern einen Aufmerksamkeitswert, den man mit Werbung monetarisieren kann. Auch das ist ein altbekanntes Modell.
Das sollte einem alten Hasen wie Frank A. Meyer, der Gratiszeitungen druckt, ja eigentlich klar sein. Freilich ist es einfacher, den Fortschritt zu verteufeln als mit ihm Schritt zu halten.
Der Grund, warum wir nicht mehr bereit sind, Geld für Informationen auszugeben, ist nicht, dass wir dumm oder böse sind. Wir wissen, dass Information kein Papier mehr braucht, Musik keine CD, Romane keinen Buchdeckel, ein Film kein Kino. Wir wollen die Information zum besten Preis, ohne unnötig für Druck und Distribution, CD-Hüllen, Videokassetten zahlen zu müssen. Wir wollen auch nicht eine ganze Zeitung kaufen, wenn der FC Basel alles ist, was uns in der BaZ interessiert. Das ist weder dumm noch böse, noch antikapitalistisch, noch unbürgerlich – sondern schlichtweg ökonomisch.
Der Grund ist, dass wir so erzogen wurden. Nicht das Internet hat uns zur Unanständigkeit erzogen, Geist umsonst zu verlangen, sondern die Schule, die Bibliothek, das Radio und das Fernsehen. Kann ja nicht billiger sein, Fernsehen zu machen als eine Website zu unterhalten. Oder, Herr Meyer?
